Wie Familie Jäger aus Oyten die Schrecken des Ersten Weltkriegs daheim treffen

Lüer sollte Betrieb führen: Er fällt schon 1914 in Flandern

Lüer und Hinrich Jäger (rechts) mit der Sterbeurkunde ihres Onkel Hinrich Jäger. Der Verfasser der Urkunde hat allerdings irrtümlich aus einem Hinrich einen Heinrich gemacht.
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Lüer und Hinrich Jäger (rechts) mit der Sterbeurkunde ihres Onkel Hinrich Jäger. Der Verfasser der Urkunde hat allerdings irrtümlich aus einem Hinrich einen Heinrich gemacht.

Oyten - Der vor 100 Jahren ausgebrochene Erste Weltkrieg überzog Familien überall in den beteiligten Ländern mit viel Leid. Auch in Oyten wirkte er sich aus. Dort spielt die traurige Geschichte der Familie Jäger, deren Schicksal eng mit den Schrecken dieses Krieges verbunden war. Fünf Onkel von Lüer und Hinrich Jäger erlebten das Grauen in den Schützengräben zumeist an der Westfront.

„Onkel Hinrich und Onkel Lüer fielen im Feld. Johann und Albert kehrten schwer erkrankt, verwundet und traumatisiert zurück. Nur Onkel Diedrich überlebte den Krieg ohne sichtbare Blessuren“, berichten Hinrich und Lüer Jäger.

Anfang des 20. Jahrhunderts betrieb im Embser Vie Albert Jäger mit seinen Söhnen einen Tischlerei- und Zimmereibetrieb. Insgesamt hatte das Ehepaar Jäger acht Kinder – sechs Jungen und zwei Mädchen. Fünf seiner Söhne – der jüngste Spross Karl war noch zu klein – arbeiteten im väterlichen Betrieb mit.

„Es war klar, dass Lüer den Betrieb übernehmen sollte“, berichten Hinrich und Lüer Jäger, die Söhne von Karl. Eine Aufnahme mit Hinrich, Johann, Lüer, Albert senior und einem Gesellen aus dem Jahr 1908 vor der Tischlerei ist bis heute erhalten.

Damals ahnte noch keiner, dass sechs Jahre später der Tod in ganz Europa reiche Ernte halten würde.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden alle mit Ausnahme von Albert Jäger senior eingezogen. Von da an ruhte der Betrieb.

Er sollte niemals wieder aufgenommen werden. „Onkel Lüer galt bereits in den ersten Kriegstagen 1914 in Flandern bei Langemarck als vermisst“, berichtet Hinrich Jäger. „Vermutlich haben ihn belgische Partisanen erschossen. So war es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu hören“, ergänzt der heutige Lüer Jäger.

Mit dem Tod seines gleichnamigen Vorfahren, der als neuer Chef des Betriebs vorgesehen gewesen war, brach für die Familie damals eine Welt zusammen.

„Onkel Diedrich war bei einer Fliegerkompanie an der Ostfront und kam unversehrt aus dem Krieg zurück“, zählt Hinrich Jäger weiter auf. „Onkel Johann geriet 1915 in französische Gefangenschaft. Er war verschüttet und erkrankte danach schwer.“

Mit einem belastenden Lungenleiden kam er heim, von dem er sich nie wieder erholte.

Hinrich Jäger fiel an der Westfront. Zuvor verschickte er viele Feldpostkarten an die Lieben daheim, die der heutige Hinrich Jäger als digitale Datei auf seinem Computer gespeichert hat.

„Die Soldaten sendeten von der Front oder aus dem Lazarett Karten, damit man wusste, dass sie noch leben. Auf den Postkarten waren unterschiedliche Motive abgebildet – zum Beispiel ein Zeppelin oder der Kaiser“, erzählt Hinrich Jäger .

Damals verschickte die Regierung Sterbeurkunde an die Angehörigen, so auch nach dem Tod seines Namensvetters. Diese Urkunde bewahrt Lüer Jäger bis heute auf.

„Onkel Albert war im Krieg Hornist. Er verlor ein Bein und bekam für besondere Tapferkeit das Eiserne Kreuz verliehen“, erinnert er sich außerdem

Später nach Ende des Krieges betrieb Karl Jäger als Jüngster der Brüder ein landwirtschaftliches Gehöft. Mit den Erträgen ernährte er die Familie.

Jahrzehnte später brach der Zweite Weltkrieg aus. Doch Karl Jäger blieb verschont. „Weil die Familie so viel Leid bereits ertragen musste, verzichtete man darauf, unseren Vater einzuziehen“, freuen sich Hinrich und Lüer. Wahrscheinlich erhielten sie bewusst in Erinnerung an ihre beiden gefallenen Onkel deren Vornamen.

woe

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