„Keiner denkt an das Wohl der Tiere“

Geflügelhalter in Thedinghausen leiden

Hermann Osmers vom Biohof Böse-Hartje in Thedinghausen mit aufgestallten Hühnern.
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Stallwache: Hermann Osmers passt auf, dass keines seiner Hühner in die Freiheit entwischt.

Samtgemeinde – Im Landkreis Verden wurde am 16. November 2020 bei einer verendeten Wildgans eine Infektion mit der hochpathogenen Aviären Influenza, kurz Geflügelpest, vom Subtyp H5 bestätigt. Vor dem Hintergrund dieses Nachweises sowie weiterer positiver Fälle bei Wildvögeln in Nachbarlandkreisen ordnete die Veterinärbehörde des Landkreises Verden eine kreisweite Aufstallungspflicht für sämtliches im Kreisgebiet gehaltenes Geflügel an.

Diese gilt immer noch.

Und dann, am 21. Februar dieses Jahres, folgte in Sudweyhe (Gemeinde Weyhe) im Landkreis Diepholz der Ausbruch der Geflügelpest (Vogelgrippe, Aviäre Influenza) in einem Putenmastbetrieb. Es wurden ein Sperrbezirk von drei Kilometern und ein Beobachtungsgebiet von zehn Kilometern rund um die Ausbruchstelle eingerichtet. Riede und Emtinghausen liegen weitgehend in dem Sperrbezirk, andere Teile von Thedinghausen oder Morsum sind als Beobachtungsgebiet ausgewiesen. Betroffen sind davon rund 210 Geflügelhaltungen mit einem Gesamtbestand von rund 7 800 Tieren.

Eingesperrt: Diese Hühner auf dem Hof Böse-Hartje leiden unter der Aufstallungspflicht.

Was aber bedeutet das für Halter und Züchter, aber vor allem für die Tiere? Mindestens bis zum 1. April darf in die gesperrten Gebiete kein Tier ein- oder ausgeführt werden. Rassegeflügelzüchter Dieter Schütte aus Thedinghausen weiß, dass die lange Aufstallung eine Qual, vor allem für seine Deutschen Pekingenten, ist.

„Die müssten jetzt anfangen Eier zu legen. Sie brauchen die Freiheit und vor allem eine Badegelegenheit, um auch die Eier befruchten zu können“, berichtet der Hobbyzüchter, der schon fast verzweifelt. „Die Enten leiden, sie können ihr Gefieder nicht mehr putzen. Ich mag schon gar nicht mehr in den Stall gehen“, sagt Schütte und denkt an das ansonsten prächtige weiße Federkleid seiner Tiere.

Für den eingerichteten Sperrbezirk hat er ja noch Verständnis, aber die Aufstallung geht ihm auf den Senkel. Einerseits leuchtet ihm ein, dass beides gekoppelt ist. Gleichzeitig kann er aber nicht verstehen, dass keiner an die Tiere denkt, die es gewohnt sind, draußen zu sein und jetzt im Stall apathisch werden.

Die Gemeinde Riede liegt im Sperrbezirk. Hier gelten besonders starke Auflagen.

Der Biohof Böse-Hartje in Eißel liegt mit seiner Legehennen-Freilandhaltung im Beobachtungsgebiet. Drei mobile Hühnerställe mit jeweils 200 Legehennen auf 1,2 Hektar sind dort beheimatet. „Es treten die ersten Fälle von Kannibalismus bei den Hühnern auf“, erzählt Hermann Osmers, der für die Pflege der Tiere verantwortlich ist. Osmers hat viele Fragen nach dem „Warum der Aufstallung“. Hat aber bisher kaum Antworten bekommen.

Tierärztin Elisabeth Böse fragt sich: „Warum bricht die Geflügelpest in der Massentierhaltung aus? Also bei Tieren, die noch keinen Sonnenstrahl gesehen haben und kein bisschen Erde unter den Füßen hatten.“

Die Tierärztin schließt die über Jahrzehnte vermutete These aus, dass Wildvogelkot für die Übertragung verantwortlich sei. Sie lächelt ein wenig, wissend, dass jetzt wohl das „Friedrich Löffler Institut“ von dieser These abweicht und vor allem den Menschen als Überträger sieht.

Hermann Osmers weiß, dass ganz oft eine spezielle Art von Vogelgrippe ausbricht – die, die das wärmste Stallklima braucht. Er meint damit die Puten, wie bei dem Ausbruch in Sudweyhe. „Das Stallklima von über 30 Grad und der hohe Besatz sind ein Nährboden für das Virus.“

Hermann Osmers: „Wenn die infizierten Tiere gekeult wurden und der Stall desinfiziert worden ist, könnte er nach 14 Tagen wieder besetzt werden. „Aber warum dann noch der Sperrbezirk?“ Osmers versteht oft die Bürokratie nicht. Er fragt sich auch, wer sich einmal die Mühe macht, und nach den Ursachen forscht.

Sind Überträger vielleicht Maschinen, die überbetrieblich genutzt werden oder die Eier, die von den Elterntieren stammen, die oft aus dem asiatischen Raum kommen. Osmers: „Diese großen Sprünge oder globale Transportwege von Tieren müssten massiv eingeschränkt werden.“ Dann, vermutet er, würde es längst nicht so viele Krankheiten geben.

Dann darf man doch noch einen Blick in einen mobilen Hühnerstall werfen – natürlich mit Schutzanzug und Einmalschuhen. Die Stalltür geht auf. Hühner drängen nach draußen. Aber Hermann Osmers verhindert das. Um die Tiere einigermaßen zu beschäftigen, wird der Scharrraum mit Maissilage ausgestreut. „Das hilft ein bisschen“, beschreibt Osmers die Beschäftigungstherapie. Aber die Spuren des Federpickens sind bei vielen Tieren unübersehbar.

Eier darf der Biohof verkaufen. So zum Beispiel heute im Rahmen des Öko-Regio-Marktes.

Hermann Osmers wünscht sich, wie alle anderen Geflügelhalter im Landkreis Verden, dass Geflügel wieder nach draußen kann. Elisabeth Böse fügt an, dass Tiere mit Auslauf über eine natürliche Robustheit verfügen würden, während das Geflügel in einem hermetisch abgeriegelten Stall krank werde. „Ich verstehe das nicht.“

Die Hoffnung, dass es nach Ostern wieder an die Sonne geht, ist jedenfalls da. Dann kann auch wieder geschlachtet werden, was momentan ebenfalls nicht geht.

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