Schleppende Bearbeitung der Anträge sorgt für Frust / Landrat verweist auf Bundesamt

Flüchtlings-Protest vor Polar-Unterkunft

Rund 200 Flüchtlinge sind derzeit in dem ehemaligen Polar-Gebäude in Morsum untergebracht. - Foto: Sperling

Morsum - Zu einer spontanen Demonstration formierten sich gestern Vormittag an der Landesstraße 203 einige Dutzend Flüchtlinge, die im anliegenden ehemaligen Polar-Fensterwerk untergebracht sind. Allesamt sind sie mit ihrer Situation unzufrieden – wobei ein Sprecher einleitend erklärte: „Wir sind dankbar für die Aufnahme, werden respektvoll behandelt und leben hier in Frieden.“

Der Teufel steckt jedoch im Detail. Besonders die lange Bearbeitung ihrer Asylanträge sorgt bei den Unterkunft-Bewohnern, überwiegend Syrer und Iraker, für Unmut. „Wir können nicht arbeiten und bei den Erwachsenen hapert es auch an Sprachschulung“, meint ein weiterer Bewohner (in Englisch).

Einige kranke Kinder und das Hörensagen, dass noch einmal über 100 weitere Flüchtlinge in das Polar-Domizil einziehen werden, tun ein Übriges. Der vielfach geäußerte Tenor: In anderen Unterkünften dieser Größenordnung läuft es besser.

Karin Weinert-Mensen von der Thedinghauser Flüchtlingsinitiative, zufällig für eine Schulung vor Ort, bringt es auf den Punkt: „Essen, schlafen, essen und dann wieder schlafen. Sonst nichts. Keine Privatsphäre. Da kann man doch den Frust der Flüchtlinge verstehen.“

Grundsätzlich kann auch Landrat Peter Bohlmann die Enttäuschung der Morsumer Flüchtlinge nachvollziehen. Er stellt aber auf unsere Nachfrage klar. „Dort leben derzeit um die 200 Neuankömmlinge und es kommen definitiv keine weiteren hinzu. Erweiterungsumbauten sind schon gar nicht geplant.“

Bohlmann geht auch auf die schleppende Beantragung der Asylanträge ein. „Es ist auch für uns ein Ärgernis, dass die Asylanträge nicht in einem angemessenen Zeitraum bearbeitet werden. Aber dafür sind wir nicht zuständig. Beim zuständigen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stapeln sich rund 700000 unbearbeitete Fälle. Und wir sind auf dessen Entscheidung angewiesen.“

Die Unterkunft in Morsum hält Landrat Bohlmann für angemessen. „Es gibt schlechtere Großunterkünfte.“ Er fügt hinzu: „Wir haben im Kreis seit Anfang 2015 etwa 2 300 Flüchtlinge untergebracht, 770 davon in den letzten beiden Monaten. 400 weitere werden bis Ende April folgen. Es ist schlichtweg unmöglich, diese Leute alle in Wohnungen unterzubringen.“

Zum Thema Sprachförderung meint Landrat Peter Bohlmann: „Hier gibt es verschiedene Zuständigkeiten. Menschen mit einer geringen Bleibeperspektive werden von einigen Trägern nicht gefördert. Wir tun in diesem Bereich, was wir können und drängen darauf, das Deutschkurse grundsätzlich für alle offen sein sollten.“

Inwieweit die protestierenden Flüchtlinge diese Argumentation nachvollziehen können, bleibt abzuwarten.

„Nachdem sie ihr Anliegen Mitarbeitern des DRK und der Polizei friedlich und ohne Zwischenfälle vorgetragen haben, zogen sie sich gegen 11.30 Uhr auf das Gelände der Unterkunft zurück“, meldete die Verdener Polizei später. - sp

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