20 Jahre Rechtsstreitigkeiten

Wohnhaus am Backsberg droht der Zwangsabriss

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Christiane Hambrock klagt vor dem Verwaltungsgericht auf Genehmigung eines Pferdestalls und Therapieraums am Backsberg 5. Ihrem Wohnhaus aber droht derweil der Abriss.

Oyten - Von Petra Holthusen. 37.700 Euro sollte Christiane Hambrock an den Landkreis Verden überweisen – für den Fall, dass sie ihr Haus und die Nebengebäude am Backsberg 5 nicht wie von Behörde und Gericht verlangt abreißt und der Landkreis selbst für den Abbruch sorgen muss.

„Aber ich habe das Geld nicht“, sagt Hambrock. Das fehlende Geld ist bei weitem nicht ihr einziges Dilemma: So oder so droht ihr die Zwangsräumung: „Und dann? Wohin?“ Mit dieser Angst lebt Christiane Hambrock allerdings seit Jahren.

Landkreis hat Zwangsmaßnahmen immer wieder zurückgestellt

Mit ihrem Lebensgefährten Andreas Witt wohnt sie in einem nicht genehmigten Einfamilienhaus. Immer wieder forderte der Landkreis die Eigentümer zum Rückbau, sprich Abriss auf. Immer wieder klagten die sich durch verschiedene verwaltungsgerichtliche Instanzen. Immer wieder verloren sie. Dass sie überhaupt noch am Backsberg 5 wohnen, grenzt an ein Wunder und ist der Tatsache geschuldet, dass der Landkreis Zwangsmaßnahmen immer wieder zurückstellte.

Zuletzt hatte Christiane Hambrock voriges Jahr eine Bauvoranfrage für die Errichtung eines Pferdestalls samt Therapieraum gestellt. Zurzeit arbeitet die gelernte Kraftfahrerin im Paketdienst, aber sie hat eine psychotherapeutische Ausbildung angefangen und will mit Kindern und Pferden arbeiten, sagt sie.

Hambrock hat kein Verständnis für Sichtweise des Landkreises

Die Bauvoranfrage wurde abgelehnt, sie legte Widerspruch ein, der Widerspruch wurde zurückgewiesen, Hambrock reichte Klage beim Verwaltungsgericht ein und wartet auf einen Verhandlungstermin. Sie hat „die Schnauze voll“. Denn „alles, was wir dem Landkreis an baulichen Maßnahmen hier vorschlagen, ist immer kein sinnvolles Konzept. Ja, was halten die denn für sinnvoll?“

Die Frage ist eigentlich eher, was der Landkreis für legal hält auf dem Backsberger Grundstück im Außenbereich und Landschaftsschutzgebiet. Einen Pferdestall mit Therapieraum jedenfalls nicht. „In diesem Bereich sind nur bestimmte privilegierte Vorhaben zulässig, vornehmlich Vorhaben von Landwirten, die im Vollerwerb stehen“, zitiert Joachim Kmetsch, Fachdienstleiter Bauordnung in der Verdener Kreisverwaltung, die Rechtslage.

Ein Pferdestall und eine Therapieeinrichtung seien kein privilegiertes Vorhaben. Und den Ausgang des neuesten Verwaltungsgerichtsverfahrens „warten wir auch nicht mehr ab – irgendwann ist auch mal Schluss“. Alle Anordnungen seiner Behörde seien gerichtlich überprüft und rechtskräftig: „Das Haus hat keine Daseinsberechtigung, weil es keinen landwirtschaftlichen Hof dazu gibt und auch nie gab.“

Bedingungen aus der Baugenehmigung wurden nie umgesetzt

Bau und Betrieb einer Landwirtschaft aber waren Bedingung, als alles Mitte der 90er Jahre begann. Damals erhielt Andreas Witts Vater, der eine Hofstelle in Fischerhude bewirtschaftete, als Ausgleich für seine im neuen Fischerhuder Naturschutzgebiet Wümmeniederung liegenden Flächen 30  Hektar am Oytener Backsberg, um einen neuen Hof zu errichten. Eine Baugenehmigung gab es für Haus, Stall und Schuppen – nicht für das von Witt, dem der Vater den Hof überschrieben hatte, beantragte integrierte Konzept mit Haus und Stall unter einem Dach.

Einen Kaltstall aber könne er allein aus gesundheitlichen Gründen gar nicht bewirtschaften, so Witt – also baute er nur ein Wohnhaus. Ställe wurden nie gebaut – lediglich ein Melkstand auf der Wiese (allerdings musste Witt die Kühe auf Betreiben des Veterinäramtes wieder abschaffen) und zuletzt ein Folientunnel für Hambrocks Pferde.

Jeder Prozess kostet die Besitzer letztendlich Land

Dennoch fühlte sich Witt damals wie heute im Recht, weil der Landkreis den Bau seines Wohnhauses nicht gleich gestoppt habe. Der Landkreis wartete in der Frist von drei Jahren nach Erteilung der Baugenehmigung ab, ob neben dem Wohnhaus auf der grünen Wiese nun der geforderte landwirtschaftliche Betrieb gebaut werde. Als das nicht passierte, verlor die Genehmigung ihre Rechtsgültigkeit, das Wohnhaus seine Daseinsberechtigung – und eine scheinbar endlose Kette von Abrissverfügungen, Widersprüchen und Gerichtsverfahren nahm ihren Lauf. Alle Richter gaben der Bauordnungsbehörde Recht.

Nach einer Abrissverfügung von 2011 überschrieb Witt 2012 das Haus seiner Partnerin Christiane Hambrock. Die Rechtsstreitigkeiten und den Behörden-Clinch gab’s gratis dazu – prompt erhielt sie die Aufforderung zum Abriss des rechtswidrigen Wohnhauses. Dass sie als Pferdehalterin Landwirtschaft angemeldet hat, half da ebenso wenig wie der Bau eines Folientunnels für Pferde quasi als Kuhstall-Ersatz.

Jetzt scheinen die Tage ihres Wohnhauses endgültig gezählt. Und von den 30 Hektar Land sind auch nur noch 3,6 übrig, wie Witt sagt: „In zwanzig Jahren Klagen ist das Land draufgegangen.“

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