Jonathan Becker hilft in bedrohten Flüchtlingscamps in Calais und Dünkirchen

Schutzlos und in ständiger Angst

Jonathan Becker und Mitstreiterinnen der Flüchtlingsorganisation in Calais und Dünkirchen beteiligten sich in Solidarität mit den geflüchteten Menschen an einem Protestmarsch für Menschenrechte und gegen Polizeigewalt.
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Jonathan Becker und Mitstreiterinnen der Flüchtlingsorganisation in Calais und Dünkirchen beteiligten sich in Solidarität mit den geflüchteten Menschen an einem Protestmarsch für Menschenrechte und gegen Polizeigewalt.

Oyten – „Nie zuvor habe ich so viel Leid und Ungerechtigkeit gesehen und erlebt“, sagte Jonathan Becker im Frühjahr nach zweieinhalb Monaten als freiwilliger Helfer von humanitären Organisationen in Flüchtlingscamps auf Samos und Lesbos in der griechischen Ägäis. Trotz aller belastenden Erfahrungen: Der Wille und Antrieb, dem Flüchtlingselend nicht tatenlos zusehen zu wollen und zu können, hielt den Oytener  (21) nicht lange zu Hause.

Im Sommer fuhr er in den Norden Frankreichs und arbeitete zweieinhalb Monate als Freiwilliger bei einer britischen Flüchtlingsorganisation in Calais und Dünkirchen. Hier warten Tausende gestrandete Flüchtlinge auf die Möglichkeit einer Überquerung des Ärmelkanals – Großbritannien als letzte Hoffnung nach Odysseen quer durch Europa. Ihr Leben in den illegalen Camps und die Arbeit ihrer Helfer vor Ort sind „überschattet von ständiger Polizeipräsenz, täglichen Razzien und Schikane, Konfiszierungen aller Habseligkeiten und immer neuen menschenverachtenden Gesetzgebungen“, berichtet Jonathan Becker, der nach seiner Heimkehr jetzt ein Biologie-Studium begonnen hat.

Die durch private Sach- und Geldspenden sowie ehrenamtlichen Einsatz getragene Hilfsorganisation, für die er in den Regionen um Calais und Dünkirchen im Einsatz war, unterstützt die Flüchtlinge, die dort in unautorisierten Camps und auf der Straße leben: Täglich, so schildert Becker, fahren die Helfer eine andere Ausgabestelle an, um Kleidung, Zelte, Schlafsäcke und Decken sowie heiße Getränke und Essenspakete an die Menschen zu verteilen. Auch bieten sie Dinge wie Haareschneiden oder Kinderspiele an.

„In Calais ist die Situation im Moment besonders extrem. Etwa 1000 Flüchtlinge leben dort unter furchtbaren Bedingungen. Razzien durch eine Spezialeinheit der französischen Polizei finden nun täglich statt“, berichtet Becker. Die Flüchtlinge lebten in ständiger Angst: „Denn Razzien bedeuten in diesem Fall, dass alle in dem zu räumenden Gebiet in Busse verfrachtet werden, die Orte in ganz Frankreich anfahren. Dort werden die Menschen irgendwo an der Straße ausgesetzt. Zudem wird alles konfisziert und zerstört, was nicht direkt am Körper getragen wird. So verlieren täglich Menschen ihre Lebensgrundlage und werden ohne Schutz vor Wetter und Kälte zurückgelassen. Bei den Razzien setzt die Polizei Schlagstöcke, Gummigeschosse und Tränengas gegen die wehrlosen, friedlichen und teils minderjährigen Flüchtlinge ein.“

Die Versorgung dieser Menschen werde fast allein von Nichtregierungsorganisationen getragen. Die Situation in Dünkirchen sei ganz ähnlich. Allerdings gebe es hier viel mehr Familien. Besonders für die Kinder seien die geschilderten Erfahrungen traumatisierend und „werden sicherlich ihr ganzes Leben prägen“, so Becker. In Dünkirchen, wo sich die meisten Flüchtlinge in einem Naturpark rund um einen See aufhielten, sei das staatliche Vorgehen noch radikaler: „Nach erfolgreicher Räumung eines Bereichs wird dieser vollständig entwaldet und mit Bulldozern eingeebnet. Somit wird den Menschen jeglicher Schutz und Rückzugsort genommen.“

Die oft in mehreren Anläufen per Schlauchboot versuchte Überfahrt nach England, das den Asylsuchenden keine legalen Wege eröffne, sei für die Flüchtlinge lebensgefährlich und ende für viele tödlich – sei aber ihre letzte Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden und Freiheit. „Viele haben bereits versucht, in Ländern auf dem europäischen Festland Asyl zu beantragen, und sind gescheitert. Viele sind gezwungen, Länder wieder zu verlassen, weil Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht auszuhalten sind und Integration kaum stattfindet“, hat der Oytener Helfer erfahren.

Besonders erschütternd findet Becker, dass 60 bis 70 Prozent der Flüchtlinge in Dünkirchen und 30 Prozent der Flüchtlinge in Calais zuvor schon jahrelang in Deutschland gelebt haben: „Sie sind hier geboren, in Kita und Schule gegangen, haben ihren Schulabschluss und eine Ausbildung gemacht und haben als Aushilfslehrer, Pfleger, Friseure und Fensterputzer gearbeitet. Sie haben unsere Sprache gelernt und sprechen sie flüssig.“ Aber sie mussten Deutschland verlassen: „Die meisten berichten von Rassismus, den sie erfahren haben, ob durch Nachbarn oder auch Ämter und Polizei. Viele erhielten nach Jahren der Integration einen Abschiebebescheid und ihnen drohte die Deportation zurück in ihre Herkunftsländer, darunter Afghanistan und der Irak.“ Er habe, so Becker, „viele Menschen kennengelernt, die mehr als fünf Jahre in Deutschland gelebt haben und verständlicherweise wütend sind“.

Auch der junge Oytener hat dafür kein Verständnis: „Das ist unfair und menschenunwürdig. Wie kann es sein, dass Deutschland Menschen integriert und unsere Sprache und Kultur lehrt, nur um sie wieder zu verstoßen? Dass Deutschland Pfleger und Lehrer wegschickt, Menschen und Professionen, die wir so dringend brauchen?“ Dieser Zustand sei nicht hinnehmbar – „ein Beweis für das humane Europa, was es vorgibt zu sein, ist dies ganz sicherlich nicht“. Deshalb appelliert Jonathan Becker an seine Mitmenschen, aktiv zu werden: „Wir haben eine Stimme, von der wir Gebrauch machen können. Wir können sagen, wenn uns etwas nicht gefällt. Wir können uns ehrenamtlich engagieren – in Kollektiven wie der Seebrücke und mit Gleichgesinnten in unserer Gemeinde. Wir haben die Macht, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Wir können ihnen helfen, wenn Ämter sich querstellen. Wir können uns gegen Rassismus stellen.“

Von Petra Holthusen

Helfer der Flüchtlingsorganisation in Nordfrankreich packen mithilfe von Sach- und Geldspenden Essenspakete für die Menschen in den illegalen Camps.

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