Bassener Pastor Benjamin Will

„Die Verbindlichkeit ist groß“

Pastor Benjamin Will vor dem weihnachtlich geschmückten Gemeindehaus in Bassen. - Foto: Duncan
+
Pastor Benjamin Will vor dem weihnachtlich geschmückten Gemeindehaus in Bassen.

Bassen - Von Lisa Duncan. Die geradlinige Art der Norddeutschen fasziniert ihn. Als Pastor schätzt er es besonders, an den Lebensgeschichten der Menschen Anteil zu nehmen und nicht nur gemeinsam zu beten, sondern auch zu singen. Und er sagt offen, dass er in einer schwulen Beziehung lebt. Nun übernimmt der 34-jährige Benjamin Will, der im Rheinland auf dem Dorf aufwuchs, nach sechs Monaten Vakanz die Pfarrstelle von Pastor Marcus Piehl in Bassen.

Hätte man ihn vor zehn Jahren gefragt, ob er wieder in eine ländliche Gegend ziehen möchte, dann wäre die Antwort eindeutig ausgefallen: „Da hätte ich wahrscheinlich gesagt: Nö“, bekennt Will. Doch die Schwerpunkte hätten sich mit der Zeit geändert. Als die Pfarrstelle im Juni frei wurde, fuhr er mit seinem Partner durch Oyten „und wir fühlten uns gleich wohl“. „Und“, merkt er an, „sollte einen doch mal die Sehnsucht nach der kulturellen Vielfalt in der Stadt packen, sind Bremen, Oldenburg und Hamburg direkt vor der Haustür.“

Geboren wurde Benjamin Will 1982 in einem Ort namens Waldberger Hütte im Oberbergischen Kreis (Nordhrhein-Westfalen). Bereits vor dem Abitur verließ er das Elternhaus, denn es zog ihn in die Großstadt Köln. Er begann dort nach der Schule zunächst ein Lehramtsstudium, entschied sich dann aber doch für die Pastorenlaufbahn. Sein Vikariat und das zweite Staatsexamen legte er in der Gemeinde St. Augustin Niederpleis und Mülldorf ab, wo er auch im Mai 2015 seinen Probedienst begann. Von dieser insgesamt dreijährigen beruflichen „Bewährungszeit“ muss er nun noch anderthalb Jahre ableisten. Danach stimmt der Kirchenvorstand offiziell darüber ab, ob er zum Pastor berufen wird.

Ende November zog Benjamin Will von Bonn nach Bassen. Die zur Pfarrstelle gehörende untere Etage des Hauses wirkt bisher kaum eingerichtet. Gerade sei sein Schwiegervater damit beschäftigt, einen Zaun um das Grundstück zu ziehen, damit der 15 Jahre alte Kurzhaardackel Nick seinen Auslauf hat, ohne verloren zu gehen, erzählt er. „Ich entdecke hier vieles, ein bisschen, wie, wenn man als Kind die Welt entdeckt“, fährt er fort. Dazu zählten die „lustigen Ortsnamen“ – wie Nadah oder Egypten – aber auch die Mentalität sei hier eine andere. Das zeige sich etwa im Humor, aber auch in der Art aufeinander zuzugehen. „Die Leute im Norden sind sehr ehrlich und geradlinig, die Verbindlichkeit ist groß. Ein Wort ist ein Wort.“

Die evangelische Kirche genieße hier eine andere Wertschätzung, denn, anders als im vornehmlich katholisch geprägten Rheinland, besitze sie gewissermaßen das Monopol. „Das mag aber auch mit

dem Stadt-Land-Gefüge zu tun haben.“ Will schätzt das große Engagement, das er im Ort und in der Kirche schon mitbekommen hat – und dass dies mit Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen gemeinsam möglich ist.

Auch eine Beerdigung kann „schön“ sein

Dass er als Pastor homosexuell ist, hat er von Anfang an kommuniziert, ohne dabei auf Vorbehalte zu stoßen. „Ich und mein Partner sind vom Kirchenvorstand und den Menschen im Ort sehr gut aufgenommen worden.“ Will wünscht sich generell als Mensch, und nicht nach seiner sexuellen Ausrichtung bemessen zu werden. „Denn Sexualität ist ja immer nur ein kleiner Beitrag der Persönlichkeit eines Menschen.“

Es überwiege der Eindruck, dass die Leute sich freuen, nun nach sechs Monaten Vakanz wieder einen Pastor zu haben. Sobald sein Partner, der derzeit als Bilanzbuchhalter und Controller in Bonn arbeitet, eine Arbeitsstelle im norddeutschen Raum gefunden habe, werde er ebenfalls nach Bassen ziehen.

An seiner Arbeit als Pastor genießt Will, dass er eine unheimliche Bandbreite „von Klein bis Groß“ abdecken kann. „Mich fragte letztens ein Freund, was ich heute gemacht habe und ich sagte: Ich hatte eine Beerdigung. Das war schön.“ Was zunächst einmal schräg klingt, beschreibe den Kern des Berufs ganz gut, findet Will: Diese Aufgabe, Menschen ein Stück weit begleiten und an ihrer Lebensgeschichte Anteil nehmen zu können – sei es bei Taufe, Hochzeit oder Tod – bereitet ihm Freude.

Neben der Seelsorge ist ihm als Schwerpunkt im Gemeindeleben auch die Kinder- und Jugendarbeit wichtig. Und er hofft auch einen Weg zu finden, wie man junge Leute noch mehr für das Thema Kirche interessieren kann. Den Weg über die sozialen Netzwerke schließt er dabei nicht aus.

Eigene Kinder sind für den Pastor und seinen Lebenspartner jedoch kein Thema. „Wir haben Nichten und Neffen und uns aus verschiedenen Gründen gegen eine Familiengründung entschieden.“

Als Ausdruck des Glaubens schreibt er der Kirchenmusik eine wichtige Rolle zu. „Augustinus hat mal gesagt: Wer singt, betet doppelt. Mit Musik kann man Dinge ausdrücken, die man nicht mit Worten beschreiben kann.“ Der Mensch sei eben ein sehnsuchtsvolles Wesen und die Musik erfülle diese Sehnsucht. „Also singt mit in der Kirche, auch, wenn ein Ton mal schief ist“, findet der Pastor, der privat auch ein wenig Orgel spielt.

Gerade in diesen schweren Zeiten könne der Glaube Stärke verleihen. Der Terroranschlag in Berlin macht Pastor Will auch persönlich betroffen – auch weil sein Partner eine Weile in der Bundeshauptstadt gelebt hat. Dennoch dürfe man sich keine Angst machen lassen und den „verdrehten Ansichten nicht das letzte Wort überlassen“. „Die Weihnachtsbotschaft heißt auch, aufeinander zuzugehen und einander zu unterstützen, statt mit blöden Parolen aufeinander loszugehen. In diesen Zeiten ist es umso wichtiger, miteinander im Gespräch zu bleiben“, betont Will.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Flüchtlingen droht Obdachlosigkeit

Flüchtlingen droht Obdachlosigkeit

Flüchtlingen droht Obdachlosigkeit
Serie Hinterm Tresen: Dogan Can vom „Kebap House“ in Verden

Serie Hinterm Tresen: Dogan Can vom „Kebap House“ in Verden

Serie Hinterm Tresen: Dogan Can vom „Kebap House“ in Verden
Glasfaser in Verden: Hausbesitzer reagieren irritiert

Glasfaser in Verden: Hausbesitzer reagieren irritiert

Glasfaser in Verden: Hausbesitzer reagieren irritiert
Wo im Kreis Verden die Hotspots liegen

Wo im Kreis Verden die Hotspots liegen

Wo im Kreis Verden die Hotspots liegen

Kommentare