Oytener Traditionsgasthaus schließt in vier Wochen

Die letzten Tage des „Alten Krugs“

Der „Alte Krug“
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Nach 350 Jahren ist der „Alte Krug“ ab dem 19. Dezember Geschichte. Was mit dem Gebäude passiert, ist noch offen.

Oyten – Als Matthias Bitter und seine Frau Sabine vor rund 28 Jahren das Gasthaus „Zum Alten Krug“ an der Hauptstraße in Oyten übernahmen, „war der Betrieb nicht überlebensfähig“, erinnert sich der 63-Jährige. „Anstreichen reichte da nicht“ – eine Kernsanierung war fällig: „45 Container Schutt haben wir rausgekarrt.“ Im Oktober legten Bitters los, und als sie am 1. Dezember 1993 das älteste Gasthaus im Ort wieder eröffneten, gingen die Maler gerade zur Hintertür hinaus. In 28 Jahren machte der Küchenmeister mit seinem Team aus dem „Alten Krug“ im Herzen Oytens ein renommiertes Restaurant samt Clubräumen, Kegelbahn und Saalbetrieb. Wenn Bitter am späten Abend des 18. Dezember 2021 hinter dem letzten Gast den Schlüssel umdrehen wird, endet die 350-jährige Geschichte des Hauses – dann schließt der „Alte Krug“ für immer.

Viele Monate hat sich Matthias Bitter vergeblich bemüht, einen Nachfolger für den Gastronomiebetrieb zu finden, der sich über einen Mangel an Gästen nie beklagen konnte. Ungezählte Oytener Familien haben hier ihre Hochzeiten, Konfirmationen und runden Geburtstage gefeiert, sind nach Beerdigungen vom benachbarten Friedhof zum Kaffeetrinken herübergekommen oder haben sich einfach mal so von der guten Küche verwöhnen lassen. Dreh- und Angelpunkt war der „Alte Krug“ auch für die örtlichen Vereine, Verbände und Parteien.

Für Matthias und Sabine Bitter bedeutete der florierende Betrieb täglich „12, 14 oder 16 Stunden Arbeit – sieben Tage die Woche“, sagt der Gastwirt. Schlimm sei das für sie früher an Weihnachten gewesen, als die beiden Kinder noch klein waren und nach Heiligabend bei der Verwandtschaft abgegeben werden mussten, weil der „Alte Krug“ 700 Weihnachtsessen für Gäste zu wuppen hatte.

„Ruhetage hatten wir nie, erst seit Corona“, sagt Bitter. „Zum Gastwirt musst du geboren sein und das mit Herzblut machen“, betont er. Er selbst war dazu geboren – auch sein Vater war schon Gastwirt. Matthias Bitter lernte Koch in Bremen, studierte Betriebswirtschaft im Hotelgewerbe, machte seinen Küchenmeisterbrief – und übernahm von seinem Vater die „Postkutsche“ in Oyten. Als 1993 ein Nachfolger für den „Alten Krug“ gesucht wurde, nahmen Sabine und Matthias Bitter die Herausforderung an, machten sich an ihr ganz eigenes Lebenswerk und richteten in den oberen Räumen des alten Hauses auch die Wohnung für die Familie ein.

Im Laufe der Jahre bauten sie immer wieder um und aus, modernisierten die Küche, bauten Toilettenanlagen und Personalräume, sanierten die Kegelbahn, pflasterten den Parkplatz, richteten einen Biergarten ein, renovierten und attraktivierten den stilvollen Festsaal für große Feiern und Veranstaltungen. „Nichts, was wir nicht umgerissen und angefasst hätten“, so Bitter. Und „das Geld dafür musste ja auch erstmal erarbeitet werden“.

Nach 49 Jahren in der Gastronomie ist jetzt Schluss für ihn. Sein Vater sei mit 63 hinter dem Tresen umgefallen, und „das will ich nicht“. So langsam würden die nächsten Sanierungen fällig, und deshalb stand der Gastwirt vor der Wahl, bis 70 weiterzumachen oder in Rente zu gehen. Er entschied sich für Letzteres. Kurz vor Corona hätten er und seine Frau angefangen zu überlegen, wie es weitergehen soll. Die Pandemie habe den Prozess dann beschleunigt und letztendlich die Schließung um zwei Jahre vorverlegt, so Bitter.

Es gab auch den Gedanken, nach sieben Monaten Lockdown gar nicht mehr aufzumachen: „Aber so stillschweigend wollten wir uns nicht von unseren Gästen verabschieden.“ Viele seien traurig, teils sogar erschüttert, hätten aber „zu 98 Prozent Verständnis“. Auch für die Entscheidung von Bitters Kindern, den elterlichen Betrieb nicht übernehmen zu wollen. Sohn und Tochter sind in anderen Berufen unterwegs, „und sie haben jahrzehntelang erlebt, wie ihre Eltern hier gerarbeitet haben“.

Manche Stammgäste haben sich schon Erinnerungsstücke wie Lampen oder Bilder aus ihrem jahrzehntelangen Lieblingslokal reservieren lassen. Die Weihnachtsdeko hat Bitter im Saal zum Verkauf ausgestellt: „Die brauchen wir ja nicht mehr.“

Bis zum letzten Tag hat er Weihnachtsfeiern und Geburtstagsgesellschaften angenommen. Seine zwölf Angestellten, längst umworben von der Konkurrenz, arbeiten bis zum Schluss für ihn. „Sie haben gesagt: Wir bleiben, bis du den Schlüssel umgedreht hast“, erzählt Bitter spürbar stolz und gerührt.

„Bis zum 18. Dezember weiß ich, was passiert. Wie es danach weitergeht, weiß ich nicht“, sagt er. Er habe weder einen Betriebsnachfolger noch einen Käufer für die Immobilie gefunden – und auch keine eigenen Baupläne für das Grundstück in der Schublade, wie die Gerüchteküche mal vermeldete. Bitter ist weiter in Gesprächen mit Investoren und hofft, bis zur Schließung eine Lösung gefunden zu haben. „Es ist schwer für uns“, aber im neuen Jahr werden Bitters mit dem Ausräumen des großen Hauses beginnen und auch selbst ausziehen: Das Ehepaar hat für sich eine Wohnung in Achim gefunden.

„Unser Leben hier war immer spannend“, sagt Matthias Bitter mit einem Lächeln, „und das bleibt es auch bis zum Schluss.“

Von Petra Holthusen

Gastro-Flohmarkt am 19. und 20. Dezember

Am Samstag, 18. Dezember, hat der „Alte Krug“ in Oyten zum letzten Mal geöffnet. An den beiden darauffolgenden Tagen 19. und 20. Dezember veranstaltet Gastwirt Matthias Bitter einen Gastro-Flohmarkt. Wer sich für Geschirr, Tischdecken, Lampen, Kleinmöbel oder Deko-Artikel aus der Einrichtung des traditionsreichen Gasthauses interessiert, ist an den beiden genannten Tagen ab 12 Uhr zur Schnäppchenjagd im „Alten Krug“ willkommen.

Matthias Bitter hat mit seiner Frau Sabine 28 Jahre lang den „Alten Krug“ bewirtschaftet. Am späten Abend des 18. Dezember gehen die Lichter für immer aus – einen Nachfolger für das renommierte Gasthaus im Oytener Ortskern hat Bitter nicht finden können.

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