Im Historischen Museum wird jedes Schätzchen nummeriert / Besuch auf dem Dachboden

Schattendasein und Rampenlicht

Jeder Griff eine schöne Überraschung: Museumsleiter Dr. Björn Emigholz mit einem geschnitzten Schild. Fotos (4): Wienken

Verden - Von Markus Wienken· Es ist nur eine roh gezimmerte Holztreppe, nicht Mal 20 Stufen, die in ein großes Sammelsurium aus längst vergangenen Zeiten führen. Kleine und große Schätze, nach Nummern geordnet, mit einer ganz eigenen Geschichte führen auf dem Dachboden des Historischen Museums Domherrenhaus ein vermeintliches Schattendasein.

Es ist ein regnerischer Tag, der Wind pfeift um die alten Gemäuer des Historischen Museums, als dessen Leiter Dr. Björn Emigholz die besagte Holztreppe in die Vergangenheit hinauf steigt. Die mächtige Bodenluke lässt sich nicht so ohne weiteres öffnen, doch Emigholz hat den Dreh raus. „Alles eine Frage der Technik.“

Gesagt, getan, den Kopf durch die Luke gesteckt und wenig später steht er auf den grob gehauenen Bodenbrettern des Magazins. Draußen zerrt noch immer der Sturm an den Dachpfannen, drinnen weht der Hauch der Geschichte.

„Hier oben kommt sonst kein Besucher hin“, so der Museumsleiter. Dennoch scheint der Hausherr auf Gäste eingestellt. Alles liegt an seinem Platz, es ist picobello aufgeräumt. Und aus dem Stegreif weiß der Muse- umsleiter seine ungezählten Exponate vorzustellen.

Der Griff ins Regal ist rein zufällig, das Schild wegen der schrillen Farben hingegen sehr auffällig. „Es schmückte mal die Rückenlehne eines Pferdeschlittens“, weiß Emigholz. Vermutlich haben es die Eigentümer selbst geschnitzt und dann damit ihr Gefährt verziert. Der Blick schweift weiter und bleibt an einem braunen, eher schmucklosen, aber blank polierten Gefäß hängen. Jahrgang 1791, da besteht kein Zweifel, prangt ja schließlich in großen Ziffern an der Vorderfront. „Stand früher in jedem Haushalt und war ein üblicher Gebrauchsgegenstand“, klärt der Experte auf. Ein Schulterzucken seines Gegenübers lässt ihn konkreter werden. „Ein Salzfass.“ Leichter zu klären ist da schon der Inhalt eines länglichen Kartons. Spazierstöcke in allen Variationen. Neue, alte, geschwungene und gedrechselte. „Mit Hut und Stock, im Mantel und mit Handschuhen, so wurde früher flaniert.“

Die Herrlichkeit ist längst erblasst, seine Nachbarn kann man sich nicht aussuchen, und so fristen die Vertreter der High-Society ihr Regal-Dasein neben einem recht rustikalen Duo. „Klobig, aber sehr effektiv“, zeigt Emigholz auf ein Paar Holzstiefel mit Lederschaft. „Damit gingen die Verdener in moorigen Gegenden auf Entenjagd.“ Na, dann viel Glück und Waidmannsheil. Ob das Paar seinem Besitzer Jagdglück gebracht hat? Darüber sei der Mantel des Schweigens gehüllt.

Eher Rätsel gibt ein Holzgerippe mit kleineren Verstrebungen auf. Der erste Gedanke, dass da ein Musikliebhaber seinen CD-Ständer entsorgt hat, ist ganz so falsch nicht. Emigholz hilft: „Der Vorläufer eines Prahlhans'.“ Wie bitte? Die Expertise folgt. „In Bauernstuben hing das Gestell an der Wand und, entsprechend ihrer Rangfolge, stapelten dort, der kleinste Knecht und der feinste Gutsherr, ihre Frühstücksbretter.“ Im Laufe der Jahre wurde das Holzgerippe verfeinert, bis hin zu einem geräumigen und schmuckvollen Schrank, in dem die Hausherrin kostbarstes Porzellan zur Schau stellt(e).

Reine Männersache war hingegen die Kriegsführung. Ganze Schlachten und deren Geschichten schlummern in den Kartons des Museums. Fein säuberlich in Zinn ge- gossen. So auch die Ereignisse um die Auseinandersetzungen von Rezonville. Im Deutsch-französischen Krieg fand am 16. August 1870 die Schlacht bei Gravelotte, eben nahe Rezonville, statt. Das Deutsche Reich behielt den Ort bis 1918 als Kriegsbeute.

„Mit den Zinnsoldaten können wir die Schlacht zwischen deutschen und Franzosen nachstellen”, so Emigholz. Das historische Ereignis ist die Spende eines Liebhabers. Irgendwann werden wir die Szene mal aufbauen“, hofft der Museumsleiter. Verloren gehen wird sie nicht. Dafür steht die Ordnung des Museums.

Ob Mausefalle, Siegelpresse, Schlösser oder Flaschenhalter, an jedem Exponat hängt eine Nummer. „Und jede Nummer ist als Datei im Computer geführt, dazu der ehemalige Besitzer notiert und, wenn möglich, auch alles Wissenswerte drumherum.“ Ein Aufwand, den das Museum mit Akribie betreibt, der sich aber lohnt: „Wir haben einen Erhebungsstand von 100 Prozent“, weiß Emigholz.

Auch anderen Museen ist das nicht verborgen geblieben. „Da tauschen wir uns bei Bedarf untereinander aus“, erklärt Emigholz. Und so könnte auch das Schattendasein des kleinsten Exponats schnell zu Ende sein, wenn der große Bruder, sprich ein ein Museum, anruft.

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