„Bomber wurden geradezu zerfetzt“

Zeitzeuge Günter Scholvin-Ortmann beobachtete den Luftkrieg

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Zeitzeuge Günter Scholvin-Ortmann (re.), hier im Gespräch mit Autor Jürgen Kuhlmann, der Luftangriffe, Bombenabwürfe und vor allem Flugzeugabstürze in der Region dokumentiert, vor einem Ölgemälde, das sein Elternhaus in Riede in den 1930er-Jahren abbildet.

Riede - Von Ulf Kaack. Seit 1868 befindet sich das Gasthaus Scholvin-Ortmann in Riede im Besitz der Familie. Neben der Schankwirtschaft mit Saalbetrieb gab es unter diesem Dach viele Jahrzehnte lang einen Kolonialwarenladen, Landwirtschaft im Nebenerwerb und die Poststelle. Dort wuchs Günter Scholvin-Ortmann – Jahrgang 1930 – auf und wurde in jungen Jahren mehrfach Beobachter des Bombenkriegs im südbremischen Luftraum.

„Lange war der Krieg noch nicht zugange, als die Wehrmacht sich bei uns zu Hause einnistete“, erinnert sich der 87-Jährige. „Hinter unserem Haus auf Purnhagens Land wurde eine Scheinwerferabteilung in Stellung gebracht. Wir Kinder fanden das spannend, trieben uns nach der Schule ständig bei den Soldaten rum. In der Dunkelheit boten die mächtigen Suchscheinwerfer ein schaurig-prächtiges Bild, wenn sich ihre blassgrauen Lichtfinger hoch in den Himmel bohrten.“

Jugendliche ersetzten Soldaten an den Flak-Stellungen

Die Stellung lag in einer Weide rund 300 Meter hinter der Gastwirtschaft. „Sie umfasste, wenn ich mich richtig erinnere, mehrere Flak-Scheinwerfer und Horchgeräte, die mobil auf Fahrgestellen montiert waren, außerdem die für deren Stromversorgung notwendigen Generatoren mit Sechszylinder-BMW-Motor“, blickt Scholvin-Ortmann zurück. „Sie wurden von Soldaten der Luftwaffe bedient, die später zunehmend durch jugendliche Flakhelfer und Kriegsgefangene ersetzt wurden. Zum Schutz von Personen und Ausrüstung waren Splitterschutzgräben und Erdwälle ausgehoben worden. Betonbunker gab es nicht. Die Schlaf- und Aufenthaltsräume für die Soldaten befanden sich in unserem Haus. Darin ging es damals recht lebendig zu.“

Mit den Scheinwerfern wurden nachts einfliegende Bomberverbände angestrahlt, um der Flak und den Nachtjägern optisch erfassbare Ziele zu geben. Sie hatten einen Durchmesser von 1,5 bis 2 Metern. Mit dem durch einen hochglänzend versilberten Parabolspiegel gebündelten Licht der verwendeten zehn Kilowatt-Kohlebogenlampen konnten Flugzeuge in Höhen von bis zu zwölf Kilometern fixiert werden. „Helle Jagd“ war die Bezeichnung für dieses Verfahren.

Lichtriegel von Schleswig-Holstein bis in die Schweiz

„Die Stellung in Riede gehörte zu einem Regiment der 8. Flakdivision in Bremen, ihr Befehlsstand befand sich am Arsterdamm“, erinnert sich Scholvin-Ortmann. „Von dort aus wurden auch die Batterien in Habenhausen, Dreye, Bollen, Kirchweyhe und Ahausen dirigiert.“ Gemeinsam mit diversen anderen Scheinwerfer-Einheiten an den Einflughauptlinien der alliierten Bomberströme bildeten sie einen sogenannten Lichtriegel, der Deutschland seinerzeit von Schleswig-Holstein bis an die Schweizer Grenze durchzog.

Üblicherweise wurden angreifende Bomber bereits kurz nach ihrem Start auf der britischen Insel durch Horchposten, Funkmessgeräte oder optische Sichtungen festgestellt. Anhand ihres Kurses ermittelte die Luftlage-Zentrale das mögliche Ziel und löste einen Voralarm für die Flak, Tag- und Nachtjäger und die Scheinwerfer-Batterien mit ihren Horchgeräten aus. Konkretisierte sich der Angriffsort, erfolgte Luftalarm mittels Sirene für die Zivilbevölkerung, und die Abwehrmaßnahmen nahmen ihren Lauf.

Scholvin-Ortmann beobachtete zwei Abschüsse

Zwei Mal wurde Scholvin-Ortmann Zeuge eines Abschusses: „Im August 1940 erfassten die Scheinwerferstellung hinter unserem Haus sowie die benachbarten Einheiten eine britische Handley Page und ließen sie nicht mehr aus dem Lichtkegel entkommen. Die Flak-Batterien in Dreye und Sudweyhe sowie auf dem anderen Weserufer in Bollen und Oyten schossen sich auf den RAF-Bomber ein, der schließlich von einem Volltreffer geradezu zerfetzt wurde.“

Ähnlich verlief der Abschuss eines englischen Lancaster-Bombers, den er am Abend des 5. Januar 1945 beobachtete: Auch diese Maschine konnte den Scheinwerfern nicht entwischen und wurde von den hiesigen Flak-Granaten getroffen. Sie stürzte ins Rieder Holz am Ortsausgang Richtung Riede. Niemand hat den Abschuss überlebt.

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