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Ein Tornado namens Covid

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Von: Petra Holthusen

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Doris und Hermann Wahlers
Zurück im Leben: Neun Monate nach ihrer Coronainfektion haben Doris und Hermann Wahlers fast ihren früheren Alltag wieder. „Ich bin dankbar, dass ich weiterleben darf“, sagt Doris Wahlers nach lebensbedrohlichem Krankheitsverlauf. Sie kann nicht verstehen, dass es immer noch Menschen gibt, „die Covid als Gripppe abtun“. © Holthusen

Oyten – Dieses Bild, „wie der Hubschrauber mit meiner Doris wegfliegt“, wird Hermann Wahlers (66) nie mehr los. Er war sicher, dass sie sterben würde. Nach zweieinhalb Wochen auf der Corona-Intensivstation in Verden hatte ihre Lunge versagt. „Auf einmal gingen alle Lichter aus“, weiß Doris Wahlers (65) noch. Danach nichts mehr. Künstliches Koma, Luftröhrenschnitt, Rettungshubschraubertransport nach Bad Bevensen: In einer Spezialklinik übernimmt eine Maschine für sie das Atmen, zwei Wochen lang liegt sie im Koma. Die Ärzte geben ihr eine Überlebenschance von zehn Prozent. Doris Wahlers kämpft sich zurück: „Ein Wunder, das ich dankbar annehme. Ich lebe.“ Neun Monate nach ihrer Coronainfektion mit schwerstem Krankheitsverlauf hat sie heute einen „fast normalen Alltag“.

„Dass es immer noch Menschen gibt, die Covid-19 als Erkältung abtun und keine Angst vor dem Virus haben“, kann Doris Wahlers überhaupt nicht verstehen: „Alle sollten einen Heidenrespekt vor Corona haben.“ Mit ihrer eigenen Geschichte will die Sagehornerin auf die Folgen der Erkrankung aufmerksam machen und dazu aufrufen, sich zu schützen: „Lasst euch impfen! Das verhindert so einen schweren Verlauf.“

Ihr eigener erster Impftermin wäre am 5. Mai 2021 gewesen. Doch an diesem Tag erhält sie das Ergebnis eines PCR-Tests: positiv, Delta-Variante. Angesteckt hat sie sich bei ihrem Mann, der sich das Virus Ende April bei einem Klinikaufenthalt von seinem Bettnachbarn eingefangen hat. Hermann Wahlers geht es immer schlechter, er wird ins Krankenhaus eingeliefert. Wenige Tage später bringt der Rettungsdienst auch seine Frau in die Klinik: „Am Anfang war es wie ein grippaler Infekt – aber plötzlich ging nichts mehr“, schildert Doris Wahlers, „man atmet, aber man kriegt keinen Sauerstoff in die Lunge. Du denkst, du erstickst.“

Ihr Zustand ist bedrohlich. Nach zweieinhalb Wochen auf der Corona-Intensivstation scheint es aufwärts zu gehen. Bis plötzlich die befallene Lunge versagt. Weil sie erst 64 und in Bad Bevensen gerade eine Lungenmaschine frei ist, bekommt sie dort einen ECMO-Platz. Das ECMO-Verfahren funktioniert wie eine externe Lunge: Das venöse Blut wird außerhalb des Körpers in einer Maschine mit Sauerstoff angereichert und dann ins arterielle Blutgefäßsystem zurückgeleitet. Zehn Tage lang beatmet die Maschine künstlich den Körper von Doris Wahlers, später wird das ein Sauerstoffgerät übernehmen. Während sie im Koma liegt, sieht sie dreimal „das weiße Licht“, eine Nahtoderfahrung. „Aber die weiße Lichtsäule kam nicht näher“, und eine Stimme sagt Doris Wahlers, dass für sie dort noch kein Platz sei.

Als sie aus dem Koma geholt wird, hat sie das Gefühl, durch ihren Körper sei „ein Tornado“ gegangen: „Ich konnte keinen einzigen Muskel mehr bewegen.“ Liegen und Gedrehtwerden, Unmengen von Medikamenten und zig Schläuche im Körper haben Wunden und Narben hinterlassen bis heute. Als bis dahin erste Coronapatientin, die mit ECMO überlebt hat, wird sie aus der Klinik verabschiedet. „Kämpfen kann ich“, sagt die frühere Leistungssportlerin zum Chefarzt. „Und deshalb leben Sie noch“, habe er erwidert.

In einer Spezialklinik in Celle wird sie von der Atmungsunterstützung entwöhnt und allmählich mobilisiert. „Ich war hilflos wie ein Baby. Musste alles neu lernen, angefangen beim Zähneputzen“, erinnert sich Doris Wahlers. In der anschließenden Reha in Jesteburg schafft sie es mit harter Arbeit, aus dem Rollstuhl zu kommen und am Rollator zu gehen: „Ich hatte mir geschworen, dass ich da auf meinen eigenen Füßen rausgehen will.“ Stück für Stück arbeitet sie sich zurück ins Leben. Als ihr Mann sie am 9. September abholt und es für sie nach vier Monaten Tortur endlich nach Hause geht, „habe ich das erste Mal geweint“.

Hermann Wahlers leidet zu dem Zeitpunkt noch unter Long-Covid-Symptomen. „Er war nach Corona fünf Monate lang ein Pflegefall“, sagt seine Frau. „Das alles war die schrecklichste Zeit unseres Lebens“, die sie mit Unterstützung von ihren drei Söhnen gemeistert haben: „Die Familie ist in diesen Monaten sehr zusammengerückt.“

„Heute ist fast alles wieder normal“, sagt Doris Wahlers. Auch wenn ihr Körper gezeichnet ist und die Lungenfunktion noch nicht bei 100 Prozent: „Ich kann wieder Auto fahren, wir spielen Doppelkopf mit Freunden und waren gerade fünf Tage an der Nordsee.“ Für jede einzelne dieser scheinbaren Alltäglichkeiten empfindet sie eine neue Dankbarkeit: „Man wird ganz dünnhäutig und demütig.“ Auch die Haare, die sie verloren hat, wachsen wieder, und im Frühjahr will die 65-Jährige mal vorsichtig aufs Fahrrad steigen. Inzwischen warten Doris und Hermann Wahlers auf ihre Booster-Impfung: „Dann müssen wir endgültig keine Angst mehr vor Corona haben.“ Und vor dem Tornado namens Covid, denn „den überlebt man nur einmal“.

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