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Ein Fazit ohne Honig

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Von: Philipp Köster

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Klingt vielleicht banal, ist aber in der Kirche nicht (mehr?) selbstverständlich: Für Pastorin Anja Sievers ist Jesus Christus zentraler Gegenstand kirchlichen Handelns. Sie hat ihrer Gemeinde zum Abschied ein Eichenkreuz geschenkt.
Klingt vielleicht banal, ist aber in der Kirche nicht (mehr?) selbstverständlich: Für Pastorin Anja Sievers ist Jesus Christus zentraler Gegenstand kirchlichen Handelns. Sie hat ihrer Gemeinde zum Abschied ein Eichenkreuz geschenkt. © pk

Lunsen – Man muss sich den Weg Richtung Schreibtisch ein bisschen bahnen. Überall stehen Kartons und Tüten herum. Das Büro von Anja Sievers sieht aus wie Büros eben so aussehen kurz vor Umzügen. „Ich habe aber einen Stuhl für Sie freigeräumt“, lädt die Pastorin den Reporter ein, der zum Abschiedsporträt nach Lunsen gekommen ist.

Denn wie berichtet, heißt es für Familie Sievers, Abschied zu nehmen – nach Ehemann Sebastian am vergangenen Sonntag von den BIO-Kirchengemeinden Blender, Intschede und Oiste ist nun am Samstagabend Anja Sievers in Lunsen dran.

Ganz so wehmütig wie das Lebewohl beim Gatten ausfiel, wird es in ihrem Fall nicht sein. Das verhehlt die Pastorin nicht in diesem Gespräch. Sie werde die Menschen nach neun Jahren im Lunser Pfarramt vermissen. „Vor allem die Kirche. Diese bunten Fenster und dieser segnende Christus. Der hat mich vor jedem Gottesdienst immer begrüßt.“

Ihre besondere Beziehung zu diesem Gotteshaus erklärt auch, wie sehr sie vom Vorfall im vergangenen Frühjahr getroffen war, dem „schlimmsten Erlebnis“ ihrer Dienstzeit als eine Frau mit einem Mann in der Kirche einen Erotikfilm gedreht haben soll, der dann auf einschlägigen Internetportalen zu sehen war. „Das ist an Abartigkeit nicht zu überbieten. Diese Kirche ist mein Baby und wurde auf das Allerekelhafteste beschmutzt“, ist die Pastorin immer noch fassungslos. Als sie davon damals Wind bekam, habe sie zunächst nur funktioniert und Landeskirche, Superintendenten und Kirchenvorstand informiert. „Danach bin ich aber regelrecht zusammengebrochen und musste erst mal weinen.“ Auch viele Gläubige seien entrüstet gewesen. Es habe sich schließlich um deren Kirche gehandelt, in der sie getauft und getraut worden seien.

Auch mit dem ein oder anderen Mitglied ist sie aneinandergeraten, gibt sie zu. „Ich bin kein Mensch der leisen Töne, sondern ehrlich und direkt.“ Etwa als es im ersten Jahr darum ging, das Hoyaer Konfirmandenmodell einzuführen, bei dem die Kinder schon ab der vierten Klasse auf die Konfirmation vorbereitet werden. Die Konfifreizeit in den Sommerferien auf einer Ritterburg im Schwäbischen („ein absolutes Highlight“) und die Konfirmation im September (!) – das schmeckte nicht allen Eltern.

Neben den Reibereien musste sie aber auch „E-Mails unter der Gürtellinie“ lesen. Grundsätzlich hätte sich die 38-Jährige öfter das direkte Gespräch gewünscht, statt hinten herum kritisiert zu werden. Etwa für ihre Reform der Zelebration des Volkstrauertages, den sie weg von der reinen Kranzniederlegung mit Andacht bei Nieselregen gern gemeinsam mit Feuerwehr und Schützenverein dauerhaft zu einer zukunftsfähigen Friedens- und Lichterveranstaltung am Vorabend gewandelt hätte.

Anja Sievers' Einführung ins Pfarramt von der damaligen Superintendentin Elke Schölper.
Anja Sievers" Einführung ins Pfarramt von der damaligen Superintendentin Elke Schölper. © Albrecht

Nein, es war nicht alles super, in ihren Jahren in Lunsen. Das wird an diesem regnerischen Morgen deutlich. Und Anja Sievers rudert nicht zurück, relativiert nicht, fordert nicht einmal dieses bei Journalisten verpönte „Aber schreiben Sie das nicht“ ein.

Natürlich habe es auch viele schöne Momente gegeben. Neben den „großartigen“ Taufen auf der Weser und den „tollen“ Hubertusmessen nennt die zweifache Mutter die Kerzenscheingottesdienste, zu denen immer rund 100 Leute im gewöhnlich kirchenfernen Alter zwischen 30 und 55 Jahren an Samstagabenden statt 30 am Sonntagmorgen gekommen seien.

Unter anderem diese Kerzenscheingottesdienste will sie in ihrer neuen Gemeinde in Bad Nenndorf fortsetzen. „Die finden das gut.“ Am Deister wird sie mit Ehemann Sebastian zwei ganze Pfarrstellen betreuen.

Diese Verbesserung hebt sie hervor: Anja Sievers war die erste Pastorin, die in Lunsen nur noch eine halbe Stelle hatte. „Das ist schade. Ich konnte nicht so präsent sein, mehr war aber nicht zu stemmen.“ Je mehr Leute austräten, desto weniger Pastor sei eben da, bringt die Geistliche eine in der Kirche gültige weltliche Regel der Personalplanung auf den Punkt. Hier hatten sie und ihr Mann mit eineinhalb Stellen vier Kirchengemeinden zu betreuen. Hinzu kam bei ihr seit 2020 noch die 25-Prozent-Stelle als Krankenhausseelsorgerin in Achim – eine „gute Zeit“, in der sie ihr pastorales Profil geschärft und die Seelsorge als ihr Ding ausgemacht habe. „Ich behaupte, dass ich das gut kann“, sagt sie. Sie müsse sich darum auch nicht mehr grämen, dass sie findet, dass ihr Mann besser predigen könne als sie.

Mit einigen kirchenpolitischen Entscheidungen sei sie nicht einverstanden gewesen. Die Kampagne des Kirchenkreises, „Impfen ist Nebenliebe“, habe sie abgelehnt, was sie auch Superintendent Fulko Steinhausen ins Gesicht gesagt habe, was der wiederum auch gut vertragen konnte. Ein Werbebanner mit dem „Impfen-ist-Nächstenliebe“-Spruch „kommt mir nicht vor das Haus“. Denn es grenze die aus, die zum Beispiel Angst vor einer Impfung gehabt hätten, „und für die müssen wir da sein“. Sie habe dann mit ihrem Mann ein Plakat gekauft mit der Jahreslosung 2022 aus dem Johannesevangelium: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Das wertet Anja Sievers als Zeichen innerkirchlicher Rebellion aus gut lutherischer Tradition heraus.

Apropos Bibel: Aus den Sprüchen Salomos zitiert sie: „Alles hat seine Zeit.“ Das gelte nun auch für sie und ihre Familie. Sie verlasse Lunsen, den Ort, wo ihre Kinder geboren seien, in der Sicherheit, dass Gott sie führe, vor neue Herausforderungen stelle und neue Wege beschreiten lasse. „Ich mag Herausforderungen, und ich fühle mich von Gott getragen. Das war schon immer so.“

Abschiedsgottesdienst und Empfang

Pastorin Anja Sievers verabschiedet sich am Sonnabend, 14. Januar, um 19 Uhr in der Lunser Kirche von ihrer Gemeinde. Die Predigt hält Superintendent Fulko Steinhausen. Im Anschluss gibt es im Gemeindehaus einen Empfang, zu dem Interessierte ebenso willkommen sind. Nach einem Urlaub ab dem 20. Januar treten sie und ihr Mann Sebastian ihren Dienst am 1. Februar in Bad Nenndorf an. pk

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