Vor 70 Jahren: Kriegsende in Intschede / Hermann Müller als Zeitzeuge erinnert sich / Zuflucht im Keller

Die Russen mit falscher Flinte genarrt

+
Zeitzeuge Hermann Müller erinnert sich an das Kriegsende in seinem Heimatort

Intschede - Vor 70 Jahren war Kriegsende auch in Intschede. Hermann Müller als Zeitzeuge erinnert sich an das damalige Geschehen.

1945 war ein außerordentlich sonniges Frühjahr. Neun Flüchtlinge waren bei uns im Haus. Am Samstag, 7. April, kam der Krieg auch in unser Dorf. Wir hörten Geschützfeuer, wahrscheinlich Panzer in Blender. Überall, wo Panzersperren waren, wurden dort die nebenliegenden Gebäude in Brand gesetzt. Gegen 15 Uhr kam eine Gruppe von etwa sechs deutschen Soldaten bei uns auf den Hof. Sie verbanden ihre verletzten Füße unter den großen Kastanienbäumen. Meine Schwester, damals 20 Jahre alt, bot den Soldaten frisch gebackene Semmel mit Butter und Gelee an und „Mukkefuk“-Kaffee (geröstete Gerste). Die volle Dankbarkeit leuchtete in ihren Augen.

Die Soldaten waren gerade mit dem Kaffeetrinken fertig, als wir Kettengerassel auf der Straße von Blender nach Intschede hörten. Einer der Soldaten rief: „Panzerfäuste bereitmachen, sie kommen!“

Die anderen aber sagten: „Bist du verrückt, wir hauen ab“ – und sogleich liefen sie in den Gräben geduckt Richtung Weser. Ein anderer von den Kameraden aber hatte am Ortseingang, hinter der Gartenmauer gesessen, und schoss auf den ersten Panzer, bei dem aber nur die Ketten zerstört wurden. Die Engländer schleppten diesen Panzer ab nach Blender und wir sahen dann von unserem Küchenfenster aus, in der Entfernung von etwa 200 Meter auf dem Weg nach Reer zwei Manschafts-Panzerwagen, die dort anhielten. Meine Schwester ging nach draußen, winkte mit einem weißen Tuch und guckte dabei durch Vaters Jagd-Fernglas. Sogleich sprangen drei Soldaten von ihren Fahrzeugen herunter und liefen durch den damals noch vorhandenen Kirchweg zu uns auf den Hof. Auf der Diele, die Maschinenpistole im Anschlag: „Where are the German soldiers?“ Ich antwortete ihnen auf Englisch, dass es hier keine Soldaten gäbe. Einer stieg auf den Heuboden, der andere stand mit Maschinenpistole im Anschlag unter der Luke. Es waren keine Soldaten da, aber dann die Frage: „Where is the glas?“ Als wir ihm Vaters Privatfernglas reichten: „Ok, that's allright“ und nahmen unser Fernglas mit.

Dann in der Nacht darauf, wir waren alle im Bett, ging auf einmal Granatfeuer los. Es krachte vor unserem Schlafzimmerfenster, Pfannen fielen vom Dach, und wir alle strebten zum Keller, wo wir ja auch schon ein Lager eingerichtet hatten für 13 Personen (Familie und Flüchtlinge).

Nachdem wir den schützenden Keller erreicht hatten, traf eine Granate genau das Fenster vor der Kellertür, wo wir kurz zuvor noch gestanden hatten. Die Mauersteine fielen die Kellertreppe herunter und draußen war das Milchgeschirr durchlöchert.

Wenige Tage später bekamen wir Anweisung von den Engländern, sämtliches Vieh wieder reinzuholen, weil ein deutscher Angriff bevorstünde. Wir könnten auch das Dorf verlassen. Der Familienrat beschloss: Wir bleiben! Mein Vater schickte meine Schwester und mich zur Kommandantur, die bei Bäcker Sammann eingerichtet war. Wir wollten erreichen, dass das Vieh auf der Weide bleiben kann (weniger Risiko). Als wir dort ankamen, war der Major nicht anwesend und wir gingen hinüber zur benachbarten Gastwirtschaft. Nach kurzer Zeit begann ein Beschuss von deutscher Seite von der anderen Weserseite her. Wir liefen mit allen dort im Haus Wohnenden in den engen flachen Keller an der Küche. Ich hatte unseren Terrier „Mobbi“ mit und einer der Personen rief: „Was soll die Töle hier, die stinkt!“ Meine Schwester: „Gut, dann gehen wir raus!“. Bevor sie den Kopf durch den Türrahmen in der Küche steckte, explodierte hinter dem Küchenfenster eine Granate, etwa ein Meter weiter. Die Splitter fielen durch die Küchentür und die Außentür, ein großer Schreck!

Einige Tage später hörten wir, dass ein russischer Kriegsgefangener, der bei Familie Clausen geblieben war, von einem deutschen Soldaten, der über die Weser gekommen war, erschossen worden sei. Nach diesem Ereignis hatten die inzwischen frei gelassenen russischen Kriegsgefangenen, die in Amedorf auf dem Bohrturmgelände hausten, die Idee, mein Vater (Jäger) könnte der Mörder sein. Drei Russen, begleitet von einem englischen Motorradfahrer, stellten meinen Vater auf dem Flur zur Rede. Ehe er antworten konnte, schlug der eine Russe meinen Vater mit der Pistole seitlich an die Schläfe. „Du Schwein hast schießen tot Kamerad.“

Meine Mutter ging dazwischen. „Mein Mann hat nichts gemacht“ und ich sprach den Engländer an und sagte ihm, wir hätten die Waffen abgeliefert. „Let's go and see“. Dann marschierten wir zur Kommandantur. Mein Vater flüsterte mir unterwegs auf Plattdeutsch zu: „Ik griep mi dor ne Flinten und dann musst du glicks seggen: Ja, dat is use“. Denn er hatte ja sein Jagdgewehr auf dem Hof eingegraben. Bei Sammann angekommen, die Waffen lagen hinter der Theke, griff sich Vater ein Gewehr und ich rief gleich: „Ja, das ist unseres“. Der Kommandant kam dazu, sagte: „That's allright“, guckte sich die Russen an und sagte: „Es ist nicht erlaubt, dass ihr hier Waffen tragt. Give me your pistols and give me your knife“, schmiss die Sachen auf den Haufen und sagte: „And now, get you gone!“, worauf die Russen schimpfend weggingen. Mein Vater aber sagte: „Und wenn die nun heute Nacht kommen und rächen sich?“, denn sämtliche Fenster und Türen waren zerstört und somit das Haus offen und wir schliefen im Keller. Ich sagte dem Major auf Englisch, dass wir große Angst hätten, dass diese wiederkommen könnten und sich rächen. Daraufhin der Major: „Okay! I shall give you two soldiers for two nights for watching you“.

Diese schliefen dann zwei Nächte bei uns im Keller. Sie bekamen „bacon and eggs“ und wir Kinder von ihnen Schokolade. Somit lief das Kriegsende in Intschede besonders glimpflich ab.

Mehr zum Thema:

CDU gewinnt Saar-Wahl - Kein Schub für SPD

CDU gewinnt Saar-Wahl - Kein Schub für SPD

Aller-Hochwasser-Rallye des Wassersportvereins Verden

Aller-Hochwasser-Rallye des Wassersportvereins Verden

Niedersachsen-Hit entsteht in Wetschen

Niedersachsen-Hit entsteht in Wetschen

Jubiläumsjagd des Verdener Schleppjagd-Reitvereins

Jubiläumsjagd des Verdener Schleppjagd-Reitvereins

Meistgelesene Artikel

Betrunkener Schwertransport-Begleiter verursacht Unfall auf A27

Betrunkener Schwertransport-Begleiter verursacht Unfall auf A27

Reh ausgewichen: Audi Cabrio überschlägt sich drei Mal 

Reh ausgewichen: Audi Cabrio überschlägt sich drei Mal 

Fahrer verursacht Unfall und flüchtet

Fahrer verursacht Unfall und flüchtet

Auto überschlägt sich auf der A27

Auto überschlägt sich auf der A27

Kommentare