Werner Ödding klagt im Rechtsstreit mit RWE-Dea auf Schadenersatz

Risse am Haus: Eigentümer bietet Großkonzern die Stirn

Werner Ödding zeigt auf lange, tiefe Risse im ersten Stock seines Hauses. Die Mieter seien deswegen ausgezogen. Die groben Mängel schreckten Interessenten für die Wohnung gleich ab.
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Werner Ödding zeigt auf lange, tiefe Risse im ersten Stock seines Hauses. Die Mieter seien deswegen ausgezogen. Die groben Mängel schreckten Interessenten für die Wohnung gleich ab.

Langwedel - Von Michael MixHOLTEBÜTTEL · „Wir sehen nicht ein, dass wir hier Schäden haben und keinen Ausgleich dafür bekommen“, sagt Werner Ödding mit Blick auf die langen und tiefen Risse an und in seinem Haus an der Schülinger Straße 3. Der 77-Jährige macht den nahen Erdgas-Förderbetrieb der RWE-Dea AG dafür verantwortlich. Und die ebenfalls auf Risse an ihren Wänden verweisende Dorit Siemer, die ein Stück weiter, Trift 11, in Holtebüttel wohnt, pflichtet dem aufgebrachten Rentner bei.

Ödding hat den Energiekonzern auf Schadenersatz verklagt. Das Landgericht Verden will sich mit dem Fall Ende November abschließend befassen.

2008 und 2009 habe RWE-Dea Erkundungsbohrungen für die Erdgasfelder mit den Bezeichnungen „Völkersen Z 9“ und „Völkersen Z 10“ unter seinem Haus vorgenommen, berichtet Ödding beim Gespräch mit dieser Zeitung. Die Bohrgeräusche seien deutlich zu hören gewesen. Aber nicht nur das.

„Die Türen in der Wohnung wackelten, sprangen von alleine auf. Ältere, nicht digitale Uhren blieben stehen. Und es knackte im Gebälk“, erinnert sich der Schülinger.

„Mein ganzes Haus arbeitet, sackt ab“, schaltet sich Dorit Siemer ein. Sie wohnt nur rund 500 Meter vom Erdgas-Förderbetrieb an der Schülinger Straße entfernt. Auch sei aus der Haustür vor kurzem ein Glasstück herausgesprungen.

Darüber hinaus lastet Siemer die jüngsten „Erdbeben“ im Verdener Südkreis der Erdgas-Förderung in der Region an. Nachts am 28. März und am 2. Mai dieses Jahres sei ja nicht nur ihr Haus „heftig erschüttert“ worden. „Da stand ich senkrecht im Bett.“

Von offiziellen Stellen fühlt sich die 47-Jährige im Stich gelassen. „Egal, ob das Bergbauamt oder der Landkreis – alle belächeln es nur“, stellt Dorit Siemer erzürnt bis verzweifelt fest.

Wenn sie überhaupt eine Antwort bei dem Thema erhalte, dann immer nur die, dass die Risse wahrscheinlich vom schwankenden Grundwasserspiegel herrührten. Siemer hält diese Erklärung für wenig plausibel. „In der weiteren Umgebung gibt es doch auch keine derartigen Schäden.“

Wie berichtet, erklären sich die genannten Behörden in der Angelegenheit für nicht zuständig. Und der Milliarden Euro mit dem Gas- und Ölgeschäft verdienende Konzern rühre sich nicht, beklagen die beiden Einwohner aus dem Flecken Langwedel.

„Es sind doch Peanuts für die, die Schäden zu bezahlen“, findet Werner Ödding. Vor Jahren habe ein Dahlbrügger auch einige tausend Euro für zwei Risse an seinem Haus von RWE-Dea erhalten, fügt er noch an.

In diesem zurückliegenden Fall seien vermutlich seismische Messungen im Erdreich ursächlich gewesen, erklärt Derek Mösche, Pressesprecher aus der Konzernzentrale in Hamburg, dazu auf Nachfrage. Und da erfolge dann auch eine „schnelle, unbürokratische Schadensregulierung“.

Jetzt, bei den aktuellen Rissen, von denen laut Ödding und Siemer rund ein Dutzend Hausbesitzer in den drei Ortsteilen rund um den Förderbetrieb, also in Holtebüttel, Schülingen und Dahlbrügge, betroffen sein sollen, zieht sich alles in die Länge. Die meisten kuschten lieber, scheuten die nervenaufreibende, kostspielige und womöglich zu nichts führende Auseinandersetzung mit dem Großunternehmen, wissen beide; dem Rentner platzte irgendwann der Kragen.

Bei einem Ortstermin an der Schülinger Straße 3 im Februar 2010 habe ein Vermessungsingenieur von RWE-Dea gesagt, noch nie ein Haus mit solchen Schäden gesehen zu haben, schildert Werner Ödding. Die Sanierungskosten seien auf etwa 100 000 Euro beziffert worden. „Wir waren es aber nicht“, habe es sogleich geheißen.

Daraufhin reichte Ödding Klage gegen RWE-Dea beim Landgericht Verden ein. Das Gericht beauftragte einen Gutachter, ein sogenanntes Beweissicherungsverfahren durchzuführen. Die Kosten dafür, 10 000 Euro, müsse er selbst tragen, erzählt der Schülinger. Und natürlich noch das Honorar für seinen Rechtsanwalt, der im Übrigen bei dem namhaften, mächtigen Prozessgegner auch „nur sehr schwer zu finden“ gewesen sei, sowie die Gerichtskosten.

Das Gutachten habe er inzwischen bekommen, sagt Ödding. Von Bohrungen unter seinem Haus sei darin keine Rede, und auch das umstrittene Fracking-Verfahren komme als Ursache der Schäden angeblich nicht in Betracht.

Vielmehr führe der Gutachter die Risse am Haus auf „große Sprünge beim Grundwasserstand im Jahr 2004“ zurück. Ödding schüttelt den Kopf: „Das kann ja wohl nicht sein. Die Schäden sind doch erst von 2008 an aufgetreten.“

Das Gutachten „stellt in dieser Frage keinen Zusammenhang mit dem Erdgas-Förderbetrieb her“, bestätigte gestern Konzern-Pressesprecher Derek Mösche auf Nachfrage. Einzelheiten werde der Sachverständige beim Gerichtstermin am 29. November darlegen.

„Es wird ja immer behauptet, wir sind ein Rechtsstaat. – Das Großkapital hat immer Recht“, merkt Werner Ödding mit Blick auf den Ausgang des Rechtsstreits wenig hoffnungsvoll an. Dorit Siemer nickt: „Die Rechte liegen nur bei den Mächtigen.“

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