Michael Thrun ist Experte für historische Fechtkunst / Zugang zum Vatikan / Fotografin Frauke Beer dokumentiert päpstliche Waffenkammern

Ein Emtinghauser trainiert die Schweizergarde

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Frauke Beer übergab das Fotobuch in Emtinghausen persönlich an Garde-Mitglied Christian Tischhauser (2. v. li.) und Fredy Abächerli, den 2. Geschützmeister (Waffenmeister) der Schweizergarde.

Emtinghausen / Rom - Von Dieter Sperling. Der Vatikan: Wer denkt dabei nicht an Papst Franziskus mit seiner Kurie und seinen Kardinälen, den Petersdom, die Sixtinische Kapelle oder auch die Schweizergarde. Sicherlich wird der Vatikan auch mit Rom und seiner imposanten Historie in Verbindung gebracht – und natürlich mit der Weihnachtsbotschaft des Papstes, in der dieser traditionell zu Frieden und Gerechtigkeit aufruft. Doch mit dem kleinen Örtchen Emtinghausen verbindet wohl niemand den Vatikan.

Und dennoch gibt es eine enge Verbindung. In Emtinghausen wohnen nämlich Michael Thrun und seine Lebensgefährtin Frauke Beer. Und dieses Duo unterrichtet die Schweizergarde in historischer Fecht- und Kampfkunst.

Michael Thrun betreibt in Bremen die Hanseatische Akademie für historische Fechtkünste, aus der sich auch die historische Hanse-Garde rekrutiert. Eher zufällig kam der Kontakt zur Schweizer Garde vor acht Jahren über ihren „Mitstreiter“ Rainer Grytt aus Twistringen zustande, dem Präsidenten der Deutschen Jiu-Jitsu-Union.

„Wir sind keine Leute, die auf Mittelaltermärkten ’rumlaufen und Ritter spielen“, erklärt der 51-Jährige. „Bei uns wird strikt nach Regeln und Vorschriften mittelalterlicher Kampfkunst ausgebildet.“

Und genau einen solchen Ausbilder, einen absoluten Experten, zudem noch zuverlässig und verschwiegen, brauchte die Schweizer Garde. Schließlich gehört der richtige Umgang mit Hellebarde, Landsknecht-Spieß, Säbel oder Degen für Soldaten in heutiger Zeit nicht zum Standardprogramm. Spätestens nach einem Besuch zweier Schweizergardisten in Emtinghausen im Jahre 2013 inklusive eines speziellen Schulungsprogrammes stand der Kontakt. Die Einladung in den Vatikan folgte auf dem Fuße. „Die wollten ihr historisches Wissen auffrischen, insbesondere im Umgang

„Erlebte

Geschichte“

mit der Hellebarde.“ Fünf Tage weilten Michael Thrun und Frauke Beer 2014 in Rom. Trainiert wurde, zum Teil in Garde-Kleidung, auf dem Gelände des Vatikans – sowohl mit hölzernen Attrappen, als auch mit Original-Waffen. Erneut vertieft wurde die Beziehung zu Beginn dieses Jahres, als für zwei Offiziere wieder ein Lehrgang in Emtinghausen und Bremen auf dem Programm stand. Außer alten Kampftechniken standen dabei auch Waffenpflege und Metallverarbeitung auf dem Lehrplan – sowie Reiten auf dem benachbarten Köhler-Hof. Michael Thrun: „Die waren begeistert.“

Untergebracht waren die beiden Emtinghauser bei ihrem letzten Rom-Aufenthalt direkt in den heiligen mächtigen Mauern des Vatikan, die sonst kaum ein „Normalsterblicher“ betreten darf. „Wir hatten sozusagen einen Hausschlüssel für den Vatikan“, lacht Frauke Beer.

„Bis auf die Papst-Gemächer selbst haben wir fast alles gesehen“, erzählt die 33-Jährige. „Von den vatikanischen Gärten bis zu den Kasernen der Garde. Der Petersdom ist einmalig. Auch bei einer Papstmesse waren wir dabei.“ Natürlich hatten die beiden Emtinghauser auch Zugang zu Waffenkammern der päpstlichen Garde, in denen außer den Garde-Gewehren auch die zum Teil jahrhundertealten historischen Hieb- und Stichwaffen, Helme und Rüstungen aufbewahrt werden. „Ein einmaliger, imposanter Anblick“, schwärmt Michael Thrun noch heute – wobei es mit dem Anblick nicht getan war. Natürlich wurden die historischen Waffen auch in die Hand genommen und ausprobiert. Michael Thrun: „Das ist erlebte Geschichte.“

Und da passte es hervorragend ins Bild, dass Frauke Beer nicht nur eine hervorragende Fechterin und Reiterin ist, sondern auch eine ausgebildete und versierte Mediendesignerin. Sie fertigte während des Aufenthaltes eine Dokumentation über die Waffen und Waffenkammern der Garde an. Der fertige Bildband, ein Unikat, wurde von Vertretern der Schweizergarde beim letzten Besuch persönlich in Emtinghausen abgeholt und nach Rom gebracht. „Dieses Buch ist einmalig auf der Welt“, sagt Frauke Beer, die aber durchaus mit dem Gedanken spielt, für sich noch ein Duplikat anzulegen. „Ich hoffe, dass das dann vom Papst persönlich signiert wird.“

Angenehm überrascht waren Thrun und Beer von der Atmosphäre und dem Umgangston im Vatikan: „Die Menschen sind sehr offen. Viele sprechen Deutsch, ansonsten ist Italienisch Amtssprache. Es herrscht ein angenehmer Umgangston. Auch die Geistlichen sind Menschen wie du und ich. Gegessen haben wir mit den jungen Männern der Garde, übrigens allesamt waschechte Schweizer. Und nach Feierabend war auch durchaus einmal Zeit für einen Plausch bei einem Drink.“

Michael Thrun und Frauke Beer haben im Vatikan unglaublich viele Eindrücke gesammelt, viel Spaß bei der Ausbildung gehabt und viele nette Leute kennengelernt. Versteht sich von selbst, dass sie sich schon auf den nächsten Aufenthalt im Vatikan freuen, der übrigens noch viel winziger ist als ihr Heimatort Emtinghausen. Im nächsten Jahr geht es wieder für einige Tage in den kleinsten Staat der Welt.

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