Tina Mehrtens-Stecker spinnt ihre Wolle aus Vlies von Martina Osmers’ Tieren in Oyten

Die Spinnerin vom Alpakahof

Meditative Beschäftigung: Tina Mehrtens-Stecker und ihr Spinnrad werden neugierig von Alpakas beäugt.
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Meditative Beschäftigung: Tina Mehrtens-Stecker und ihr Spinnrad werden neugierig von Alpakas beäugt.

Oyten – Ob Moon ahnt, dass das kuschelweiche, pistaziengrüne Wollgarn von seinem Vlies stammt? Der Alpaka-Hengst, der eigentlich Maimoon heißt, lebt auf dem Hof von Martina Osmers in Oyten. Nach der Schur in seinem namensgebenden Wonnemonat hat Tina Mehrtens-Stecker das Tierprodukt in Handarbeit gekämmt, gewaschen und zu Garn versponnen – fertig zum Verstricken, um künftig nicht Alpakas, sondern Menschen Wärme zu spenden.

Die Oytenerin, die vor kurzem nach Verden gezogen ist, setzt sich in ihrer Freizeit gern ans Spinnrad. „Reine Liebhaberei. Ich bin keine Berufsspinnerin“, bekennt sie lachend. Vielmehr sei das Spinnen ein schöner Ausgleich, findet die gelernte Altenpflegerin, die als Mutter eines Pflegekindes so auch mehr Zeit zu Hause verbringen kann.

Seit gut einem Jahr verarbeitet sie fast ausschließlich das Vlies der Alpakas von Martina Osmers, die die fertige Wolle auf ihrem Hof und auf Messen verkauft.

„Der Rücken ist die erste Wahl, danach kommt der Hals“, weiß Tina Mehrtens-Stecker als mittlerweile erfahrene Spinnerin um Qualitätsunterschiede des zu verarbeitenden Rohstoffs. Vlies von erwachsenen Alpakas sei robust genug, um es an eine Spinnerei zu schicken. Dort wird es zu Kardenband verarbeitet, das von Tina Mehrtens-Stecker weiter versponnen wird. Weitaus flauschiger, aber auch schwerer zu spinnen ist das Vlies von Jungtieren, etwa von der einjährigen Peaches. Doch auch damit weiß die Fachfrau mittlerweile umzugehen.

Zum Spinnen braucht man laut Mehrtens-Stecker vor allem eins: Geduld. „Das dauert echt 100 Jahre“, verrät sie augenzwinkernd. Zum Vergleich: Zwei Gramm gehen auf einen Kamm – etwa 100 Gramm ergeben ein Wollknäuel. 700 bis 800 Gramm Wolle braucht es wiederum für einen Strickpullover.

Vor der fertigen Garnrolle sind diverse Arbeitsschritte zu bewältigen: Tina Mehrtens-Stecker holt das Vlies nach der Schur ab, sortiert es zu Hause und bereinigt es um Stroh, Heu und Nachschnitt (kurzes Haar, das sich nicht zum Verspinnen eignet). Das gekämmte, gewaschene und gesponnene Vlies färbt sie – und zwar ausschließlich mit Naturfarbstoffen.

Blutpflaume, Dahlien, gelbes Rainfarn oder schlicht Zwiebelschalen kommen mit der Wolle in den Kochtopf, im Sommer frisch geerntet und im Winter getrocknet. „Für die grüne Wolle von Moon habe ich Apfelbaumrinde und Eisensulfat verwendet“, erzählt sie. Eine Freundin musste einen erkrankten Baum auf ihrer Obstbaumwiese fällen. Die Gelegenheit für Mehrtens-Stecker, um damit als Färbemittel zu experimentieren.

Aus Tinkerbells Vlies wiederum sind Wollgarnrollen in Natur und Rosa entstanden. Weitere Wollknäuel stammen von Baron, Arielle oder Leitkuh Hamburg. „Ich finde es schön, dass ich die Herkunft des Garns mit Namen benennen kann, das hat irgendwie Charme“, sagt die begeisterte Textilwerkerin, die es als weiteres Plus ansieht, dass ihre Alpaka-Produkte aus regionaler Quelle statt aus Peru stammen.

Was Mehrtens-Stecker nicht nutzt, kommt als Füllung in Bettdecken und Kissen, die laut Martina Osmers zwar leicht sind, aber unglaublich warm halten. „Ich hatte einer Großmutter eine Decke verkauft. Ein Traum, sagte sie, wenn meine Enkeltochter zu Besuch ist, will sie unter keiner anderen Decke mehr schlafen“, so Osmers. Da Alpaka-Vlies kein Wollfett enthält, riecht es obendrein angenehm neutral und sei auch für Allergiker geeignet.

Allerdings verkauft Osmers Decken ebenso wie Garn nur auf Anfrage. Denn der Rohstoff ist knapp und sehr gefragt: „Die Leute reißen mir das gleich aus den Händen weg, ich komme nicht mal dazu, mir selbst was stricken zu lassen“, bemerkt Osmers sichtlich erfreut.

Mehrtens-Stecker ist übrigens Autodidaktin: Stricken, Filzen und andere Handarbeiten lagen ihr schon immer. 2017 entdeckte sie im Internet zufällig ein Tutorial, in dem gezeigt wurde, wie man selbst Wolle spinnt. Das versuchte sie zunächst mit einer Handspindel nachzumachen, mittlerweile nutzt sie ein Holzspinnrad mit Doppeltritt. „Man kann sagen, seit drei Jahren spinne ich, und seit eineinhalb Jahren mit Martina Osmers zusammen.“ Die Kooperation ergab sich allerdings erst über einen privaten Spinnkurs in Fischerhude, bei dem Osmers den Teilnehmern das Alpaka-Vlies angeboten hatte.

Zwar möchte Tina Mehrtens-Stecker, dass das Spinnen für sie ein Hobby bleibt, aber dennoch überlegt sie zusammen mit Martina Osmers, das Angebot auf Spinnkurse, gerne auch zwischen Alpakas auf der Weide, auszuweiten: „Das wäre für nach Corona eine schöne Sache, finde ich. Spinnen hat ja auch was Meditatives, das wäre doch zum Beispiel was für gestresste Manager.“

Kontakt

Über Facebook, Instagram oder den Alpakahof: alpakahof-oyten@web.de

Von Lisa Duncan

Eine kuschelige Wolldecke, wie dieses rosa Exemplar, ist nur ein Strickbeispiel von vielen.
In der Sonne getrocknet bleibt die Farbe des Wollgarns lange erhalten.
Eingemacht: Färbung aus Blütenkraft.

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