Experte informierte über mögliche dramatische Folgen des Klimawandels / Großes Interesse am Thema

Polschmelze wäre der Super-GAU

Dr. Michael Schirmer mahnte, mit dem Klimaschutz sofort zu beginnen.

Achim - (mm) Die Schwüle im Raum war fast unerträglich und doch ein Klacks gegen das, was die dicht gedrängt Sitzenden über mögliche bedrohliche Entwicklungen für alles Leben auf der Erde hörten. „Der Klimawandel“, so das Vortragsthema am Mittwochabend im Hotel Gieschen in Achim, elektrisiert, beunruhigt offenbar. Im Flur hieß es Schlange stehen und Stühle schleppen, und angesichts dessen machte manch einer enttäuscht wieder kehrt.

Wer sich nicht in den relativ kleinen Vortragsraum quetschen mochte, verpasste etwas. Referent Dr. Michael Schirmer, vor seinem Ruhestand Biologe und Meeresforscher an der Universität Bremen und jetzt ehrenamtlicher Deichhauptmann für das rechte Weserufer der Hansestadt, verstand es, schon jetzt zu beobachtende Auswirkungen von Treibhauseffekt oder beginnender Polschmelze eindringlich zu beschreiben, und auf die in den nächsten Jahrzehnten sehr wahrscheinlich sich zuspitzenden Folgen des Klimawandels zu blicken, ohne das Ganze unnötig zu dramatisieren.

Seit den 30er / 40er Jahren des 20. Jahrhunderts stellten Wissenschaftler einen signifikanten Anstieg sowohl der Temperaturen als auch der Meeresspiegel weltweit fest, während die Schneebedeckung kontinuierlich abnehme, informierte Schirmer, der auf Einladung des SPD-Bundestagsabgeordneten Joachim Stünker nach Achim gekommen war. Seit den 80er Jahren schnellten die Temperaturen geradezu nach oben, die „globale Mitteltemperatur“ sei bis jetzt um 0,8 Grad gestiegen. Mit dem Ergebnis, dass zum Beispiel in Bremen die Winter um dreieinhalb Wochen kürzer ausfielen als noch vor 50 Jahren, wohingegen die Blüte im Frühjahr immer früher einsetze.

In anderen Teilen der Erde wirke sich der Klimawandel bereits gravierender aus. So taue in Sibirien der Permafrostboden auf, „Dörfer versinken im Schlamm“.

Etwa 250 Wissenschaftler beschäftigten sich im Auftrag der Vereinten Nationen mit dem zunehmend an Brisanz gewinnenden Thema, sagte Schirmer. Verschiedene „Emissionsszenarien“ seien von diesen Fachleuten erarbeitet worden. Wie es tatsächlich kommen werde, wisse niemand. Denn dafür seien zu viele Variablen im Spiel, etwa die Menge der Umweltgifte, die bevölkerungsreiche Staaten wie China, Indien, USA oder auch Deutschland in den kommenden Jahrzehnten in die Atmosphäre blasen werden.

Im ungünstigsten Fall werde die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um satte acht Grad klettern. Was den Super-GAU, nämlich die totale Eisschmelze mindestens am Nordpol und die Überflutung halber Kontinente bedeuten würde. Aber auch bei einem geringeren Temperaturanstieg wären die Folgen für weite Landstriche erheblich. Für 2100 sei etwa für den Mittelmeerraum mit deutlich weniger Niederschlag und damit mit noch mehr Wassermangel als heute schon zu rechnen.

In Mittel- und Nordeuropa werde es dagegen häufiger regnen, aber eher im Winter, was der Landwirtschaft Probleme bereiten würde. Für den Sommer seien häufigere Hitzewellen mit tausenden von Toten, Unwetter mit starkem Hagelschlag, Stürme und auch über die Ufer tretende Flüsse zu erwarten.

Der Anstieg des Meeresspiegels, der sich in Richtung ein bis zwei Meter bewege, werde vielfach unterschätzt, meinte der Experte. Wesentliche Ursache für das „Hochschwappen“ sei das Abschmelzen des grönländischen Eises. „Wenn es so weitergeht, paddeln wir in 20 Jahren zum Nordpol“, formulierte Dr. Schirmer plastisch.

Ohne Gegenmaßnahmen, wozu neben Klimaschutz unter anderem das Erhöhen von Deichen oder auch das Errichten von Milliarden kostenden Sperrwerken an Weser und Elbe gehören könnten, würden Bremen, Hamburg und weite Küstengebiete bald „absaufen“. Wenn die Arktis komplett wegschmelzen würde, stiege der Weserpegel bei Achim um zwei Meter, verwies Schirmer auf wenig erbauliche Modellrechnungen. „Dann stände fast ganz Achim unter Wasser und wäre eine Art Hafenstadt.“

Aber noch sei nichts verloren. Die Vereinbarung der G 8-Staaten, den Kohlendioxid-Ausstoß nicht weiter in die Höhe treiben zu lassen und den Temperaturanstieg bis 2050 auf maximal zwei Grad zu begrenzen, könne der Rettungsanker sein, unterstrich der Wissenschaftler. Ansonsten drohten Hungersnöte, Kampf ums Wasser, immense Kosten für Natur und Wirtschaft und andere dramatische Folgen mehr.

„Das heißt für uns alle: Wir müssen auf allen Ebenen Klimaschutz betreiben“, mahnte Dr. Michael Schirmer. „Bei der Energiesparlampe angefangen.“

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