„100 Jahre Schule am Brink“ ist Thema des neuen Ottersberger Geschichtshefts

Modernes Schulgebäude entsteht mitten im Krieg

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Marie Renken und Friedrich Bartels halten das neue Werk vor dem Schulgebäude, heute die Bibliothek, in Händen.

Ottersberg - Von Lisa Duncan. Jede Menge Fakten, die nicht in den Geschichtsbüchern stehen, hat Marie Renken in mühevoller Recherche-Arbeit zusammengetragen. Entstanden ist daraus die dritte Ausgabe der Ottersberger Geschichtshefte. Im Mittelpunkt ein Thema, das der Lehrerin so nahe liegt, wie kaum ein anderes: 100 Jahre Schule am Brink. Im Jubiläumsjahr hat Renken das 32 Seiten starke Heft in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein im Rektorhaus erarbeitet.

Nach der ersten Publikation des Vereins, ein Buch, das sich mit „Ottersberg in den letzten 200 Jahren“ (2013) befasst, erscheinen zweimal im Jahr die „Ottersberger Geschichtshefte“. Während die erste Ausgabe vom Mai 2014 „Ottersberger Ärzte“ behandelte, ging es im zweiten Heft (September 2014) um den Ersten Weltkrieg. Schwerpunkt des vierten Bands, der zur Zeit in Arbeit ist, wird der Ortsteil Bahnhof sein.

Heft 3 thematisiert sowohl das Schulgebäude wie auch das benachbarte Rektorhaus, das eine optische Einheit mit dem Schulhaus bildet. Renken selbst kennt die Räume der Bildungseinrichtung Am Brink, seit sie dort 1978 ihre Stelle als Lehrkraft antrat. So bekam sie im Laufe der Jahre auch viele Veränderungen mit, stellte allerdings bei ihren Recherchen fest, dass an die genauen Daten oft schwer heranzukommen war.

Ein Beispiel ist die Uhr, die einst auf dem Giebeldach des Schulgebäudes weithin sichtbar prangte. „Keiner kann sagen, wann die Uhr runterkam“, erzählt Renken. Nur ungefähr lässt sich die optisch einschneidende Veränderung eingrenzen. „Anfang der 60er Jahre, als Pausen- und Turnhalle gebaut wurden, wurde das alte Gebäude grundsaniert. Vermutlich dann“, so Renken. Denn zeitgleich wurden im Dachboden die Physikräume eingerichtet. Dabei mag der riesige Uhrenkasten im Weg gestanden haben.

Wo sich Kasten und Ziffernblatt jetzt befinden, bedarf allerdings keiner weiteren Klärung: Auf Initiative des Kulturvereins wurde das Ziffernblatt erneuert und erhielt ein modernes Uhrwerk. Alte und neue Technik schmücken nun, sozusagen als lebendiges Stück Geschichte, das Erdgeschoss des alten Schulgebäudes.

Hilfreich auf der Suche nach belastbaren Zeugnissen aus dieser Zeit war die Schulchronik, aber auch Gemeinderatsprotokolle und das Kreisarchiv. Die Aufzeichnungen des Schulvorstands waren hingegen nicht mehr aufzufinden. „Vermutlich sind sie einer Aufräumaktion zum Opfer gefallen“, so Renken. Unschätzbar für die Spurensuche nach der Schulgeschichte waren zudem die Ottersberger Karl-Heinz Dörl und Günther Wiggers. Letzterer hatte über viele Jahre Bilder gesammelt, die das damalige Schulleben zeigen – neben Darstellungen des Gebäudes auch alte Klassenfotos. Dörl steuerte den Schriftverkehr bei, etwa Kopien von alten Verträgen, Skizzen und Baupläne.

Dabei stellte sich beispielsweise heraus, dass der Grundriss im Wesentlichen erhalten geblieben ist. Nur das Treppenhaus sei von hinten links nach hinten rechts „gewandert“, erzählt Renken. Welche An- und Umbauten es insgesamt gegeben hat, erarbeitet sie gerade gemeinsam mit einer Schülergruppe.

Für Friedrich Bartels, der auch das Lektorat übernahm, ist die Schulgeschichte vor allem im Hinblick auf die historische Einordnung interessant. Unter anderem findet sich im Heft der Bericht des einstigen Schulleiters über die Rede des Kreisschulinspektors bei der feierlichen Einweihung am 27. Juni 2015. Die kriegsverherrlichende Rhetorik entspricht dem damaligen Zeitgeist. „Wenn man sich vorstellen will, wie die Leute damals getickt haben, sind solche Dokumente sehr interessant“, fasst Bartels zusammen. Denn auch vor Schulen machte der Mobilisierungswahn nicht halt: Schulkinder sammelten Metall für die Kriegsmaschinerie oder Laub als Futter für die Frontpferde.

Erstaunlich, dass in dieser kriegszentrierten Zeit die Schule wie geplant gebaut wurde. Dabei legte die Gemeinde offenbar wert darauf, die Bildungsstätte mit für damalige Verhältnisse modernster Technik auszustatten. Die Klassenräume erhielten eine Zentralheizung, obgleich sich die Reichsregierung weigerte, einen höheren Zuschuss zu zahlen als für bis dahin übliche Ölöfen benötigt worden wäre. Und noch ein besonderes Privileg wurde der Schule zuteil: Am 8. Juni 1915 wurde Ottersberg ans Elektrizitätsnetz angeschlossen. Der Neubau am Brink, der auch gleich Anschlüsse erhalten hatte, war damit das erste öffentliche Gebäude mit Strom im Ort.

Zu haben sind die Geschichtshefte zum Preis von einem Euro direkt beim Kulturverein im Rektorhaus oder in der Bibliothek. Unter Tel. 04205/779998 (Jochen Mahnke) ist auch ein Abonnement möglich.

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