Der Rat muss entscheiden, wie viel ihm diese öffentliche Einrichtung wert ist

Retter oder Totengräber des Freibads am Werk?

Eiszeit im Achimer Freibad. ·
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Eiszeit im Achimer Freibad. ·

Achim - Von Manfred Brodt. Will sich Achim noch ein attraktives Freibad leisten? Kann die Stadt das noch? Grundsätzliche Antworten auf diese Fragen sollen schon am Dienstag nächster Woche während der Sitzung des Ratsausschusses für Sport und Kultur ab 17 Uhr im Ratssaal gegeben werden. Dabei wird über Millionen Euro zu entscheiden sein.

Die Bestandsaufnahme für das vor 52 Jahren eingeweihte Achimer Freibad sieht nämlich einigermaßen verheerend aus. Das Bad ist ein Sanierungsfall, wobei in manchen Fällen die Neubauten noch billiger sein werden als die Sanierungen.

Ein Freudentag: Einweihung des Freibads vor 52 Jahren.

Nach einer Untersuchung des beauftragten Architekten- und Ingenieur-Büros De Witt, Janßen, Partner aus Bad Zwischenahn sind der Umkleidetrakt von 1962 abgängig, das Filtergebäude mit zentraler Schwimmbadtechnik und das Kassengebäude sanierungsfähig, die Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken undicht, nicht ungefährlich und mit hohem Aufwand zu sanieren, das große Planschbecken nicht mehr zu gebrauchen.

Millionen Euro müssten investiert werden, um das Bad wieder auf Vordermann zu bringen und für Besucher anziehend zu machen. Das Büro zeigt verschiedene Szenarien auf, die zwischen 6,4 und vier Millionen Euro kosten würden.

Auch unabhängig vom enormen Sanierungsbedarf in Achim fahren Freibäder und auch Hallenbäder naturgemäß regelmäßig hohe Defizite ein und müssen auch als Einrichtungen der Gesundheitsvorsorge enorm bezuschusst werden.

Beim Achimer Freibad stellt sich das so dar, dass nach der Statistik für 2012 zum Beispiel die 39 476 Besucher Einnahmen von 79 298 Euro brachten. An Kosten entstanden aber 314 045 Euro, davon 156 620 Euro für Personal und 127 200 Euro für Wasser, Abwasser, Strom und Wärme. Gerade ein Viertel der Kosten wird also durch die Eintrittskarten gedeckt. Statistisch gesehen legt der Steuerzahler für jeden Schwimmbadbesuch sechs Euro drauf.

Im Vergleich des Achimer Freibads mit 30 anderen Freibädern, den die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen aufgestellt hat, fällt auf, dass das Achimer Freibad eine um ein Drittel größere Wasserfläche bei rund 30 Prozent weniger Besuchern hat. Der Personaleinsatz sowie der Verbrauch an Wasser, Strom und Heizenergie sind überdurchschnittlich hoch: Ursachen eines insgesamt schlechten Betriebsergebnisses.

Hatten die Verantwortlichen der Stadt in den letzten Jahren noch hochfliegende Träume von einem attraktiven Spaßbad, einer Kombination mit dem angrenzenden Sportzentrum oder auch einem Hotel am Freibad, lautet nun die Strategie, alles ein paar Nummern kleiner zu machen und so Ausgaben zu sparen.

Nachdem auch nach sieben Treffen eines sachverständigen Arbeitskreises im Rathaus letztes Jahr keine Einigkeit erzielt worden war, steht nun der so genannte Bürgermeister-Vorschlag auf der Tagesordnung,

Bürgermeister Uwe Kellner will die Kosten für Sanierung und laufenden Betrieb insbesondere durch die Reduzierung der Wasserflächen senken. Das Nichtschwimmerbecken soll aufgegeben werden. Statt dessen soll das Schwimmerbecken saniert und zu einem Kombibecken für Schwimmer und Nichtschwimmer mit mindestens zwei 50-Meter-Bahnen umgewandelt werden.

Das abbruchreife Umkleidegebäude inklusive Gastronomie soll in der Nähe des Eingangs- und Kassenbereichs errichtet werden, was mit Personaleinsparungen verbunden wäre. Auch der Planschbereich für Kleinkinder soll verschwinden und durch neue Wasserangebote im östlichen Eingangsbereich ersetzt werden.

Auch dieser Vorschlag würde insgesamt rund vier Millionen Euro kosten.

Der Bürgermeister sieht den dringenden Sanierungsbedarf des Bades, das regelmäßig in den Wochen nach Oktober ein Drittel seines Wassers verliere, und die davon laufenden Kosten für die wichtige Einrichtung, die nur ein Drittel des Jahres genutzt werde.

Nach den Berechnungen des beauftragten Büros würden sich durch diese Beschränkungen des Achimer Freibades die jährlichen Kosten von zuletzt 315 000 Euro um rund 70 000 Euro bei zehn Prozent weniger Personalkosten verringern lassen.

Bei anderen Varianten mit Nichtschwimmerbecken härte man nur geringe jährliche Einsparungen.

Die Frage ist, ob ein derart verändertes und verkleinertes Freibad noch attraktiv für Besucher bleibt, die jetzt schon relativ spärlich sind.

Der TSV Achim zum Beispiel mit seinen 400 aktiven Schwimmern meint Nein und befürchtet, dass in einem Kombibad von Schwimmern, Nichtschwimmern und Leistungsschwimmern Konflikte vorprogrammiert seien. Ihm schwebt eher ein Sportpark aus saniertem Freibad mit benachbartem, modernisiertem Sportzentrum vor.

Auch die sonstigen im Arbeitskreis vertretenen Sportler und begeisterten Freibadnutzer sind tief enttäuscht von den Vorschlägen, halten ein so zurückgebautes Freibad für eine Stadt mit 30 000 Einwohnern unwürdig und sehen, überspitzt formuliert, eher „Totengräber des Freibads“ am Werk.

Als in Achim vor einem halben Jahrhundert ein Freudenfest zur Einweihung des neuen Schwimmbades gefeiert wurde, hatte man sich das sicher so nicht vorgestellt.

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