Friedhof und Siedlung aus verschiedenen Epochen

Ausgrabung in Oyten: Vom Urnengrab zum mittelalterlichen Hof

Da rückt der Bagger noch einmal an – am Montag wahrscheinlich ein letztes Mal. Denn die Flächen werden nicht im Ganzen, sondern im sogenannten rollierenden Verfahren geöffnet, bei dem die Fläche wieder hergestellt wird, sobald die Archäologen die dortigen Funde entnommen haben.
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Da rückt der Bagger noch einmal an – am Montag wahrscheinlich ein letztes Mal. Denn die Flächen werden nicht im Ganzen, sondern im sogenannten rollierenden Verfahren geöffnet, bei dem die Fläche wieder hergestellt wird, sobald die Archäologen die dortigen Funde entnommen haben.

Oyten – Am Freitag hat der Bagger begonnen, letzte Flächen freizulegen auf der Ausgrabungsstätte in Oytens neuer Ortsmitte. „Wir haben von ursprünglich Ende September auf Ende Oktober verlängert“, erklärt Grabungsleiterin Stephanie Böker von der Firma ArchaeNord aus Bremen. Grund dafür seien weitere, bedeutende Funde. Die Archäologen haben nicht nur Hinweise auf eine prähistorische Siedlung entdeckt (wir berichteten), sondern noch etwas anderes: Relikte von Urnengräbern, die auf die Nutzung als Friedhof in verschiedenen Zeitaltern hindeuten – darunter 19 Urnengräber aus der römischen Kaiserzeit.

„Diese Entdeckung kam für alle völlig überraschend. Was wir hier gefunden haben, hat unsere kühnsten Erwartungen übertroffen. Es ist nachvollziehbar, wie sich die Funktion des Ortes gewandelt hat“, sagt Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht beim Pressetermin, bei dem auch Bürgermeisterin Sandra Röse und Isa Zipperling von der Gemeindeverwaltung anwesend waren.

Dass der Fund eines Grabfeldes den Fachleuten zunächst verborgen geblieben war, hat damit zu tun, dass bei Probegrabungen nur kleine Ausschnitte zum Vorschein kommen. Erst im Juni und Juli sei die Erde großflächig geöffnet worden, sodass die Archäologen anhand von Verfärbungen in der Erde und Scherbenfunden Zusammenhänge herstellen konnten.

Eine Eigenschaft verbindet die mutmaßlich aus der römischen Kaiserzeit stammenden Urnen: „Sie waren alle gekappt, das heißt, der obere Teil fehlte“, berichtet Kreisarchäologin Precht. Dies könne darauf hindeuten, dass sich an derselben Stelle vor etwa 3500 Jahren ein Grabhügel befand, „der im Mittelalter beim Siedlungsbau störte und abrasiert wurde“. Bemerkenswert ist laut Precht darüber hinaus der Fund eines großen Steins – „er könnte Bestandteil eines Großsteingrabs oder einer bronzezeitlichen Steinkiste gewesen sein“. Weitere Bauteile für das prähistorische Großsteingrab fehlen den Experten aber bislang. Auch die jüngsten Grabfunde aus der Völkerwanderungszeit (4./5. Jahrhundert n. Chr.) seien wissenschaftlich interessant: „Wir haben dort zwei gleich große Gefäße und ein etwas größeres Grab entdeckt. Es könnte sich um eine Zwillingsbestattung mit dem Grab der Mutter handeln“, erläutert Stephanie Böker.

Halb frei gelegter Findling: Stephanie Böker von der Grabungsfirma ArchaeNord zeigt die noch laufende Ausgrabung. Die Archäologen nehmen an, dass der Findling Bestandteil eines Großsteingrabs gewesen sein könnte.

Bestattungsfunde auszuwerten kostet Archäologen laut Böker viel Zeit. „Wir finden ja keine Knochen mehr. Wir müssen die Erde Schicht für Schicht abtragen.“ Was datiert werden kann, ist der Leichenbrand. Ein Scheiterhaufen wurde nicht so heiß wie eine heutige Feuerbestattung. „Deshalb finden sich im Leichenbrand noch kalzinierte Knochenreste, die wir datieren können“, so Böker.

Zwischen dem Urnenfeld und der Siedlung besteht laut Precht kein Zusammenhang. Auch die wissenschaftlichen Befunde zur Siedlung seien ein „richtiges Highlight“. Unter anderem zwei Hausgrundrisse von Langhäusern, sieben Nebengebäude und Grubenhäuser oder Keller haben die Experten anhand von Pfostenresten nachgewiesen. Ein Keller wäre eine sensationelle Entdeckung: „Hauskeller kamen im frühen Mittelalter ganz selten vor, und wenn, dann hatten sie niedrige Decken, was hier nicht der Fall ist“, erklärt Precht. Die andere Möglichkeit: ein Grubenhaus, das oft als Webhütte diente.

Hier befand sich ein Gruben-Haus der frühmittelalterlichen Siedlung. Dr. Jutta Precht zeigt anhand einer Visualisierung, wie dies ausgesehen haben könnte.

Wie viele Menschen gleichzeitig in den mittelalterlichen Langhäusern lebten, könne man heute nur vermuten: „Wahrscheinlich die Kernfamilie, mit den Großeltern, Tanten und Onkeln sowie Knechten und Mägden“, so Precht. Sicher sei jedoch, dass das Vieh ebenfalls im Haus seinen Platz hatte. Zudem müsse man davon ausgehen, dass es Einzelhöfe waren. „Dörfer gab es zu der Zeit noch nicht.“ Aber war die geplante neue Ortsmitte früher die alte Ortsmitte? „Das war hier schon mal ein Mittelpunkt“, ist sich die Kreisarchäologin sicher.

Laut Isa Zipperling hat auch die zeitlich verlängerte Grabung nicht zu einer Verzögerung beim Bau der neuen Ortsmitte geführt. Wenn die Ausgrabung Ende Oktober abgeschlossen ist und alle Löcher wieder verfüllt sind, will die Gemeinde Oyten mit dem Bau beginnen, aber nicht alle Spuren verwischen: „Ich würde gerne etwas davon verewigen“, sagt Sandra Röse. Der Verwaltungschefin schwebt etwa eine Ausstellung für 2022 oder 2023 vor – eventuell ergänzt durch eine Broschüre, wie Jutta Precht anregte. Angedacht sei auch, dass einige Findlinge einen Platz in der Ortsmitte kriegen, „vielleicht in Kooperation mit IGS-Schülern“, sagt Zipperling. Eine Zusammenarbeit mit der IGS Oyten gab es bereits zuvor anhand eines vierteiligen Films, der im Internet abrufbar ist.

Link zum Film (Teil 1):

https://www.youtube.com/watch?v=YP8PkGeZHwU

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