Mittel gegen den Arbeitskräftemangel? Oytener Firma beschäftigt Flüchtlinge

Es fehlt an Leuten mit Schwielen an den Händen

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Der Oytener Unternehmer Jörg Hustedt (l.) im Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten Andreas Mattfeldt.

Oyten - Von Lisa Duncan. Es könnte eine Win-Win-Situation sein: Die Wirtschaft braucht Arbeitskräfte und die Gesellschaft täte gut daran, den Flüchtlingen, die dauerhaft in Deutschland bleiben, die Integration auch zu ermöglichen. Jörg Hustedt tut das, indem er Arbeitsplätze anbietet. In seinem Oytener Malerei- und Raumausstatterbetrieb beschäftigt er derzeit fünf Flüchtlinge. „Das ist viel wichtiger als Willkommens-Feste“, findet der Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt (CDU), der sich gestern vor Ort einen Eindruck von der Zusammenarbeit mit den Asylsuchenden verschaffte.

Denn bisher sprächen die Zahlen nicht für eine Erfolgsgeschichte, so Mattfeldt. Laut Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) seien nach drei Jahren lediglich zwölf Prozent der Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt vermittelt worden, davon lediglich die Hälfte in den ersten Arbeitsmarkt. „Die große Frage ist: Wie können wir mehr Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren? Ein Problem ist, dass viele Unternehmer Angst vor bürokratischen Hürden haben“, weiß Andreas Mattfeldt.

Die Vorschriften für die Beschäftigung Asylsuchender seien indes schon seit Januar 2015 bundesweit gelockert worden. Zum Beispiel benötigen Arbeitgeber keine Vorrangprüfung mehr, wenn sie einen Flüchtling einstellen möchten, sofern dieser mindestens 15 Monaten in Deutschland lebt. Diesen Nachweis benötigt die Bundesagentur für Arbeit, um sicherzustellen, dass durch die Einstellung eines Flüchtlings keinem EU-Bürger Arbeit weggenommen wird. Etwa zwei bis drei Wochen dauert die Bearbeitung.

Firmengründer Harald Hustedt ließ sich nicht einschüchtern und fuhr auf eigene Faust zur nächstgelegenen Flüchtlingsunterkunft, um Arbeitskräfte anzuwerben. Von sieben, die sich anfangs vorgestellt hatten, seien fünf Mitarbeiter geblieben, erzählt Geschäftsführer Jörg Hustedt. Darunter ein Eritreer, der schon fest angestellt worden sei. „Als Helfer im normalen Malerbetrieb. Eine Lehre ist derzeit wegen der Sprachprobleme aber noch nicht möglich.“ Die anderen Beschäftigten kommen aus Eritrea, Afghanistan und dem Iran. Letzterer startet in zwei Wochen sein Praktikum.

Immerhin: Wer nach dem vierwöchigen Probearbeiten weiterbeschäftigt wird, hat Anspruch auf Mindestlohn. Indes verlor der Raumausstatter nach dessen Praktikumszeit gleich einen der aussichtsreichsten Kandidaten. Einen Teppichknüpfer aus Afghanistan wollte Hustedt für den Einbau von Spanndecken einsetzen. „Der hatte geschickte Hände. Aber das war nicht so seins“, berichtet er.

Es wird deutlich: Jörg Hustedt geht es nicht in erster Linie um Menschenfreundlichkeit, sondern darum, Arbeitskräfte für den Betrieb zu gewinnen. „Wir haben Arbeit ohne Ende“, sagt er. Doch auf dem Markt fehle es an Handwerkern. „Leute mit Schwielen an den Händen haben wir nicht mehr im Regal, nur solche mit lackierten Fingernägeln“, bringt er das Dilemma auf den Punkt. Gerade als Helfer für die Bereiche Brandsanierung oder Malerei fände sich kein Deutscher, der diese Arbeiten machen möchte. Der 107 Mann zählende Betrieb könne locker noch zehn Leute einstellen – am besten natürlich gut qualifiziert.

Andreas Mattfeldt kennt noch andere Unternehmen in Oyten, die Flüchtlinge beschäftigen. Er lobt die Strategie, die Hustedt und andere verfolgen und appelliert an weitere Firmen: „Fahrt mal eben hin zu den Flüchtlingsunterkünften!“

Übrigens: Franz Riedel von der Organisation „Arbeit im Landkreis Verden“ (ALV) ist Ansprechpartner für Unternehmen im Kreis, die Flüchtlinge einstellen möchten (E-Mail: f-riedel-alv@landkreis-verden.de). Auch Jobsuchende können sich an Riedel oder direkt an die Harald Hustedt GmbH unter info@hustedt-gmbh.de wenden.

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