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Schwere BMW und Goggo mit Blattfedern

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Von: Markus Wienken

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Ein Mann in Oberhemd und Jeans steht vor einem Haus mit einem Motorrad.
Schweres Gerät am Start: Franz Wagner mit der 1200er-BMW. © wienken

Auf dem Weg zum Führerschein hat Franz Wagner einiges erlebt, legte dann aber mit einem
VW Käfer einen lässigen Start hin.

Verden – Autos und vor allem Motorräder, Maschinen und Technik, damit kennt sich Franz Wagner aus. Schon als Jugendlicher! Als Franz im Jahr 1956 erstmals offiziell am Steuer sitzt, da hat Fahrlehrer Paul Freytag, nach der wohl relativ flotten Fahrstunde, denn auch gleich einen Spruch auf Lager: „Schon ordentlich schwarz gefahren, junger Mann.“ Der „junge Mann“ ließ sich nicht beirren, kriegte aber wenige Wochen später nach der Abschlussprüfung gleich die Retourkutsche: „Den Führerschein kriegste aber nicht“, so Fahrlehrer Freytag mit einem – wohl süffisanten – Lächeln. War was falsch gelaufen?

Schon ganz schön lange her, wenn sich Franz Wagner an die „alten Geschichten“ erinnert. Vor allem daran, dass er und seine Kumpels unbedingt den Führerschein machen wollten, nein mussten. „Sonst war ja aus Verden nicht wegzukommen.“ Und schnell musste es gehen mit dem Lappen, weil es ja möglichst günstig sein sollte. „Klar sind wir da auch schwarz gefahren. War ja nichts los auf den Straßen“, so Wagner. „Klar war auch, dass der Fahrlehrer sofort Lunte riechen musste, aber das war uns egal.“

Wagner kurvte mit dem Fahrschul-Käfer routiniert durch Verden. „Ich glaube, es waren damals fünf oder sechs Fahrstunden.“ Und: „Wann, nach wie viel Fahrstunden wir die Prüfung machen durften, war einzig und allein die Entscheidung des Fahrlehrers“, erinnert sich der heute 82-Jährige. Aber Fahrlehrer Paul Freytag nahm es trotzdem genau. Auch in der Prüfung. Er ließ den forschen jungen Mann machen, den dunklen Käfer – „es gab keine anderen“ – zügig durch Verden steuern. „Ging auch alles gut, und durch Verden war wirklich nicht schwer. Keine Ampeln, schmale Straßen und kleine Kreuzungen, alles übersichtlich“, erinnert sich Wagner. Und so war sich der Jungspund sehr sicher, als er auf den Hof von Freytag fuhr, den Lappen in der Tasche zu haben und mit diesem sich zu verabschieden. „Ist nicht“, so Paul Freytag sinngemäß. Wagner wurde ganz mulmig, ehe sich dann doch seine Miene aufhellte. „Du wirst erst in zwei Monaten 18, dann kannste wiederkommen“, frotzelte der Fahrlehrer.

Wagner war es dann doch egal. Er war sowieso heiß auf ganz andere Touren – und zwar mit dem Motorrad. Sein Kumpel steuerte schon längst eine schwere 600er-BMW durch die Kleinstadt. Das machte Eindruck. Und Franz durfte sich ebenfalls immer wieder an den Lenker setzen – schwarz natürlich.

Also zu Fahrlehrer Rohde, der allerdings nur eine kleine Kiste zur Schulung der Fahrschüler anbieten konnte. „Eine DKW, ein Zweitakter“, weiß Franz Wagner noch genau. Franz fragte zunächst Fahrlehrer Rohde, dann seinen Kumpel und steuerte nachfolgend die 600er-BMW zur Fahrschule, um darauf zu lernen. Es hätte sich fast gerächt. „Das war natürlich ein ganz anderes Kaliber als die DKW“, so Wagner. Kräftig zupacken musste der junge Fahrschüler, um die wuchtige Maschine mit dem Boxermotor auf dem Kopfsteinpflaster in der Spur zu halten. Vielleicht hatte er sich ja doch ein wenig zu viel zugemutet? „Achten fahren, besonders dann, wenn es geregnet hatte, das war schon nicht so einfach.“ Aber Franz blieb eisern – und geschickt. Die schwere Kiste blieb heil, die nachfolgenden Fahrstunden waren – inklusive Prüfung – erfolgreich.

Auf einer Karte sind Daten zu lesen und ist eine Fotografie zu sehen.
Der graue Lappen ist Geschichte. Franz Wagner fährt seit vielen Jahren schon mit „Plastikkarte“. © Wienken, Markus

Das erste Motorrad? „Eine 500er-BMW, Telegabel, grade Federung, 26 PS, Spitzengeschwindigkeit 140 Stundenkilometer, scharz lackiert.“ Und der Preis? „1000 Mark wollte der Bekannte haben, wir einigten uns auf 900.“ Nicht nur fahren, vor allem schrauben, das ist Wagners „Ding“. „Wir konnten unsere Motoren komplett aus- und einbauen. Ich habe mir dafür sogar eigenes Werkzeug machen lassen.“

Weitere Touren nach Holland, aber auch um die Ecke, zur nächsten Kneipe, gehörten in den frühen Jahren dazu. Am besten mit einem Mädel auf dem Sozius. „Aber immer ohne Alkohol“, betont Wagner. Als die Mädels anspruchsvoller wurden, stockte Wagner seinen Fuhrpark auf. Einen 600er-Goggo, nicht groß, aber wendig und vor allem wetterfest. Der Boxer-Motor brachte es auf 100 Stundenkilometer. „Mehr ging auf der Landstraße eh’ nicht.“ Und das kleine Vehikel verfügte über stabile Blattfedern. Daran erinnert sich Franz Wagner insbesondere deshalb, weil er auf einer Tour von Barme nach Verden Brunhilde und deren Schwester zusteigen ließ. „Zwei kräftige Frauen, die ordentlich was auf die Waage brachten, aber der Goggo hat uns sicher bis Verden gebracht“, lacht der Senior.

Die Geschichten, ob mit Motorrad oder Auto, gehen Franz Wagner nicht aus. In Scharnhorst, es sind mehrere Jahrzehnte her, sprang ihm ein Kaninchen vor die BMW. Wagner und die Maschine blieben unversehrt. Das tote Tier landete – als kleine Entschädigung für den Schrecken – im Kochtopf.

Bei einem Unfall im Winter, auch das ist Geschichte, krachte Wagner mit seinem 1300er-Simca bei Glatteis gegen einen Baum. „Das war knapp.“ Aber der Fahrer hatte Glück, zog den demolierten Simca aus dem Graben, besorgte sich eine intakte Karosserie und baute sich aus sämtlichen Teilen einen neuen Simca. „Ich war und bin immer gerne am Friemeln“, sagt der Handwerker.

Das ist bis heute so geblieben, die Leidenschaft für Autos, aber vor allem für Motorräder und natürlich die Friemelei. Eine schwere Yamaha steht zwar in der Werkstatt, dafür eine akkurat gepflegte BMW 1200 C in der Garage. Was mit einer im Kern eher friedlichen BMW R 1200 C möglich ist, zeigte Pierce Brosnan alias James Bond 1997 in „Der Morgen stirbt nie“. Soviel Gas würde Franz Wagner nicht (mehr) geben, aber eine Runde auf dem Chopper, die dreht der 82-Jährige immer noch gern.

Den grauen Lappen, Franz Wagner auf dem Foto noch mit langen Haaren, hat der Eigentümer übrigens nicht mehr finden können. „Liegt entstempelt und gut verwahrt in irgendeiner Schublade“, so der Senior. Wagner hat längst auf die handliche Plastikkarte umgesattelt. Auch da denkt er praktisch.

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