Julia Käufler sucht nach ihren Kindern und das FBI nach dem Vater

Munir und die Detektive

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Ein Bild aus glücklichen Tagen: Julia Käufler und Munir Uwaydah mit den Zwillingen Laura und Naim. Die aus Verden stammende Frau wird ihre Kinder wohl nicht wiedersehen - sie sind beim Vater im Libanon.

Verden/Berlin/Beirut - Von Martin Sommer. An manchen Tagen ist der Schmerz kaum zu ertragen. Dann läuft Julia Käufler durch ihr Berliner Viertel, durch ein Spalier aus Kinderläden, vorbei an Spielplätzen – und ihr wird bewusst, dass sie Laura und Naim, ihre beiden Kinder, wohl nicht wiedersehen wird. „Das ist unglaublich schwer“, sagt die 33-jährige Mutter, deren zehnjährige Zwillinge vom Vater im Libanon festgehalten werden.

Nicht einmal das FBI kommt an ihn heran: Die US-Fahnder suchen Munir Uwaydah mit internationalem Haftbefehl, weil der Arzt Versicherungen um 150 Millionen Dollar betrogen haben soll. Die Bezirksstaatsanwältin in Los Angeles wirft dem 50-jährigen Chirurgen vor, nicht erbrachte Leistungen abgerechnet und die Einnahmen über ein Firmengeflecht verschleiert zu haben.

Wenn Julia Käufler an Spielzeugläden vorbeikommt, muss sie unweigerlich an ihre Kinder denken.

Jahrelang blieb Julia Käufler ahnungslos; ihr war lange Zeit nicht einmal bekannt, dass sie an der Seite eines verheirateten Familienvaters lebte: „Ich wusste erst, was passiert war, als die Polizei vor der Tür stand.“ Das war im Jahr 2010, als sich Munir Uwaydah Hals über Kopf in den Libanon absetzte, dessen Staatsangehörigkeit der gebürtige Amerikaner ebenfalls besitzt. Zwischen beiden Staaten besteht kein Auslieferungsabkommen. Die Familie ohne Trauschein hatte gerade am Strand von Santa Monica den vierten Geburtstag der Zwillinge gefeiert und wollte abends mit Verwandten essen gehen. „So etwas war ihm immer wichtig.“ Doch er kam nicht wieder. Stattdessen sein Anruf nach einigen Tagen: „Sprich mit niemandem! Wenn was ist, wende dich an den Anwalt!“ Munir gab klare Anweisungen; er schien gut vorbereitet. Aber er sagte nicht, worum es ging.

Umso ausführlicher beschreibt das die Anklageschrift vom 25. Februar 2015 (Az.: BA425397). Danach sollen Uwaydah und zehn Mitangeklagte Prämien für Patientenvermittlungen an Werber gezahlt, Hilfskräfte Operationen unfachgemäß ausgeführt und Uwaydah sowie ein Assistent unnötige Behandlungen durchgeführt haben. Das sind nur drei von 34 Anklagepunkten. Einer davon – Steuerhinterziehung – wurde inzwischen fallengelassen.

Um den Vorwurf der Geldwäsche geht es in einem weiteren Schriftsatz an den Superior Court von Los Angeles vom 24. September 2015. Darin beschreibt Bezirksstaatsanwältin Jackie Lacey ein Firmengeflecht und ein Netz aus Bankkonten mit dem Zweck, Uwaydahs Vermögenswerte zu verstecken. Lacey: „Und er macht das auch heute noch.“

Schwarze Einnahmen wurden laut Anklage in Estland gewaschen – über Firmen, die Uwaydah und seine Helfer dort installiert haben sollen. Deshalb seien Uwaydah und einige Mitangeklagte auch bei der maroden Ventura County Business Bank eingestiegen, einem regionalen Geldinstitut nördlich von Los Angeles, „um ihren kriminellen Erlös leichter waschen zu können“. Doch der Bank-Deal ging schief. Am 23. September 2011 verkündete die Royal Business Bank, eine chinesisch-amerikanische Geschäftsbank, die Übernahme der regionalen Ventura-Bank. Diese Akquisition kostete acht Investoren eine Menge Geld, insgesamt neun Millionen Dollar. Den Batzen wollten sie wiederhaben und zogen knapp zwei Jahre später vor den Superior Court von Ventura County. Unter den Klägern: Paul T. und Ron C., der eine Chiropraktiker in Munir Uwaydahs Gesundheitsimperium, der andere Finanzmanager darin, beide gemeinsam Mitangeklagte ihres früheren Chefs. 

Und da taucht ein weiterer Kläger auf, der in Verbindung zu Uwaydah steht: Holger Blank aus Sandbostel, Immobilienhändler für Reitanlagen, Gestüte und Pferdehöfe. Und laut Amtsgericht Walsrode bis zum 9. Dezember 2014 Geschäftsführer auf dem Gestüt Eichenhain in Blender (Handelsregister-Nummer HRB 122351).

Holger Blank reagiert abweisend, als er auf die Millionenklage angesprochen wird. „Ich kann da so nichts zu sagen“, antwortet er auf die Frage nach der Herkunft des Geldes. Aber, kommt der Einwand, an eine solche Klage in den USA sollte man sich doch erinnern. „Das ist richtig“, sagt er und reicht die Zuständigkeit weiter: „Da sind Sie bei mir nicht an der richtigen Adresse."

Julia Käufler: "Er hatte ja immer andere Frauen"

Als die Polizei nach Uwaydahs Flucht vor der Tür stand, hatten sich Julia Käufler und ihr Lebensgefährte bereits auseinandergelebt; sie bewohnten verschiedene Etagen in der großzügig bemessenen Villa in Marina del Rey. „Das war irgendwie schlüssig, denn er hatte ja immer andere Frauen.“ Eine war Juliana Redding, 21-jähriges Model, angehende Schauspielerin – und Tochter eines Apothekers. Mit diesem versuchte der Liebhaber ins Geschäft zu kommen. Doch Daddy stellte Nachforschungen an, kam dahinter, dass Uwaydahs Altersangabe nicht stimmte, er seit dem Jahr 2000 verheiratet war und Kinder hatte. Das Model beendete die Liebesbeziehung und der Vater die geschäftlichen Verhandlungen. Fünf Tage später, am 15. März 2008, war Juliana Redding tot. Erwürgt.

Der Verdacht fiel auf Kelly P. Die heute 50-Jährige gilt als enge Vertraute Uwaydahs, arbeitete als seine Bürochefin und persönliche Assistentin – und ist zudem Mitangeklagte in dem 150-Millionen-Dollar-Deal. Nach mehr als einwöchiger Beratung kam die Jury am 5. Juni 2013 schließlich zu dem Urteil: Not guilty – nicht schuldig! Die Verteidigung hatte ganze Arbeit geleistet – und laut Staatsanwaltschaft hatte Uwaydah sie bezahlt.

All dies konnte indes nicht verhindern, dass im Rahmen des Mordprozesses auch Informationen über den Chirurgen und sein Imperium eingeholt wurden. Dabei fanden die Ermittler heraus, dass er fast immer Mitarbeiter in die Firmenspitze vorgeschoben hatte, während er namenlos im Hintergrund blieb. „Bei Munir gibt es immer Konditionen“, beschreibt Julia Käufler ihre Einblicke aus nächster Nähe. „Das sind Knebelverträge.“ Die Mitläufer hätten funktioniert, weil der Kopf mit Abhängigkeiten gearbeitet habe. „Und mit Angst; damit operiert er bei jedem.“ Die Mutter der gemeinsamen Zwillingskinder kennt das aus eigenem Erleben: „Ich habe mich mehrere Jahre unsicher gefühlt.“

Dabei hatte alles so wunderbar angefangen. Als Gast der Verdener Domschänke war der Pferdeliebhaber Uwaydah auf die 19-jährige Kellnerin aufmerksam geworden, die damals, im Jahr 2002, kurz vor ihrem Abitur stand. Und der 17 Jahre ältere amerikanische Geschäftsmann legte sich ins Zeug: „Er kam immer wieder in die Stadt. Er hat mich ausgeführt. Er war sehr charmant, und ich mochte ihn auch – sehr sogar.“ Dann das Angebot, doch in die USA zu kommen. Julia Käufler willigte ein – nicht ahnend, dass der Charmeur längst verheiratet war. „Ich hatte ja keinen Plan.“

Widersprüchliche Angaben zu Besitzverhältnissen des Gestüts

2004 dann der Kauf des 1791 erbauten „Hinnershoffs“ in Blender, der fortan den Namen Gestüt Eichenhain tragen sollte. „Er wollte was kaufen“, erinnert sich Julia Käufler. Mit ihren Kontakten in der Reiterstadt Verden wurde sie schnell fündig. „Das ist es“, wusste sie sofort. „Und das hab’ ich ihm dann aufgeschwatzt. Das war unser Projekt. Das hat uns beiden Spaß gemacht.“

Das Gestüt Eichenhain in Blender.

Zu den Besitzverhältnissen des Gestüts gibt es widersprüchliche Angaben. Der Rechtsberater der Eichenhain GmbH, der Berliner Anwalt Peter Mayer, stellt fest: „Herr Uwaydah ist da nicht beteiligt.“ Was Julia Käufler süffisant kommentiert: „Ja, Munir ist Besitzer von nichts.“ Weshalb aber heißt es auf der Homepage des Gestüts: „Im Jahre 2004 wurde das Gestüt Eichenhain von seinem jetzigen Eigentümer erworben“? Und ist es ein Zufall, dass Uwaydahs persönliche Assistentin Marisa S., Mitangeklagte im kalifornischen Betrugsskandal, vom 14. September 2009 bis zum 24. August 2010 als Prokuristin auf Eichenhain eingetragen war? Aktuelle Geschäftsführerin des Gestüts Eichenhain ist seit dem 9. Dezember 2014 Kadri Uwaydah, prominente Ehefrau des schillernden Phantoms. Sie war Miss Estland 1998 und Miss Baltic Sea 1999. In den Archiven lautet ihr Zeugnis: 91-61-91.

Uwaydahs Balzverhalten in Estland weist auffällige Parallelen zu seinem Buhlen in Verden auf. In Tallinn hatte er 1999 die damals 19-jährige Schönheit Kadri Väljaots kennengelernt. Erfolgreich schaltete der Charmeur Stufe eins und umgarnte die Angebetete, die ihren späteren Gatten einmal in einem Interview als „witzigen, gutherzigen und enorm hilfreichen Menschen“ charakterisierte. Es folgte Stufe zwei der Eroberung: die Investition in der Heimat der Liebschaft. In Estland sollte es ein leerstehender Herrensitz aus dem Jahr 1520 sein. „Wir kamen ganz zufällig auf den Hof und hatten sofort die Idee, die Villa zu kaufen und zu renovieren“, erzählte Kadri Uwaydah einmal.

Wem der Palast offiziell gehörte? Zunächst der estnischen Fort Holding, die ihn am 30. September 2003 an die libanesische Pergola S.A.L. veräußerte. Beide waren laut Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ auch zeitweilig am Gestüt Eichenhain beteiligt. Über die Besitzverhältnisse der Firmen schreibt der „Eesti Ekspress“, die auflagenstärkste politische Wochenzeitung Estlands: „Beim Notar wurde der Käufer vertreten durch (Überraschung, Überraschung!) Kadris Bruder Andres Väljaots, Verkäufer war Freundin Triin Rannat.“

Die Behörden vor Ort interessiert in der Regel nicht, wer da vor ihrer Haustür investiert. „Es kann keine schlechte Person dahinter sein“, sagte Aili Peterson, für Denkmalschutz zuständiger Provinz-Oberinspektor, nach Uwaydahs estnischem Villen-Deal. „Ich bin glücklich, wenn der Käufer mit einer Tasche voller Geld daherkommt.“

Das Gestüt Eichenhain in Blender: Nicht alle Nachbarn wollen damit in Verbindung gebracht werden.

Auch in Blender schert sich niemand um die Hintergründe des Gestüts. Ein Nachbar, der im Ort angeblich jeden kennt und alles weiß, möchtenicht im Zusammenhang mit Munir Uwaydah genannt werden, auch ein maßgeblicher Kommunalpolitiker will sich nicht zitiert sehen. Nicht einmal mit dem Satz: „Ich habe ihn nie gesehen.“ Wenigstens Rolf Thies (SPD), der Bürgermeister von Blender, versteckt sich nicht. Als Ratsmitglied war er Uwaydah seinerzeit einmal auf der Einweihungsfeier des Gestüts begegnet. Dabei blieb es dann auch. Das einzige, was er jahrelang über den Käufer wusste: „Es war bekannt, dass da jemand mit Geld ist.“ Woher es stammte, nicht.

Über die Ermittlungen der deutschen Behörden ist schnell berichtet. Das Landeskriminalamt Niedersachsen verweist an die zuständige Polizeidirektion in Oldenburg, diese wiederum an die Staatsanwaltschaft in Verden, und die reicht an die Generalstaatsanwaltschaft in Celle weiter. Hier dürfen endlich schriftlich Fragen vorgebracht werden. Zum Beispiel nach den laut Haftbefehl 18 unterschiedlichen Alias des Gesuchten, darunter „John Doe“, die US-Version von „Max Mustermann“. Klare Frage – keine Antwort. Aus Celle heißt es lapidar: „Zu dem von Ihnen angefragten Verfahren können keine Auskünfte erteilt werden.“ Ein einfacher Ladendieb, so drängt es sich auf, wird in Deutschland öffentlichkeitswirksamer gesucht.

Fahrer chauffieren die Kinder im Libanon

Im Beiruter Exil führt Munir Uwaydah derweil ein auskömmliches Leben. Dort bewohnt er nach Angaben Julia Käuflers mit Ehefrau Kadri, ihren drei gemeinsamen Kindern und den Zwillingen Laura und Naim eine luxuriöse, zweigeschossige Wohnung im reichsten Stadtteil. Fahrer chauffieren die Kinder, mehrere Hausangestellte erfüllen die Bedürfnisse der siebenköpfigen Familie. Auf dem Land befindet sich ein enormes Anwesen innerhalb eines abgeschirmten Viertels im Bau.

Dokumentation

Zum Schutz der Zwillinge Laura und Naim wurde ein älteres Foto verwendet. Das Motiv zeigt die Geschwister im Alter von zwei Jahren. Inzwischen sind die Kinder zehn Jahre alt und haben ihr Aussehen verändert. Darüber hinaus werden die Namen der Kinder geschützt; „Laura“ und „Naim“ sind fiktiv. Gerne hätten wir Munir Uwaydah Gelegenheit gegeben, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Eine schriftliche Anfrage blieb jedoch unbeantwortet - ms

Außerhalb seines Domizils ist der international Gesuchte auf Unauffälligkeit bedacht. „Er hält den Kopf unten, hat keine engen Freunde“, sagt Julia Käufler, die seine Lebensgewohnheiten von Aufenthalten in Beirut kennt. Einige Male reiste sie nach 2010 mit den Kindern zum Vater, lebte dort sogar eine Zeit lang, gab Yogakurse und unterrichtete Deutsch am Goethe-Institut. Denn auch nach der Flucht hatte sich der Vater ihrer Kinder im Miteinander tadellos verhalten und pünktlich sowie angemessen Unterhalt gezahlt. Und niemals hätte sie sich den bevorstehenden Kindesentzug vorstellen können: „Ich habe in meiner grenzenlosen Naivität angenommen, dass er die Kinder nicht von ihrer Mutter trennen würde.“ Was er dann 2012 doch tat. „Da hat er sie morgens abgeholt und nicht wiedergebracht.“

Es folgten unschöne Auseinandersetzungen vor dem Scharia-Gericht. „Munir hat die übelsten Dinge über mich erzählt. Dass ich rumhure, Drogen nehme und so weiter.“ Am Ende konnte es nur einen Gewinner geben. Und Uwaydah bleibt Uwaydah: „Er steht immer noch morgens früh auf, um Aktivitäten in den Staaten zu betreuen“, weiß Julia Käufler. Denn, das habe er sie einmal wissen lassen: „Die Geschäfte laufen weiter.“

 

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