Venus-Fundstelle am Bahndamm in Bierden aufgelöst

Der Steinzeitdame das Alter entlocken

Kreiszeitung Syke

Achim - BIERDEN. „Na, haben Sie die Tasche voller Gold?“, der Mitarbeiter einer niederländischen Firma, die derzeit auch im Gebiet der Stadt Achim riesige Röhren für die 440 Kilometer lange Nordeuropäische Erdgasleitung NEL versenkt, lacht. Nein, kein Gold, aber Aufnahmen vom Abschluss der archäologischen Rettungsaktion auf der Grabungsfläche in Bierden.

Als der Sonntags-Tipp dort zum ersten Mal am 6. Juli die Fundstätte am Bahndamm besuchte, war von den 500 Meter langen Stahlrohren noch nichts zu sehen. Jetzt kommen die Bausteine der Erdgasleitung unaufhaltsam näher. Der Mais, der den einst 36 Meter breiten, nun von hellem Sand verwehten Arbeitsstreifen des Grabungsteams von Klaus Gerken umgibt, ist reif für die Ernte.

„Wir könnten noch lange weitermachen, es geht hier am Bahndamm massiv weiter mit den Funden,“ sagt der einstige Otterstedter, bevor er die zuvor von Archäologen vorsichtig mit einer Maurerkelle abgetragene Erde auf ein großes Sieb schüttet. An dieser Stelle, wo die Grabungshelfer und Archäologen heute zum letzten Mal Spuren suchen, wurde sie gerettet – der Sonntags-Tipp war gerade vor Ort – die „Venus von Bierden“. Das Grabungsteam von Klaus Gerken hat die Dame aus Stein „Nelly“ getauft. Immerhin wurde sie im Zuge der Arbeiten auf der NEL-Pipeline entdeckt.

Es ist ein spektakulärer Fund, vermutlich rund 12.000 Jahre alt, am Ende der letzten Eiszeit von einem Menschen als Retuscheur verwendet. Mit diesem eher weichen Stein haben unsere Vorfahren einst die Kanten der Flintsteine abgeklopft, damit eine stumpfe, leicht geriffelte Fläche zurück bleibt. Das besondere an diesem Exemplar: Es ist mit einer Gravur versehen worden, die den Körper einer Frau skizziert. „Ob das nun Kunst war oder zu einem Ritual gehörte, bleibt ungeklärt“, verdeutlichte Klaus Gerken bereits jüngst auf einer Pressekonferenz, die zu Ehren der „Venus“ stattfand.

Mit dabei war damals auch die Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht, die den Fund so beschrieb: „Die Frau lehnt sich ein bisschen an. Sie ist mitten in ihrer Bewegung erfasst worden. Sie scheint zu tanzen.“ Es seien oft die sekundären Werte, die in einem Fundstück steckten. Also, die Dinge, die eine Ahnung davon vermitteln, was sich in der späten Eiszeit, dort wo heute ein Bahndamm verläuft, abgespielt haben könnte. Wenn, ja wenn es die späte Eiszeit war. „Wir wissen immer noch nicht, wie alt die Venus ist“, offenbart der Grabungsexperte am Mittwoch.

Wie entlockt man der „Venus“, die auf einer kleinen flachen Platte aus Sandstein eingraviert wurde, ihr ungefähres Alter? „Nein, mit der C14-Datierung kann man nicht das Alter des Steines bestimmen“, weiß Klaus Gerken. Diese Radiokarbonmethode ist für die Altersbestimmung von Objekten organischen Ursprungs geeignet. Hinweise über die Datierung anderer Materialien erhalten die Archäologen, wenn sie die Einlagerungsverhältnisse des Fundstückes genau dokumentieren. Lag es vielleicht unter einer Schicht, die der Bronzezeit zugeordnet werden kann und muss es daher älter sein?

Wie sieht es mit den Artefakten aus, die neben dem verzierten Sandstein gelegen hatten? „Man kennt die Flintartefakte, die gefunden worden sind – die Werkzeugformen und damaligen Techniken. Zudem können wir über die vorgefundenen Knochen eine zeitliche Einschätzung abgeben, ob sie eine Kälte liebende Faune darstellen oder aus einer Warmphase stammen. Ebenso haben wir ja auch Holzkohle aus der Feuerstelle, die wir C14 datieren können. Also, wir haben schon so einige Möglichkeiten, dem tatsächlichen Alter näher zu kommen. Eine absolute Gewissheit, werden wir wohl nicht erreichen. Wir können nur versuchen, ein wahrscheinliches Alter herauszubekommen.“

Rätsel aber auch die Hoffnung auf fundierte Hinweise stecken in der Art der Gravur. Derartige Bilder auf Steinen kennen die Archäologen bisher nur aus dem mitteldeutschen Bergland. Neben Abbildungen von Tieren sind derartige Darstellungen von Menschen zwar seltener, aber ähnlich. Entstanden waren sie im Magdalénien, in einer Kulturphase, die etwa 16.000 bis 14.000 Jahre von heute zurückliegt. Daher die geschätzten 12.000 Jahre, die die „Venus“ auf dem Buckel haben könnte. Doch, egal, wie alt die Steinzeitdame ist; im norddeutschen Tiefland gilt sie als der erste Beleg eiszeitlicher Menschendarstellung. Die Einzigartigkeit in der Darstellungsweise und sein Fundort am Rande der Weserniederung machen dieses Fundstück zu einem wissenschaftlichen Schatz der Eiszeitforschung.

„Die Auswertung lasse ich mir nicht nehmen. Vielleicht erfolgt sie im Rahmen einer Dissertation.“ Vielleicht würde er noch einmal zum Studieren an die Uni gehen, oder „Nelly jemandem zur Verfügung stellen, der seine Doktorarbeit darüber schreibt,“ erklärt Klaus Gerken. Auf jeden Fall wolle er noch in diesem Jahr damit anfangen, herauszufinden, wie alt die „Venus von Bierden“ ist.

Unterstützung dürfte er dabei vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) erhalten, das die Projektleitung für die archäologischen Grabungen entlang der Pipeline inne hat. Bei der besagten Pressekonferenz stellte Bernd Rasink vom NLD die Besonderheiten der „Venus“ vor. Er informierte auch darüber, dass Funde, die entlang der Pipeline gemacht wurden, später in Ausstellungen gezeigt werden sollen. Das Bestreben des Landesamtes sei es, die Stücke örtlichen Museen mit ihren Vor- und Frühgeschichtlichen Sammlungen zur Verfügung zu stellen. Die „Venus“ könnte demnach einst im Historischen Museum Domherrenhaus nach Verden zurückkehren. Wer weiß – vielleicht ist das Rätsel um ihr Alter dann etwas mehr gelüftet worden . . .

AM Mittwoch arbeiteten noch Archäologen und Grabungshelfer am Bahndamm in Bierden.Fotos: Ullrich

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