„Die alten Leute haben keine Lobby“

Gesundheitsministerium: Intschederin empört über Kürzungen in Tagespflege

Zeitungslektüre in einer Tagespflegeeinrichtung in Baunatal.
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Zeitungslektüre in einer Tagespflegeeinrichtung.

Gesundheitsministerium unter Jens Spahn bastelt an Reform der Pflegeversicherung. Was durchgesickert ist, bringt Tagespflege und Sozialverbände auf die Palme. 

Intschede / Verden – Abseits des alles beherrschenden Themas Corona bastelt das Bundesgesundheitsministerium unter Minister Jens Spahn an einer Reform der Pflegeversicherung. Was bisher durchgesickert ist, bringt Tagespflegeeinrichtungen und Sozialverbände auf die Palme. Die Tagespflegen sollen laut Entwurf bis zu 50 Prozent weniger Ansprüche geltend machen können.

Wie am Beispiel zweier Einrichtungen von Bianca Boss in Langwedel und Luttum in dieser Zeitung skizziert, sorgen sich die Tagespflegen angesichts der befürchteten Kürzungen um ihre Existenz.

Das Aus für viele Häuser, in denen ältere (oft demente) Menschen tagsüber betreut werden, würde natürlich auch für die Tagesgäste selbst und ihre Angehörigen katastrophale Folgen haben. Petra Siedentopf-Huxol aus Intschede schildert am Beispiel ihrer Eltern, wie der anstrengende Alltag ihres seine demente Ehefrau betreuenden Vaters und auch ihr eigener durch die Tagespflege zumindest etwas entlastet wird.

Helga Siedentopf ist 84, seit einigen Jahren schon ist sie dement. Tendenz steigend. Inzwischen hat sie Pflegegrad 4. „Ich wünsche diese Krankheit meinem schlimmsten Feind nicht“, sagt Petra Siedentopf-Huxol und deutet aus Gründen des Anstands und der Pietät gegenüber ihrer Mama deren Ausfallerscheinungen nur an. „So lustig wie im Film ,Honig im Kopf’ (Dieter Hallervorden spielt darin einen Demenzkranken, d.Red.) ist es jedenfalls nicht.“ Nicht fünf Minuten könne die Mutter allein gelassen werden. „Der demente Mensch muss beaufsichtigt werden, ständig muss man schauen, ob nicht das Badezimmer geflutet oder der Küchenherd in Flammen gesetzt wird. Ein Außenstehender kann sich kaum vorstellen, welche Belastungen tagtäglich zu bewältigen sind.“

Gepflegt wird Helga Siedentopf von Ehemann Fritz. Er ist selbst schon 88 Jahre alt, kann aber die Betreuung der Gattin noch übernehmen. Zumeist. Denn zurzeit liegt der Dialysepatient drei Wochen im Krankenhaus.

Also übernimmt die Tochter den Job. Petra Siedentopf-Huxol duscht ihre Mutter in deren Haus in Groß Hutbergen um 6.30 Uhr, dann wird gefrühstückt. Gegen 7.30 Uhr wird die Mama abgeholt und zur Tagespflege ins Landhaus Luttum von Bianca Boss gebracht. „Um 16.10 Uhr muss ich mit wehendem Haar von der Arbeit in Verden zurück. Denn um 16.30 Uhr kommt meine Mutter heim.“

Abends, wenn die 84-Jährige vor dem Fernseher schläft, nutzt Petra Siedentopf die Zeit und arbeitet noch ein wenig am Laptop. Dann kommt die Nacht. Demenzkranke haben aber oft kein Tag-Nacht-Empfinden mehr. „Letzte Nacht ist meine Mutter ab halb zwei im 30-Minuten-Takt aufgestanden und hat mir was von ihrer Mutter erzählt.“

Ohne den Einsatz der Tochter ginge es nicht. „Ende 2018 haben wir wegen eines Krankenhausaufenthalts meines Vaters bei acht Pflegeheimen nach einem Kurzzeitpflegeplatz für meine Mutter nachgefragt. Nur bei einem sind wir auf die Warteliste gekommen.“ Ansonsten nur Absagen. Und eine Warteliste bringt in solchen Fällen nichts.

Umso froher sind Vater und Tochter, dass es wenigstens die Tagespflege gibt. Je nach Anzahl der Tage, die die Mutter in Luttum betreut wird, muss die Tochter zwischen 300 und 400 Euro monatlich bezahlen. Hinzu kommen 1612 plus 125 Euro im Monat aus der Pflegeversicherung, die der Mama mit ihrem Pflegegrad 4 zustehen.

Fritz Siedentopf könne die „freie Zeit“ zum Beispiel für eigene Arztbesuche nutzen. Und in der Tagespflege kümmere sich geschultes Personal um die Dementen, ein regelmäßiger Tagesablauf sei garantiert, und der pflegende Angehörige sei beruhigt, dass der demente Partner für einige Stunden professionell versorgt wird, schildert Petra Siedentopf. Entsprechend würde eine Schließung der Einrichtung in Luttum einen „Supergau“ für das sensible Betreuungsgebilde der Familie Siedentopf bedeuten. „Ich spreche aber nicht nur für meine Eltern, sondern ich denke auch an alle älteren Menschen. Was sollen die machen?“

Petra Siedentopf-Huxols Empörung über die geplanten Kürzungen der Mittel im Tagespflegebereich ist groß. „Notfalls fahre ich nach Berlin zu Jens Spahn und setze ihm meine Mutter auf den Schreibtisch.“

Und sie fragt: „Warum geht man so mit den alten Menschen um? Der demografische Wandel ist seit Langem bekannt. Statt mehr Gelder in die Pflege der alten Menschen zu stecken, fängt man an, zu kürzen, wo es nur geht.“ Sollten wir nicht dafür Sorge tragen, die alten Menschen würdevoll zu betreuen, zu versorgen und zu pflegen? Die alten Menschen haben keine Lobby.“

Von Philipp Köster

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