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„Ich gehe mit einem guten Gefühl“

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Von: Petra Holthusen

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Pastor Hans-Jürgen Strübing
Pastor Hans-Jürgen Strübing nimmt Abschied von der St.-Petri-Gemeinde und seinem Berufsleben. © Holthusen

Oyten – Oyten? Kannte Hans-Jürgen Strübing bis vor neun Jahren nur von Schildern auf der A1 als Autobahnausfahrt. Bis er im Januar 2013 das erste Mal die Abfahrt nahm, um die evangelische St.-Petri-Gemeinde im Ort kennenzulernen. Die suchte einen neuen Pastor, und er suchte eine neue Pfarrstelle – es passte. Strübing war spontan beeindruckt: „Es war viel los hier. Ich hab’ eine ziemlich große Vielfalt gesehen. Und das hat sich auch später so bestätigt.“

Mit seiner Frau Birgit bezog er das Pfarrhaus am Friedhof, und im Mai 2013 wurde er als neuer Pastor für die zweite Pfarrstelle in St. Petri eingeführt. In der Oytener Kirche feiert Strübing am 6. März nun auch Abschied – von seiner Gemeinde und vom Berufsleben überhaupt: Der Pastor geht mit fast 66 Jahren in den Ruhestand. Er zieht Mitte März mit seiner Frau nach Hermannsburg – zurück zu den Wurzeln: Hier studierte Strübing Theologie, um danach im Dienste der Hermannsburger Mission 17 Jahre in Südafrika zu arbeiten.

Nachdem seine Familie, inzwischen fünfköpfig, nach Deutschland zurückgekehrt war, wurde Strübing Gemeindepastor in Schneverdingen: „Da habe ich zum ersten Mal eine Predigt auf Deutsch gehalten.“ Zehn Jahre später, als das letzte der drei Kinder flügge geworden war, hielt der gebürtige Hamburger zusammen mit seiner Frau Ausschau nach neuen Aufgaben. So landeten sie in Oyten.

Wie schwer ihm nach fast neun Jahren der Abschied fällt, darüber nachzudenken hatte Strübing bisher „noch keine Zeit“. Er weiß aber, was es ihm auf jeden Fall leichter macht: Da ist das Elternhaus seiner Frau in Hermannsburg, das beide in den vergangenen Jahren vorbereitend für ihren neuen Lebensabschnitt für sich renoviert haben, und es gibt Freunde und Bekannte in Hermannsburg: „Wir fangen dort nicht bei Null an.“ Vor allem aber ist da Pastor Michael Weiland (40) aus der Wesergemeinde Hassel, der Strübing voraussichtlich zum 1. Mai fast nahtlos im Amt als Oytener Seelsorger folgen wird. „Es gibt so gut wie keine Vakanz, das ist extrem selten“, sagt Strübing erleichtert, „ich kann mit einem guten Gefühl gehen.“

Durch die relativ häufigen Pastorenwechsel in der St.-Petri-Gemeinde hat Strübing selbst erlebt, welche Belastungen lange Vakanzzeiten für die Gemeinde und den verbliebenen von zwei Pfarrstelleninhabern mit sich bringen: „Irgendwann geht einem die Puste aus.“

In seinen beiden letzten Dienstjahren hat zudem Corona „einiges lahmgelegt“. Der Pastor erlebt den Grundton dieser Zeit „wie auf Moll geschaltet“. Es fehle „die Atmosphäre, der Widerhall“; das, was Gemeinde und Gemeinschaft in physischer Präsenz ausmache. Mit anderen Menschen vor dem Bildschirm via Zoom zu beten, zu singen oder Trauergespräche zu führen, sei möglich, „aber der Abstand macht es schwierig“, sagt Strübing.

Er hofft, „dass jetzt ein neues Normal kommt“; eine Zeit, in der beileibe nicht alles Alte wieder aufleben müsse, aber gutes Neues aus Corona mitgenommen werden sollte – „etwa der Teamgeist, das Zusammenstehen“. Dazu fallen dem Pastor die Konfirmationen 2020 ein, als er zusammen mit Küsterin und Kirchenmusikern aus zwei großen Festgottesdiensten acht coronakonforme kleine für die Familien machte. „Alle waren bereit, als Team für andere etwas zu machen; mehr zu machen, als sie gemusst hätten. Das fand ich genial“, schildert Strübing sein „schönstes Corona-Erlebnis“.

„Traurig“ findet er bis heute die Beerdigungsfeiern, weil wegen der Personenbeschränkungen „nicht alle Abschied nehmen können, die das wollen“. Auch als Pastor erlebt Strübing gerade Trauerfeiern und Beerdigungen als „besonders intensive Begegnung mit Menschen“.

Der Theologe ist der Überzeugung, „dass wir nach neuen Formen von Gottesdiensten suchen müssen – nach anderen Modellen, die den Leuten mehr sagen“. Gefallen habe ihm deshalb schon bei seinem Amtsantritt der von Ehrenamtlichen gestaltete 2nach6-Gottesdienst in St. Petri, der jeden Monat an einem Sonntagabend mit Theater, Musik und Dialogen zu gesellschaftlichen Fragen weltlich-modern daherkommt. In der Pandemie seien die Andachten „Musik und Wort“ dazugekommen: „Hinkommen, sich fallen lassen, einfach loslassen – die Menschen finden das toll, das wird angenommen.“

Den einen Gottesdienst für alle gebe es aber nicht, räumt Strübing ein. Für Zuspruch und Gemeinschaft brauche die Gemeinde verschiedene Formen. „Wichtig ist der Glaube; das, was wir leben“, sagt der Pastor, „die Liturgie ist nur das Transportmittel und zweitrangig.“ Für Lebendigkeit und Emotion brauche es auch neue Räume außerhalb der Kirche, so wie sie etwa das Gemeindezentrum in Bassen biete. Das sei perfekt für die Worship-Gottesdienste mit modernen Lobpreisgesängen. Die wird Strübing vermissen, ebenso wie seinen theologischen Gesprächskreis in St. Petri: „Die Beziehungen, die wir hier geknüpft haben, werden wir auch von Hermannsburg aus weiter pflegen.“

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