Kabarettist Tretter zur digitalen Welt

Stammtisch als asoziales Netzwerk

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Starke Grippe und starker Auftritt: Mathias Tretter.

Achim - Von Anne Schmidtke. Die sozialen Netzwerke, die deutschen Politiker und auch sich selbst nahm der Kabarettist Mathias Tretter am Sonntagabend auf die Schippe. Der stark erkältete Leipziger trat mit seinem Soloprogramm „Mathias Tretter möchte nicht dein Freund sein“ im Kulturhaus Alter Schützenhof auf.

Gleich zu Anfang stellte der gebürtige Würzburger klar, dass ihm die sozialen Netzwerke nicht geheuer seien. „Im Internet haben fast alle Personen heute durchschnittlich 250 Freunde. Sich mit denen gleichzeitig zu treffen, muss ganz schön anstrengend sein“, vermutete der Künstler. Schließlich wisse er aus Erfahrung, dass es schon ganz schön schwierig sei, nur mit acht Kumpels nach der Arbeit mal ein Bier trinken zu gehen. Der eine nehme zurzeit keinen Alkohol zu sich, ein anderer wolle mal etwas Neues ausprobieren oder erst noch eine Kleinigkeit essen und dem Rest sei der Zeitpunkt des Treffens zu spät.

Um mit seinen aufrichtigen Freunden nicht nur in der virtuellen Welt Kontakt zu halten, gründete Tretter mit zwei langjährigen Weggefährten daher das „asoziale Netzwerk“, einen ganz altmodischen Stammtisch. Regelmäßig finden sich der Kabarettist, der ewig kiffende Langzeitstudent Ansgar und der sächsische Fahrradkurier Rico nun also in „Uschis Bierbutze“ ein. „Das ist ein körperliches Erlebnis. Da sitzen Männer zusammen, die sich riechen können. Das muss auch so sein, schließlich dunsten wir nach drei Stunden nicht nur Testosteron, sondern auch Bier und Schweiß aus“, erklärt Tretter.

Die drei könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Ansgar immer wieder „Entspannt euch!“ in die Runde ruft, imitiert Tretter Martin Luther King („Ich habe einen Traum“), indem er eindrucksvoll und sich in Rage redend die Rückkehr des analogen Lebens fordert. Rico lockt zeitgleich via Facebook, dem sozialen Netzwerk, das den „globalen Hirnwichs einsammelt“, nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Philipp Rösler und Jesus Kinsky zur Umsturzparty in den Reichstag, sondern auch Nazis und Anarchisten. Er glaubt genauso wenig wie Lenin („Wenn die Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich vorher noch eine Bahnsteigkarte“) an eine Revolution in Deutschland. Doch wider Erwarten kommen alle, so dass das Chaos vorprogrammiert ist.

Tretter, der alle drei Rollen verkörperte, schaffte es virtuos, durch Verstellen seiner Stimme und durch Gestik und Mimik, den unterschiedlichen Charakteren Leben einzuhauchen und ihnen somit jeweils eine eigene Persönlichkeit zu geben.

Der Internetkritiker meint, dass die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan nicht hätte zurücktreten müssen. „Die hat ihre 350-seitige Doktorarbeit noch mit der Schreibmaschine verfasst. Daran würden heutige Promovierende scheitern. Geben Sie einer Studentin mal eine Flasche Tipp-Ex. Die benutzt das als Nagellack“, witzelte der bekannte Kabarettist.

Zwei Stunden lang ein starker Auftritt.

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