Gastwirte aus Ottersberg und Oyten erleben Krise auf unterschiedliche Art und Weise

Von Stammgästen und Frustableitern

Eine private Corona-Hilfe fanden Nicole und Markert Schacht (v.l.) im Briefkasten. Sie hängt nun als Glücksbringer an der Wand:„Ich möchte auch nach dem Corona-Drama noch Markerts Köstlichkeiten genießen können“, schreibt der unbekannte Wohltäter.
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Eine private Corona-Hilfe fanden Nicole und Markert Schacht (v.l.) im Briefkasten. Sie hängt nun als Glücksbringer an der Wand:„Ich möchte auch nach dem Corona-Drama noch Markerts Köstlichkeiten genießen können“, schreibt der unbekannte Wohltäter.

Oyten / Ottersberg – Es ist fünf nach zehn und an diesem Freitagvormittag nicht das erste Mal, dass im Restaurant und Hotel Linda’s das Telefon schellt. Nicole Schacht nimmt eine Außer-Haus-Bestellung entgegen. Rinderroulade, Grünkohl, Königsberger Klopse – der 1985 im Zentrum von Oyten eröffnete Familienbetrieb setzt auf gutbürgerliche Küche. „Der Außer-Haus-Verkauf läuft super“, sagt Markert Schacht, der mit seiner Mutter Linda Geschäftsinhaber ist. Bereits seit März setzen die Gastwirte hauptsächlich auf Essen to go. Die Menge an verkauften Speisen habe sich seitdem verdoppelt.

„Wir bieten fünf Gerichte zum kleinen Kurs, dazu gibt es Brot und Dips und hinterher Schokolade“, erzählt Nicole Schacht. Wer will, kann dazu eine (wiederverwendbare) Thermobox kaufen. Viele der Kunden seien Rentner oder von Kurzarbeit betroffen gewesen. Derzeit beschäftigt Linda’s zwei Festangestellte und zwei Aushilfen. Seit dem ersten Lockdown hatte das Restaurant durchgehend geöffnet, um die Mitarbeiter nicht zu verlieren und bei den Kunden nicht in Vergessenheit zu geraten, erklärt Nicole Schacht.

Ein Selbstläufer sei der Außer-Haus-Verkauf aber nicht gewesen: „Wir mussten uns da erst reinfuchsen, zum Beispiel, um die Essenszubereitung richtig zu takten.“ Ein anderer Bestandteil war die Eigenwerbung über soziale Netzwerke wie Facebook und neuerdings auch Instagram. Das hat sich gelohnt: Allein an Ostern lieferte das Restaurant nach eigenen Angaben 360 Hautpgänge aus. Dafür, dass sie die Stellung halten, schlägt den Gastwirten viel Dankbarkeit entgegen. Die Krönung sei im Sommer ein anonymer Dankesbrief mit einem 100-Euro-Schein gewesen. „Da standen uns allen die Tränen in den Augen“, erzählt Markert Schacht.

Bei alldem kommt den Schachts auch eine Entscheidung zugute, die sie schon Mitte 2019 trafen, Kohlbälle und andere Feiern langsam auslaufen zu lassen. Ausschlaggebend war der Personalmangel in der Gastronomie und dass die Eltern Linda und Richard Schacht aus Altersgründen nicht mehr so belastbar sind. Profitieren könnten die Oytener zudem von der guten Lage mit großem Einzugsgebiet, sodass etwa auch Kunden aus Bremen-Osterholz kommen. Der Getränkeverkauf stand schon länger nicht mehr im Vordergrund: „Früher zapfte mein Schwiegervater Bier, jetzt packt er Soßen ab“, sagt Nicole Schacht.

Wenige Kilometer weiter, in Fischerhude, sieht die Welt anders aus. Wo sonst Kneipengäste auf Barstühlen sitzen, hat Gastwirt Holger Bellmann sein zum Heimtrainer umgebautes Rennrad aufgestellt und dreht dort täglich seine Runden. „Irgendwo muss der Frust ja hin“, sagt Bellmann. Er wartet darauf, dass die November- und Dezember-Hilfen endlich ausgezahlt werden. Bellmann ist Inhaber des in fünfter Generation geführten Gasthofes mit Hotelbetrieb. Durch die coronabedingten Schließungen habe er nur 75 Prozent des Umsatzes vom Vorjahr erzielt. Der Hotelbetrieb, der derzeit nur Geschäftsreisende beherbergen darf, sei auf ein Minimum heruntergefahren. Von den staatlichen Corona-Hilfen sei ihm aber bislang nur ein Abschlag von 50 Prozent ausgezahlt worden, während Kosten wie etwa Strom, Gas und Gewerbesteuer weiter laufen. „Wenn das Geld nicht schneller fließt, kommt es bald nicht in laufenden Betrieben an, sondern geht in die Insolvenzmasse“, warnt auch Bellmanns Steuerberater Arne Struß vom Büro Voss & Partner in Bremen.

Ähnliche Erfahrungen mit den Corona-Hilfen machte Carsten Elfers, der das Café Lindenlaub in Quelkhorn (ehemals Gasthaus Hüsing) betreibt. Eis aus eigener Herstellung macht das Hauptgeschäft des Cafés aus, das von Oktober bis Februar saisonbedingt schließt. Im Winter beliefert Elfers auch andere Lokale. Carsten Elfers nutzt diese Zeit sonst gern zum Renovieren. „Das hat mir letztes Jahr fast das Genick gebrochen“, verrät er. Denn die Einnahmen vom Vorjahr müssten bis Mitte März reichen. Als das Café dann wegen des Lockdowns nicht öffnen konnte, wurde es finanziell eng. Im Sommer sei der Biergarten meist gut besucht, viel läuft über Tagesgäste und Touristen. Das Café Lindenlaub hat fünf Festangestellte. Zu Spitzenzeiten beschäftigt Elfers 50 bis 60 Minijobber zusätzlich. „Ich habe schon auf 25 runtergefahren. Nun muss ich aufpassen, dass mir das Personal nicht wegläuft.“ Wie viele Gastwirte hat er in Acrylglas-Wände investiert, um den Hygieneauflagen nachzukommen. Dass nun dennoch Schließungen erfolgten, empfindet Elfers als „bodenlose Frechheit“: „Das nimmt einem die Freude und Motivation.“

Bellmann holt einen Großteil seines Umsatzes durch Stammkunden, die den Biergarten besuchen und Feste im Saal buchen. „Statt acht bis neun Hochzeiten hatte ich letztes Jahr nur eine“, erzählt er. Auch bei der Buchung für 2021 halten sich Hochzeitspaare zurück. „Das plant man in der Regel ein halbes bis Dreivierteljahr vorher. Aber was soll man jetzt planen?“ Speisen außer Haus zu verkaufen, ist laut Holger Bellmann nicht lukrativ. Das gab es nur ausnahmsweise zu Weihnachten. Der Markt sei schon von Lokalen wie „Daisy’s Diner“ und Dönerbuden besetzt.

Bei den ab März vom Staat gezahlten Überbrückungshilfen gingen die Schachts übrigens leer aus. „Personalkosten machen bei uns den Hauptanteil aus, und die zählen nicht als Ausgaben“, so Nicole Schacht. Von den November-Hilfen wurde erst die Hälfte ausgezahlt. „Darüber haben wir uns letztlich gefreut. Wir haben aber immer versucht, es alleine zu schaffen“, sagt Markert Schacht. „Jammern hilft ja nichts und kostet nur Kraft“, fügt seine Frau hinzu. Viel härter trifft der Lockdown aus ihrer Sicht die Menschen in den Seniorenheimen und die Eltern im Homeoffice. Und Urlaub? Den werde es frühestens geben, wenn das Restaurant wieder öffnen darf.

Von Lisa Duncan

Bar mit Heimtrainer: Holger Bellmann (links) fährt zurzeit viel auf seinem umgebauten Rennrad. „Irgendwo muss der Frust hin“, sagt Bellmann, der sich mehr Unterstützung für die Branche wünscht. So sieht es auch Carsten Elfers vom Café Lindenlaub.

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