Archäologen legen in Oytener Ortsmitte Relikte einer prähistorischen Wandersiedlung frei

„Jetzt gehen wir in die Tiefe“

Besprechung zwischen freigelegten Befunden
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Besprechung zwischen freigelegten Befunden: (v.li.) Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht, Gemeindevertreterin Isa Zipperling und Grabungsleiterin Stephanie Böker mit ihrem Kollegen Jochen Duchange.

Oyten – „Nichts ist so dauerhaft wie ein Loch“, sagt Stephanie Böker. Womit es einst verfüllt wurde, „bleibt für immer“. Zumindest Spuren davon, die der Archäologin auch noch viele Jahrhunderte später etwas über den Urheber und seine Absichten erzählen. In der Oytener Ortsmitte ist es gerade eine Reihe tief liegender Löcher, in denen mal Holzpfosten gesteckt haben müssen. Nach der rekonstruierten Struktur erwartet Böker hier Überreste eines Bauernhauses, vermutlich aus der Zeit zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert: „Die Abmessungen passen.“ Noch ältere Funde lassen auf siedelnde Menschen schon in der Zeit um 500 n. Chr. schließen.

Das 20 000 Quadratmeter große Areal zwischen Haupt- und Jahnstraße gleicht zurzeit einer Mondlandschaft. Die Erdverwerfungen aber sind nicht willkürlich, sondern folgen einem akribischen Plan: Hier lässt die Gemeinde während der nächsten drei, vier Monate ihre Vergangenheit ausgraben, und schon jetzt steht fest: Oyten ist weit älter als die 800 Jahre, die 2004 als Jubiläum gefeiert wurden. Besiedelt wurde der Ort auf der Geestkuppe offenbar schon viele Jahrhunderte früher.

„Wir haben es hier mit zwei Epochen zu tun: der römischen Kaiserzeit bis zur Völkerwanderungszeit etwa 500 bis 600 nach Christus sowie dem anschließenden frühen Mittelalter“, erklärt Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht. Das wissen die Fachleute seit den routinemäßigen Voruntersuchungen des Baugrunds, auf dem nach Plänen von Gemeinde und Investoren Oytens neue Ortsmitte mit Mietwohnungshäusern und Einzelhandel gebaut werden soll. Die Probegrabungen erbrachten vor einem Jahr den Nachweis einer urgeschichtlichen Siedlung, deren Relikte über die Fläche verstreut sind.

Danach stand fest: Die Gemeinde Oyten muss die erwarteten kulturhistorischen Funde für die Nachwelt sichern, bevor sie unwiederbringlich überbaut werden. Mit den archäologischen Grabungen beauftragt wurde das Bremer Archaeologiebüro Nordholz (ArchaeNord). Die Kosten schätzt Isa Zipperling, Projektverantwortliche in der Gemeindeverwaltung, derzeit auf 140 000 Euro. Die ans Tageslicht beförderten historischen Relikte wandern in den Fundus der Kreisarchäologie. Die Fachbehörde des Landkreises Verden begleitet die Grabungen in Oyten in Person von Leiterin Jutta Precht mit großer Spannung und in Gestalt von Mitarbeiter Bernd Steffens mit Schaufel und Kelle vor Ort.

Seit Ende Mai ist das Unternehmen ArchaeNord in der Ortsmitte bei der Arbeit. Grabungsleiterin Stephanie Böker, Grabungstechniker Jochen Duchange und die junge syrische Archäologin Shahid Abdulrahim haben in den rechteckigen Grabungsfeldern bereits zahlreiche Befunde von überlagernden Schichten freigelegt, Schnitte und Profile markiert, vermessen und dokumentiert. „Wir suchen nach Farben in der Erde“, erklärt Böker. Die Bodenverfärbungen der Befunde lassen auf die zu erwartenden darunter liegenden Funde schließen – die historischen Relikte in der Erde, die es in kleinteiliger Handarbeit zu bergen gilt. Befunde wie Pfostensetzungen und Gruben verhießen schon bei den Voruntersuchungen mindestens zwei Grubenhäuser und einen Brunnen. Weitere Hinweise deuten nun auf ein Bauernhaus und möglicherweise eine Schmiede hin. „Jetzt gehen wir in die Tiefe“, schildert die Grabungsleiterin. Tonscherben „machen „98 Prozent der Funde aus“.

Kreisarchäologin Precht, die für die fachliche Dokumentation der Oytener Grabung verantwortlich ist, hält wissenschaftlich bedeutsame größere Funde als Nachweis einer prähistorischen Wandersiedlung an dieser Stelle für durchaus möglich. Die Relikte müssten für die Nachwelt aufbereitet werden. Dazu plant Precht gemeinsam mit der Gemeinde später eine Ausstellung in Oyten. Bis dahin soll ein geplantes Online-Tagebuch von IGS-Schülern die Öffentlichkeit am Fortschritt der archäologischen Grabungen in der Ortsmitte Oytens teilhaben lassen.

Die verzögern übrigens nicht den Baubeginn des neuen Zentrums, wie Gemeindevertreterin Zipperling betont. Nach ihren Worten bewegen sich die Grabungen im Zeitfenster des Bebauungsplanverfahrens. Beides soll etwa zeitgleich im September zum Abschluss kommen: „Die Archäologie legt hier also nichts still“, so Zipperling.

Von Petra Holthusen

Grabungsleiterin Stephanie Böker zeigt kartografisch dokumentierte Fundorte von Siedlungsnachweisen.
Archäologin Shahid Abdulrahim legt mit der Schaufel Scherben frei.
Bodenverfärbungen lassen auf die Art der zu erwartenden historischen Relikte im Erdreich schließen.
Bernd Steffens mit Scherbenfunden.

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