Podiumsdiskussion in Lunsen

Milchpreiskrise: Fünf Prozent Überschuss machen viel kaputt

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Auch der Verbraucher müsse natürlich mitziehen, wenn es um gute Milch aus der Region zu angemessenen Preisen geht. Darin war sich die Podiumsrunde in Lunsen ziemlich einig. Von links: Samtgemeindebürgermeister Harald Hesse, Elisabeth Böse vom Eißeler Bioland-Hof, Moderator Erich von Hofe, Ottmar Ilchmann, Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft, und Kreislandwirt Jörn Ehlers.

Lunsen - „Was sollen unsere jungen Männer denn machen? Sie können nur noch zum IS gehen oder übers Mittelmeer fliehen“, hätten Landwirte aus dem afrikanischen Staat Burkina Faso ihr gegenüber geklagt, berichtete Dr. Elisabeth Böse vom Eißeler Biohof Böse-Hartje.

Dass deutsche Milchprodukte-Anbieter als „billiger Jakob“ mit Dumpingpreisen auf dem Weltmarkt agierten und so in Afrika oder Indien einheimischen Bauern keine Chance ließen, sei ebenfalls Folge der Milchpreiskrise hierzulande, schlussfolgerte sie.

Elisabeth Böse gehörte zur Podiumsrunde, die sich im Lunser Gasthaus Kehlenbeck auf einer Veranstaltung des Bündnisgrünen des Landkreises dem Thema „Höher - schneller - weiter - wieviel Milch muss sein?“ widmete.

Mit einem solchen Preisverfall der Milch bis zum Tiefstand von 21 Cent pro Kilo habe niemand rechnen könne, hatte anfangs Kreislandwirt Jörn Ehlers betont, der auf seinem Hof allerdings Schweinezucht betreibt.

Gründe für den Preissturz sieht er einerseits in wachsender Konkurrenz etwa aus Neuseeland und den USA, aber auch im Russland-Embargo gegen deutsche Lieferungen. Seit 2014 gebe es zudem einen Absatz-Einbruch auf dem chinesischen Markt.

Export schwächelt

Frühere optimistische Export-Aussagen wie „China säuft das alles weg“ hätten sich als Trugschluss erwiesen, räumte Ottmar Ilchmann von der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) ein, der selber einen Milchviehhof im Ostfriesischen hat. Die seit etwa drei Jahren anhaltende Preiskrise sei aber zum großen Teil hausgemacht.

Als die Quotenbegrenzung nach und nach wegfiel – mit dem Ziel einer „weltmarktfähigeren“ Milchwirtschaft – seien einige Landwirte nämlich „richtig durchgestartet“. Das „ehrgeizige Stallbauprogramm“ Niedersachsens habe dies noch befördert. Es gab dann viel mehr Milch, als Deutschland je verbrauchen konnte. Die Preise fielen, und immer mehr Milchvieh-Landwirte mussten aufgeben. Experten schätzen laut Elisabeth Böse, dass auch die jetzt noch rund 69 000 Milchviehbetriebe in der Bundesrepublik bei anhaltend niedrigem Preisniveau auf 30 000 zusammenschmelzen.

Weil schon bei jetzt fünf Prozent Milch-Überschuss so viele ruiniert werden, war sie sich mit Ilchmann einig, dass die Menge verknappt werden müsse, um mit Molkereien und anderen Abnehmern wieder auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können.

Das funktioniere aber nur, wenn Milchbauern solidarisch zusammenhalten beim Runterfahren, appellierte der ABL-Landwirt an den genossenschaftlichen Geist.

Kritik am Deutschen Milch Kontor

Kritik gab es an dem in dieser Region und weit darüber hinaus dominierenden Milchabnehmer Deutsches Milch Kontor (DMK), weil der die schlechtesten Preise zahle.

Jörn Ehlers hob positiv hervor, dass die Landwirtschaft im Kreis Verden „sehr breit aufgestellt“ und daher nicht so krisenanfällig sei. Er kritisierte aber auch die Haltung, Agrarbetriebe nur wegen ihrer Größe schon „schief anzugucken“. Tatsache sei, dass heutige Boxenlaufställe viel tierhaltungsfreundlicher seien als frühere „dunkle Tropfsteinhöhlen“ mit Anbinden in kleineren Höfen.

Selbst der bestimmt nicht großlandwirtefreundliche Gregor Gysi habe darauf hingewiesen, dass es in Kleinbetrieben oft moderne „Selbstversklavung“ mit Arbeiten ohne Urlaub und bei wenig Verdienst gebe.

Zur Sprache kam auch schnell der Rieder 700-Kühe-Hof mit Erweiterungsplänen. Das müsse in den Räten politisch entschieden werden, und seine persönliche Meinung dazu sei unwichtig, stellt Samtgemeindebürgermeister Harald Hesse klar. Grünen-Ratsherr Dieter Mensen äußerte Befürchtungen, dass ortsfremde, auf Höchstprofit bedachte Kommanditisten dort einsteigen, wenn es finanziell eng werde.

Hochwertige Milch als Ausweg?

Als weitere Auswege aus der Krise für Milchbauern wurden neben verstärkter Vermarktung beispielsweise hochwertiger „Weidemilch“-Produkte auch das Umsteigen auf Bio-Landwirtschaft genannt. Biomilch erziele ja den auskömmlichen Preis von 48 Cent, erläuterte der frühere Grünen-Landtagsabgeordnete und Kreistagspolitiker Erich von Hofe. Er moderierte die Podiumsrunde.

Harald Hesse erwähnte noch lobend den Lunsener Hof Peters, der sich mit Hofladen, Vermietung von Ferienwohnungen und Produkten freilaufender Hühner vielversprechende neue Bereiche erschlossen habe.

Einen auskömmlichen Preis – von Hofe nannte mit Bezug auf aktuelle Berechnungen mindestens 40 Cent – gebe es gar nicht, wandte eine junge Zuhörerin ein, die nach eigenen Worten von einem großen Hof aus dem Kreis Osterholz „mit Massentierhaltung“ kam.

Der eine komme mit niedrigeren Preisen aus, dem anderen reichten auch 40 Cent nicht, merkte sie an. Von Hofe bedankte sich abschließend für die interessante und anregende Debatte.

la

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