Plädoyer gegen pauschale Rassen-Diskriminierung

Sina Fehr: „Ist das ein Kampfhund...? Nein, das ist Junior“

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Vor drei Jahren holte Sina Fehr ihren Hund Junior aus dem Bremer Tierheim.

Oyten - Von Petra Holthusen. Junior liebt Schmusen, sein Frauchen und Hundesport – viel Bewegung zusammen mit Kopfarbeit. Im Mantrailing, dem Aufspüren von Personen mit Hilfe seiner guten Nase, ist Junior richtig gut. Sowieso hat Junior eigentlich nur ein Problem: Er gilt als „Soka“, als sogenannter Kampfhund.

Nicht weil er als aggressiv aufgefallen wäre, sondern weil er laut DNA-Test zu 40  % ein American Staffordshire Terrier ist. Deshalb gilt er in Oyten als „gefährlicher Hund“, für den seine Besitzerin Sina Fehr 500 Euro statt 40 Euro Hundesteuer zahlt. Das ärgert sie. Nicht nur wegen des Geldes, sondern vor allem wegen der Ungerechtigkeit. Die 38-Jährige engagiert sich seit vielen Jahren im Tierschutz und insbesondere gegen die Diskriminierung von Rassen. „Es kommt auf den Hund an, nicht auf die Rasse“, sagt die erfahrene Hundehalterin. Und ganz besonders, so ergänzt ihr Mann Mathias Fehr, kommt es auf den Zweibeiner am anderen Ende der Leine an.

Als Sina Fehr den fast fünfjährigen Junior vor drei Jahren aus dem Bremer Tierheim holte, hatte er einen elenden Lebensstart hinter sich – „von einem Junkie auf dem Balkon gehalten und misshandelt“, bis ihn der Tierschutz befreite. In Bremen allerdings gelten American Staffordshire Terrier und drei weitere Rassen samt ihrer Kreuzungen als „gefährliche Hunde“, weil sie „automatisch aufgrund ihrer Zucht eine über das natürliche Maß hinausgehende Kampfbereitschaft, Angriffslust oder Schärfe aufweisen“, wie es heißt. Ihre Haltung ist verboten, solange es sich nicht um vom Tierschutz in Obhut genommene und weitervermittelte Hunde handelt. Die „Listenhunde“ müssen in Bremen einen Maulkorb tragen. Das gilt auch für Junior, wenn Sina Fehr, die als Filialleiterin im Weserpark arbeitet, ihren Hund dorthin mitnimmt.

Achtung, Junior, gleich geht's los... Mantrailing gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Hundes von Sina Fehr, der in Oyten allein wegen seiner Rasse als „gefährlicher Hund“ hoch besteuert wird.

Seit Sina und Mathias Fehr ein Haus im Bremer Umland suchten und mit ihren beiden Hunden und ein paar Hühnern in Oyten-Bassen heimisch wurden, ist Junior ein Niedersachse – und damit als „Soka“ besser dran. Niedersachsen gehört zu den zwei Bundesländern ohne pauschale Rasselisten und nimmt als Vorreiter in dieser Sache seit 2011 mit dem novellierten „Gesetz über das Halten von Hunden“ vor allem den Hundehalter in die Verantwortung.

Ohne „Hundeführerschein“ geht es nicht

So muss jeder Hundehalter in Niedersachsen einen Sachkundenachweis erbringen, umgangssprachlich „Hundeführerschein“ genannt. Grundsätzlich gilt kein Hund als gefährlich – solange der Behörde kein Hinweis vorliegt, dass er eine gesteigerte Aggressivität aufweist, beispielsweise indem er Menschen oder Tiere gebissen hat. Dann wird ein Wesenstest angeordnet. Und das ist ganz im Sinne von Sina Fehr: „Wenn was ist, muss man das genau angucken und prüfen“, sagt sie, die in Bremen voriges Jahr den „Soka-Run“ organisierte, eine Demonstration gegen die pauschale Diskriminierung sogenannter Kampfhunde und für „Halterkunde statt Rassenliste“. Denn: „Es kommt immer darauf an, wer am anderen Ende der Leine ist. Wenn man will, kann man jeden Hund wild machen.“

Diese Erkenntnis spiegelt auch die Niedersächsische Gesetzgebung: Danach hat „das Verhalten des Hundehalters maßgeblichen Einfluss auf Art, Häufigkeit und Schwere eines Zwischenfalls mit Hunden“. Die Erziehung und Ausbildung eines Hundes, die Sachkunde und Eignung des Halters seien für die Auslösung von aggressivem Verhalten von wesentlicher Bedeutung – nicht die Zugehörigkeit des Hundes zu einer bestimmten Rasse.

Konsequente Erziehung durch erfahrene Halter

Das sieht Sina Fehr genauso. American Staffordshire Terriern werden die Eigenschaften Mut, Ausdauer, Intelligenz, Treue, Sensibilität und Wachsamkeit zugeschrieben, aber auch Dominanz. Was einer konsequenten Hundeerziehung durch erfahrene Hundebesitzer bedarf. Das wiederum ist Sina Fehrs Leidenschaft. Warum die Tierschutz-Aktive gerne Hunde mit schwieriger Geschichte übernimmt? „Weil ich es kann“, antwortet sie prompt, „weil ich sie liebe und weil ich es unfair finde, was ihnen angetan wurde und wird.“ Abgesehen davon ist sie der Überzeugung, dass der Hund sich seinen Halter sucht – so wie sich Junior im Tierheim hartnäckig um ihre Zuneigung bemüht habe.

„Sehr neugierig, sehr gelehrig, sehr dankbar“

Sina Fehr ist mit Schäferhunden groß geworden, hatte später Dobermänner und Terrier. Und jetzt Junior. „Ist das ein Kampfhund?“, werde sie von Außenstehenden oft gefragt. „Nein, das ist Junior, sage ich dann immer.“ Und Junior ist „sehr neugierig, sehr gelehrig, sehr dankbar. Und er liebt Menschen“. Ganz besonders mag Junior Hundesport. Mantrailing und Agility sind Disziplinen, in denen Sina Fehr ihn ausgiebig fordert und fördert, damit er sich mental und körperlich auspowern kann. Gerade das Mantrailing, das Sina und Mathias Fehr mit ihren beiden Hunden hobbymäßig in der Gruppe einer Hundeschule trainieren, ist anstrengende Arbeit, die der Klugheit und dem Bewegungsdrang der Tiere entspricht: „Das lastet die Hunde auch kopfmäßig aus“, sagt Sina Fehr, „das wollen und das brauchen sie – und Junior liebt das.“

Hintergrund: Oyten besteuert nach Rasseliste

Obwohl im Landesgesetz lange abgeschafft, gibt es dennoch in Niedersachsen Gemeinden mit einer Rasseliste, nach der sie „gefährliche Hunde“ besteuern. Zum Beispiel Oyten. Für ihren anderen Hund zahlt Sina Fehr den normalen Satz von 40 Euro im Jahr – für Junior 500 Euro, weil laut Hundesteuersatzung der Gemeinde Oyten American Staffordshire Terrier als „gefährliche Hunde“ deklariert sind. 

Nach Rasselisten verfahren auch Achim, Thedinghausen und Langwedel. Andere Kommunen dagegen wie Ottersberg, Dörverden, Kirchlinteln und Verden besteuern zwar auch „gefährliche Hunde“ mit bis zu 600 Euro, aber laut Satzung nicht aufgrund einer bestimmten Rassezugehörigkeit, sondern aufgrund behördlich festgestellter Gefährlichkeit – wenn ein Hund als bissig, über das Maß angriffslustig und kampfbereit oder als scharf abgerichtet auffällig geworden ist. Und das kann auch ein Dackel oder Schäferhund sein. 

Sina Fehrs Junior dagegen würde in diesen Gemeinden wohl kaum mit dem Gefahrensatz besteuert werden. Eine mögliche Neufassung der Definition „gefährlicher Hund“ befindet sich deshalb in der Gemeinde Oyten gerade in der rechtlichen Klärung, wie Bürgermeister Manfred Cordes auf Nachfrage bestätigte. Ihres Wissens ist Sina Fehr in Oyten die einzige, die zur „Kampfhundsteuer“ herangezogen wird, und das allein aufgrund der Rasseliste. 

Darauf hat sie Politik und Verwaltung mehrfach aufmerksam gemacht und die Gleichbehandlung aller Hunderrassen auch in Oyten eingefordert. Nun überprüft die Gemeinde ihre rechtliche Auffassung von einem „gefährlichen Hund“. Bis das geklärt ist, hat die Oytener Politik ihre zu Jahresbeginn gestartete Debatte über eine allgemeine Erhöhung der Hundesteuer vertagt.

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