Dürrenmatts „Der Verdacht“ eindrucksvoll inszeniert

Schrecken der Nazis stets präsent

Ulrich von Bock als Kommissar und Roberto Widmer als der Jude Gulliver (r.).

Verden - (nie) · Wer sich im Rahmen des Verdener Theaterabos einen „netten“ Abend erhofft hatte, wäre besser daheim geblieben. Denn Manfred H. Greves Bühnenfassung des 1951 von Friedrich Dürrenmatt verfassten Kriminalstücks „Der Verdacht“ ging tief unter die Haut.

Dem Publikum in der Verdener Stadthalle musste nämlich erst schwarz vor Augen werden, bevor die Welt wieder sichtbar wurde. Das Tourneeensemble des Theaters Greve fesselte mit einer Inszenierung, die als philosophisches und absurdes Denkspiel voll sprachlicher Wucht angelegt war.

„Der alte Kater lässt das Mausen nicht“, sagt der Volksmund. Das trifft auch auf Kommissar Hans Bärlach (Ulrich von Bock) zu, der, schwerkrank und kurz vor der Zwangspensionierung, versucht, einem skrupellosen Kriegsverbrecher das Handwerk zu legen.

Die menschlichen Abgründe, die sich in einer solchen Lebenslage auftun, erlebten die Theaterfreunde auf packende Weise. Denn was als amüsantes Schelmenstück begann, wurde ganz schnell bitterernst.

Bärlach verfolgt einen Mann, der viel mehr als ein gewöhnlicher Verbrecher ist. Der Kommissar hat nämlich einen furchtbaren Verdacht. Im Krankenhaus liegend, liest er in der Zeitschrift Life einen Artikel über den berüchtigten Nazi-Arzt Nehle (Manfred H. Greve), der im KZ Stutthof bei Danzig ohne Narkose operierte und von dem er vermutet, dass der inzwischen unter dem Namen Emmenberger praktiziert. Bärlach begibt sich vom Krankenbett aus auf die Spuren des KZ-Arztes und sogar selbst in die Hände des kalten Sadisten, der meint, niemandem Rechenschaft zu schulden – auch nicht einem Gott.

Doch statt des vom Kommissar angstvoll erwarteten Emmenberger kommt der Jude Gulliver ins Zimmer, einst selbst ein Opfer Emmenbergers. Nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ hat er dem unbarmherzigen Arzt eine Blausäurekapsel verabreicht. „Das einzig wahre Abenteuer ist, auf der Welt zu bestehen“, sagt Gulliver, der Jude ohne Existenz, am Ende bedeutungsvoll.

Ob Traurigkeit, Verzweiflung, Angst, Grauen oder Hoffnung – das Theaterensemble gab jeder Regung den ihr gebührenden Raum. Die Schrecken der Nazis waren hier noch lange nicht vergangen, sondern höchst präsent.

Allein des Juden Gullivers (Roberto Widmer) eindringlich zum Ausdruck gebrachte maßlose Wut darüber, was seinem Volk angetan wurde, ging mehr als unter die Haut – sie ging an die Substanz. Auch was die Ärztin Dr. Edith Marlok (Andrea Gloggner) zu sagen hatte, über das Sterben der Armen und das Sterben der Reichen, malte deutliche Spuren der Erschütterung in die Gesichter des Publikums.

Die Bühnenfassung hält sich im Wesentlichen an Dürrenmatts literarische Vorlage. Die Adaption ist gelungen, denn sie trifft den richtigen Ton und findet adäquate Umgangsformen für das düsterste Kapitel jüngster deutscher Geschichte. Greve ist der Drahtseilakt geglückt, diesem hochbrisanten Werk einen so würdigen Bühnenrahmen zu geben. Zurück bleibt ein verstörender, aufwühlender Eindruck.

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