Helge Steffens ist Wandergeselle in Corona-Zeiten

Auf der Walz von Intschede bis in die Schweiz

Pose vor malerischem Panorama: Wie diese Momentaufnahme zeigt, ist das Leben eines Wandergesellen nicht nur von Entbehrungen geprägt.
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Pose vor malerischem Panorama: Wie diese Momentaufnahme zeigt, ist das Leben eines Wandergesellen nicht nur von Entbehrungen geprägt.

Intschede – Einfach losgehen, neue Orte, Menschen und andere Arbeitsweisen kennenlernen, kurzum: Völlig frei sein – all dieses trifft auf Helge Steffens zu. Der Intscheder Zimmermannsgeselle ist seit mehr als einem Jahr, genauer gesagt seit dem 10. Oktober des vergangenen Jahres, auf der Walz, und folgt damit dem jahrhundertealten Ritual der Wandergesellen. Für Helge Steffens sind es drei Jahre und ein Tag voller Abenteuer – aber auch mit zahlreichen Entbehrungen.

Es war viel los im Herbst 2020 am Ortsschild von Intschede, als Helge Steffens dort ein 80 Zentimeter tiefes Loch grub. Nach altem Brauch versenkte er darin eine Flasche, gefüllt mit auf Zetteln geschriebenen, guten Wünschen für die Zukunft. Traditionsgemäß soll er sie nach seiner Rückkehr von der Walz wieder ausbuddeln. Die Familie, sein Ausbilder, der Bürgermeister sowie viele Bekannte und Freunde wollten den zukünftigen Wandergesellen gebührend auf die Walz verabschieden.

Nachdem Helge sein Bündel, auch Charlottenburger genannt, mit Schlafsack, Wäsche und Werkzeug über das Ortsschild geworfen hatte, halfen alle Anwesenden, auch ihn über das Schild zu hieven. Erst nach überstandener Kletterpartie darf sich der Handwerksgeselle mit dem sogenannten Stenz, seinem Wanderstab, auf den Weg machen. Wie es das Ritual erfordert, begibt sich der Wandergeselle ohne Handy, nur mit fünf Euro Bargeld in der Tasche und – ganz wichtig – ohne sich noch einmal umzudrehen, auf seine Reise.

So ist es Brauch: Bevor der Wandergeselle seine Reise antreten kann, muss er über das Ortsschild klettern.

Üblich ist es zudem, dass der Neuling auf der Tippelei, wie die Wanderschaft auch genannt wird, von einem erfahrenen Wandergesellen abgeholt, begleitet und während der ersten Monate in alle Sitten und Gebräuche auf der Walz eingewiesen wird. Elli, Helges Altgesellin, übernahm diesen Part.

Helge Steffens durfte sich traditionsgemäß in den ersten drei Monaten nicht zu Hause melden, sodass die Familie sehnsüchtig den ersten Brief erwartete, der im Januar 2021 schließlich eintreffen sollte. Darin schilderte der Zimmermannsgeselle, wie sie zuerst Erfurt erreichten und über Weihnachten und Silvester in Nordhausen (Thüringen) arbeiteten. Es gehe ihnen gut, und auf diese Weise andere Arbeitstechniken beziehungsweise -abläufe kennenzulernen, sei „wie eine lange Weiterbildungsreise“.

Zünftige Gesellen sind ständig unterwegs, sie haben keine feste Bleibe. Das gilt natürlich auch für diese beiden. Neustadt an der Weinstraße, Mannheim, Berlin, Hildesheim, Göttingen, Gelnhausen (Hessen), Leipzig, Dresden, Hof, Wien und Graz waren bisher ihre Stationen. Im April dieses Jahres wanderten sie in den hohen Norden (Flensburg, Föhr, Niebühl), wo Helge Steffens seine Altgesellin Elli nach Hause brachte; sie hatte ihre drei Jahre und einen Tag auf der Walz rum.

Der anschließende Plan des Zimmermannsgesellen war es, in der deutschsprachigen Schweiz gute Arbeit mit Kost und Logis zu finden – und die Rechnung ging auf. „Bisher eine der schönsten Zeiten auf meiner Reise“, notierte Helge Steffens in seinem Wanderbuch. Das Wanderbuch enthält neben Reiseaufzeichnungen auch Arbeitszeugnisse von den einzelnen Betrieben, damit Arbeitgeber später sehen können, wo ein Geselle auf der Walz war und welche Erfahrungen er gesammelt hat.

Natürlich ist nicht immer alles gut auf der Tippelei – wer auf Wanderschaft geht, muss sich manchmal auch auf entbehrungsreiche Zeiten einstellen. Besonders die anhaltende Corona-Zeit macht den Wanderern zu schaffen „Während des Lockdowns im März konnten wir keine Aufwärmmöglichkeiten finden. Geschäfte, Cafés und Gaststätten hatten ja geschlossen“, schildert Wandergeselle Steffens. Und nicht immer sind die Herbergen, die den zünftigen Gesellen oft für eine Nacht umsonst Quartier bieten, in erreichbarer Nähe.

Aber die Wanderschaft muss und wird weitergehen – heute hier und morgen dort. Für seine weitere Zeit auf der Walz wünschen die zurückgelassenen Intscheder Helge Steffens viel Glück und Gesundheit.

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