Schluss mit der „Oytener Gekochten“

Biesewig's Fleischerei & Partyservice schließt

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Fleischermeister Erich Biesewig (73) schließt Samstag sein Fachgeschäft an der Hauptstraße in Oyten, das sein Großvater Hinrich 1905 in diesem Haus eröffnet hatte.

Oyten - Von Petra Holthusen. Sein junges Unternehmen „gütigst unterstützen zu wollen“, bat Schlachter Hinrich Biesewig per Inserat die „geehrte Einwohnerschaft von Oyten und Umgegend“, als er 1905 sein Geschäft an der Hauptstraße eröffnete. Das hat geklappt – 113 Jahre lang.

Jetzt ist die Geschichte eines der ältesten Oytener Familienunternehmen zu Ende – heute steht Gründer-Enkel Erich Biesewig das letzte Mal im Fleischerkittel im Laden und will sich von seinen Kunden mit Handschlag und einem Glas Sekt persönlich verabschieden. Danach schließt das Geschäft. Das Gebäude, in dessen Mitte Hinrich Biesewig Anfang des vorigen Jahrhunderts zwischen Viehställen und Wohnräumen sein 5 x 5 Meter kleines, vom königlichen Gewerbeinspektor geprüftes Schlachthaus samt Blutgrube baute, wird abgerissen. Auf dem Grundstück entsteht eine moderne Stadtvilla mit exklusiven Wohnungen.

1905 war Hinrich Biesewig gleichzeitig Landwirt, Viehhändler und Schlachter – „und“, so erzählt Erich Biesewig, „Oma hat in dem Haus dreizehn Kinder großgezogen.“ Eines davon war sein Vater Diedrich, der Schlachter lernte und den Betrieb weiterführte. Sohn Erich setzte die Familientradition fort: 1968 war er der jüngste Meister seines Fachs in der ganzen Republik, 1978 übernahm er den Betrieb vom Vater. Noch bis vor rund 30 Jahren wurde selbst geschlachtet: 30 Schweine und zwei Stück Großvieh jede Woche. Danach ließ Biesewig schlachten und konzentrierte sich auf die Verarbeitung des Fleisches für sein Fachgeschäft. „Ich bin Wurstmacher aus Leidenschaft“, sagt Erich Biesewig, der im Februar 74  Jahre alt wird. Das Gefühl, mal in Rente gehen zu müssen oder zu wollen, hat er eigentlich immer noch nicht: „Ich muss immer was machen – ich bin so ein Unruhemensch.“ Dass jemand die Jahre bis zum beruflichen Ruhestand zählt oder sich ab Mitte 60 Richtung Lebensende langweilt, kann ein unternehmerischer Geist wie Erich Biesewig nicht verstehen.

Zum letzten Mal steht Erich Biesewig Samstag im Fleischerkittel im Geschäft, um sich persönlich von den Kunden zu verabschieden.

Dieser Geist war in den vergangenen 40 Jahren seiner verantwortlichen Unternehmerschaft stark gefordert. „Der gesellschaftliche Strukturwandel mit dem veränderten Kauf- und Konsumverhalten geht an einer Fleischerei nicht spurlos vorbei“, sagt Biesewig. Zu besten Zeiten hatte er 25 Angestellte, darunter sechs Lehrlinge. Und Anfang der 80er Jahre „standen die Leute freitags und samstags Schlange bis auf die Straße, um in den kleinen Laden zu kommen“. Bis der erste Supermarkt in Oyten aufmachte: „Da haben wir auf einen Schlag zwanzig Prozent an Kundschaft verloren.“ Die Leute, so Biesewig, „wollen's bequem haben“. Also nicht von Fachgeschäft zu Fachgeschäft laufen, sondern alles unter einem Dach einkaufen. Und eine Fleischtheke hat heute jeder Supermarkt. Dazu komme die „Geiz-ist-geil-Mentalität: Alles soll nur noch billig sein“.

Hinrich Biesewig gründete die Oytener Schlachterei 1905.

Außerdem, so Biesewig, „gibt es nicht mehr die klassische Hausfrau, die jeden Tag kocht und für sonntags ihren Braten braucht“. Der Wandel der Zeit („Wenn eine Oma stirbt, verkaufst du ein Kilo Kochfleisch weniger die Woche“) führte zur Erweiterung der Produktpalette. Neben der „Oytener Gekochten“ gab's dann 20 Sorten hausgemachte Salate. Und eine Käsetheke. Die wurmt den Wurstmacher immer noch ein bisschen. 

Hinrich Biesewigs Bitte um gütigste Unterstützung in der Anzeige seiner Geschäftseröffnung 1905 fruchtete – 113 Jahre lang.

Der warme Mittagstisch hielt Einzug im Laden und der Fleischermeister wurde zum Koch. Schließlich baute Biesewig den existenzsichernden Geschäftszweig Catering und Partyservice aus – aber dass er als Fleischer dafür „mal mehr Gemüse als Fleisch einkaufen würde“, hätte er sich nicht träumen lassen. Bei anderen Dingen macht der Allrounder mit Fitnessuhr am Handgelenk („Ich mache am Tag 12  000 Schritte!“) keine Zugeständnisse: „Wer auf Plastiklöffel besteht, kriegt von mir keine Suppe für seine Party.“ Richtiges Besteck ist Prinzip. Ebenso wie Biesewigs Motto: „Ich verkauf' nur, was ich auch selbst essen mag.“ Ein Lieblingsgericht hat der Fleischermeister übrigens nicht. Zu Hause kocht er „am liebsten aus dem Kühlschrank raus“ und experimentiert mit dem, was gerade so da ist.

Eine akribische Zeichnung reichte Anfang des vorigen Jahrhunderts als Bauantrag für das kleine Schlachthaus zwischen den Ställen und Wohnräumen der Familie Biesewig an der Hauptstraße.

Jetzt ist Schluss mit Biesewig's Fleischerei & Partyservice. „Hobbymäßig“ unterstützt Erich Biesewig hier und da die Kollegen im Umland, denen er seine langjährigen Großkunden vermittelt hat – wie den DGB mit dem „Mahl der Arbeit“ im Bremer Rathaus, wo zum Oytener Labskaus für 250 Gäste mal eben vor Ort 600 Eier zu braten sind –, aber sein Unternehmen gibt der fast 74-Jährige auf. Einen Nachfolger konnte er nicht finden: „Ein Verkauf zu wirtschaftlichen Konditionen war nicht zu realisieren.“ Also gründet Biesewig mit einem Oytener Geschäftspartner eine GbR, reißt das Haus ab und baut neu: eine exklusive Stadtvilla mit zehn Eigentumswohnungen samt Tiefgarage, barrierefrei, mit Smart-Home-Technik und KfW-40-Niedrigenergiestandard. Eben „gehobene Klasse“ für das Wohnen im Alter mitten im Ortskern. Im Erdgeschoss sind zwei Gewerbeeinheiten geplant. 2019 soll das Projekt nach Biesewigs Worten realisiert werden. Und danach? Hat der „Unruhemensch“ Biesewig vielleicht doch mal Zeit und Lust zum Abschalten – beim Urlaub mit den Enkeln oder beim Angeln mit seinem Boot auf der Weser.

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