Am Ende der Welt

Ganz Intschede leidet unter der Sperrung des Wehres

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Ebenfalls „Opfer“ der Wehrsperrung: Das Restaurant Browiede, idyllisch am Intscheder Hafen gelegen, hat einen zusätzlichen Ruhetag eingelegt. Unternehmer Andreas Meyer meint: „Ein riesiger logistischer Aufwand belastet den Betrieb.“

Intschede – Seit einigen Monaten ist das Intscheder Wehr wegen anstehender Sanierungsmaßnahmen für den Verkehr gesperrt. Nur Fußgänger und Radfahrer können noch durchschlüpfen. Doch damit ist im Dezember auch Schluss (wie berichteten). Die Sperrung dieses wichtigen Weserüberganges hat natürlich Auswirkungen auf das kleine Dorf. Gastronomie, Handel und Gewerbe, Landwirte – eigentlich alle Bürger – leiden, weil sie für mindesten drei Jahre in einer riesengroßen Sackgasse wohnen – am Ende der Welt.

Kristina Stöver vom Intscheder Bauerhofeis mag gar nicht daran denken, wenn auch noch die Radfahrer ihr Café samt Sommergarten nur noch über Umwege ansteuern können. Sie meint: „Dann wird es ganz eng. Schon jetzt merken wir deutlich, dass es in Intschede keinen Durchgangsverkehr mehr gibt. Viele Autofahrer haben auf dem Rückweg von der Arbeit mal eben schnell zwei oder drei Kugeln Eis auf die Hand mitgenommen. Das fehlt jetzt. Es kommen auch am Wochenende schon weniger Leute, nämlich einige von denen, die mit dem Auto sonst übers Wehr gefahren wären.“ Christina Stöver versucht, ihre Kundschaft auch mit Sonderaktionen weiter bei der Stange zu halten, so den Lesungen, Konzerten oder Frühstücksangeboten.

Christina Stöver beklagt zudem das mangelnde Tempo und den mäßigen Informationsfluss im Zuge der Bauarbeiten am Wehr. „Dass die Brücke kaputt geht, das wusste man doch schon länger. Da hätte doch eigentlich längst alles parat stehen müssen, damit es nach der Wehrschließung sofort losgehen kann.“

Kristina und Johann Stöver vom Bauernhofeis sind von der Wehrsperrung betroffen.

Auch Hannelore Löber, Wirtin des Restaurants Browiede, ist bedient. „Wir haben angesichts des Gäste-rückganges einen zusätzlichen Ruhetag eingelegt. Leider hat der Rückgang auch dazu geführt, dass wir einen Mitarbeiter entlassen mussten. Wegen der schwierigeren Anreise haben bereits einige größere Gesellschaften ihre Feier wieder abgesagt. Wenn ab nächstem Jahr auch noch die Radfahrer wegbrechen, haben wir ein Problem.“

Doch auch die Autofahrer haben es nicht ganz einfach. „Hannelore Löber: „Der Beschilderung zum Trotz folgen immer noch Etliche, die über die Autobahn kommen, den Anweisungen ihres offenbar veralteten Navis. Dann stehen sie vorm gesperrten Wehr, drehen um oder kommen zu spät. Wobei das Zuspätkommen derzeit sowieso ein Problem ist. Denn viele, die sich mit dem Auto auf den Weg machen, stehen vorher in Achim oder Verden im Stau.“ Hannelore Löber setzt darauf, für die Dauer der Wehrsperrung die Gäste mit gewohnter Qualität weiterhin für die Browiede gewinnen zu können.

Auf Kundschaft ist Jürgen Clausen nicht angewiesen. Der Intscheder Landwirt hat Flächen relativ dicht am Hof auf der anderen Weserseite. Und nun kann er seine Äcker und sein Grünland nur noch über den großen Umweg über Verden erreichen. Clausen: „Am besten, man fährt nachts. Dann braucht man nur anderthalb Stunden länger als sonst. Tagsüber sind es über zwei. Und die Mehrzeit belastet – und kostet natürlich – beispielsweise Sprit.“ Seine Rinder, die normalerweise auf Langwedeler Seite grasen, hat er bereits auf eine Weide in Intschede verlegt. Bislang konnte sich Clausen bei Kontrollfahrten auf die andere Seite mitunter noch mit einem Zweirad behelfen. Doch damit ist auch bald Schluss. „Ich habe ein kleines Boot für Notfälle parat“, blitzt seine Bauernschläue auf.

Landwirt Jürgen Clausen muss beträchtliche Umwege auf die andere Weserseite fahren.

Andreas Meyer hat in Intschede einen Fachbetrieb für Pflasterarbeiten (Mattfeldt & Meyer). Auch er hat die Nase voll. Von seinen vier Mitarbeitern kommen zwei von rechts und zwei von links der Weser. Meyer: „Es ist ein riesiger logistischer Aufwand, die Leute zu Baustellen von der einen zur anderen Seite zu kutschieren. Die großen Umwege, auch für die Fahrzeuge und Maschinen, kosten zudem eine Menge Geld. Ich schätze, dass ich bis zu 20 Prozent Mehraufwand habe.“

Doch nicht nur die Betriebe leiden unter der Situation. Auch der TSV „Weserstrand“ Intschede verzeichnet ein leichtes Minus. Dazu Vorsitzender Frank Oetting: „In vielen Sparten haben wir auch Mitglieder von der anderen Weserseite, beispielsweise beim Dart oder beim Volleyball. Wie lange diese Leute die großen Umwege für eine Trainingsstunde noch in Kauf nehmen, weiß ich nicht. Eine Yoga-Gruppe haben wir schon komplett auflösen müssen. Auch bei den Wulmstorfer Theateraufführungen in unserer Gemeinschaftssportanlage oder bei der Kleiderbörse war nicht mehr ganz so viel los.“

In ihrem Hobby stark eingeschränkt sind auch die Wassersportler, deren Boote auf Intscheder Seite liegen und die von „drüben“ kommen – oder umgekehrt.

Betroffen sind natürlich alle Bürger. Die für viele gewohnten Wege zum Einkaufen, zum Tanken, oder zur Bank nach Langwedel sind geschlossen. Man muss sich umorientieren. Manchmal ist das „nur“ mit ein bisschen mehr Fahrzeit verbunden, manchmal geht es aber auch ans Eingemachte – beispielsweise, wenn man nicht mal eben schnell zum langjährigen Hausarzt fahren kann.

Letztlich wissen alle Betroffenen, dass sie mit der Situation leben müssen. Allen gemeinsam ist die Hoffnung, dass die Behörden und Baufirmen die Sache zügig angehen und die Arbeiten am Wehr auch wirklich in der vorgegeben Zeit abgeschlossen werden. So viel Planungssicherheit muss sein, heißt es unisono aus den Reihen der befragten Selbstständigen, wobei manche sogar noch von einem zeitnah angelegten Ersatzübergang träumen.  

sp

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