Oytens Gleichstellungsbeauftragte Anne Fehn sieht bei Gleichberechtigung noch Luft nach oben

„Corona wirft Frauen um Jahrzehnte zurück“

In Branchen wie der Gebäudereinigung sind sogenannte Minijobs besonders verbreitet und werden rasch zur „Karrierefalle“.
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In Branchen wie der Gebäudereinigung sind sogenannte Minijobs besonders verbreitet und werden rasch zur „Karrierefalle“.

Oyten – Vor 110 Jahren wurde er im Kampf um Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen ins Leben gerufen: Der Internationale Frauentag am 8. März. „Weibliche Autorität – ja, bitte!“ lautet der diesjährige Wahlspruch eines Bündnisses zum Weltfrauentag im Landkreis Verden. Über weibliche Autorität und ungleiche Lastenverteilung bei Männern und Frauen sprach die Redaktion mit der an dem Frauenbündnis beteiligten Oytener Gleichstellungsbeauftragten Anne Fehn.

„Ich finde den Weltfrauentag immer noch notwendig. Wir haben zwar viel erreicht, aber wir müssen noch viel tun“, sagt Fehn. Besonders durch die Corona-Krise sei die Gleichberechtigung der Geschlechter um Jahrzehnte zurückgeworfen. „Darum brauchen wir mehr weibliche Autorität, um hier langfristig zu einem Wechsel zu kommen.“

Das Problem: „Frauen leisten viel, aber trauen sich oft nicht, sich Anerkennung dafür zu holen“, so Fehn. Weibliche Autorität bedeute „die eigene Leistung nach außen zu tragen statt sich in die zweite Reihe zu stellen“.

Das Oytener Rathaus könnte als Paradebeispiel für weibliche Autorität gelten: Mit Bürgermeisterin Sandra Röse und Cordula Schröder, Erste Gemeinderätin und Chefin des Finanzressorts, sowie Bauamtsleiterin Sabine Müller ist das vermeintlich schwache Geschlecht hier stark in den Führungspositionen vertreten. Fehn schreibt dies nicht nur dem Klima im Rathaus zu: „Die Strukturen in Rat und Verwaltung habe ich in Oyten immer als sehr offen erlebt, aber es bedarf auch tougher Frauen, um diese Positionen zu erreichen.“

Zuvor habe es in den oberen Lohngruppen einen Männerüberschuss gegeben. Frauen sind Fehn zufolge unter den Mitarbeitern der Gemeinde Oyten auch im unteren Hierarchie-Segment stärker vertreten – mit etwa zwei Drittel der Stellen. „Da müssen wir versuchen, mehr Stellen männlich zu besetzen.“ Ein Grund hierfür sei möglicherweise die immer noch vorherrschende gesellschaftliche Zuschreibung, dass es die Männer seien, die das Geld verdienen.

Positiv findet Fehn, dass es in Oyten mittlerweile einige männliche Erzieher gibt, die den Beruf auch weiter ausüben wollen. Denn diese seien als Ansprechpartner für Väter und Söhne sehr wichtig – auch angesichts von Alleinerziehenden, Patchwork- und Regenbogenfamilien, in denen eventuell die männlichen Vorbilder ganz fehlen. „Das können wir als Frauen nicht ersetzen. Denn darüber, dass Männer anders sind als Frauen, brauchen wir nicht zu diskutieren. Sie müssen aber auch die gleichen Rechte und Pflichten haben.“

Die Entwicklung, mehr Männer in pädagogische Berufe und Pflegeberufe zu bringen, könne die Gemeinde aber kaum beschleunigen. An der Lohnschraube müsse die Bundespolitik drehen, und „stärkere finanzielle Mittel für Pflegeberufe bereitstellen“, betont Fehn, und ergänzt: Nur eine idealistische Minderheit der Männer würde sich allein aus Gründen der Selbstverwirklichung für einen Beruf entscheiden.

Wie in vielen gesellschaftliche Bereichen wirkt Corona auch hier wie ein Brennglas: „Die Corona-Krise hat die Frauen tatsächlich um Jahrzehnte in der Gleichberechtigung zurückgeworfen“, sagt Fehn. Schon vor Corona übernahmen überwiegend Frauen die Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen.

Anne Fehn spricht aus eigener Erfahrung: Sie arbeitet im Homeoffice, betreut seit drei Monaten ein Kind im Homeschooling und kann ihren anderen Zögling auch nur alle zwei Tage in den Kindergarten bringen. „Das erfordert viel Struktur und kostet Energie“, sagt sie. Der Ehemann arbeitet in Vollzeit und kann seine Arbeitszeit nicht reduzieren.

Hinzu kommt, dass viele Frauen in Bereichen wie Gastronomie oder Gebäudereinigung arbeiten, die in der Regel geringfügig entlohnt werden. Sogenannte Minijobs sind nicht sozialversicherungspflichtig – so gehen die Beschäftigten auch beim Kurzarbeitergeld leer aus. „Solche Jobs wirken für den Moment lukrativ, aber sie sind letztlich eine Karrierefalle. Das wird später auch die Altersarmut deutlich schüren“, so Fehn. Um die Lasten besser zu verteilen, erfordere es vielfach „eine andere Denkweise der Väter“. Aber auch die Arbeitgeber müssten eine Unternehmenskultur schaffen, die Männern ein Teilzeitmodell ermögliche. „Das wäre auch für die Väter gut und für die Familie eine riesengroße Entlastung.“

Jedes Jahr am 8. März verweist das Frauenbündnis Internationaler Frauentag im Landkreis Verden auf Vorbilder und bietet Vorträge und Fortbildungen an. Dieses Jahr haben sich die Akteurinnen, die sonst mehrere Großveranstaltungen zum Weltfrauentag auf die Beine stellen, bewusst auf ein Online-Angebot beschränkt. Teilnehmerinnen, die beruflich schon viel „Videoschalte“ machen, würden so nicht digital überfrachtet. Der Vortrag mit Unternehmensberaterin Anke Tielker am Montag, 8. März, um 19 Uhr, sei mit 60 Anmeldungen bereits gut gebucht. „Sollte es eine Warteliste geben, machen wir vielleicht einen zweiten Durchgang.“

Kontakt und Anmeldung für Kurzentschlossene:

https://anke-tielker.de/anmeldung.html

Von Lisa Duncan

Laut der Oytener Gleichstellungsbeauftragten Anne Fehn sind Frauen in geringfügig bezahlten Beschäftigungsverhältnissen die Verlierer der Corona-Krise.

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