Wer will fleißige Handwerker seh'n ... 

Ottersberger Geschichtsheft No. 8 rückt verschwundene Betriebe ins Blickfeld

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Auf der Spitze des Otterstedter Kirchturms: 1950 erneuerte Dachdecker Ferdinand Wedemeyer das Dach des Gotteshauses.

Ottersberg - Von Petra Holthusen. Von unentbehrlichen Ein-Mann-Werkstätten und fleißigen Meistern, die Schuhe und Radios reparierten, Pferdehufe beschlugen, gute Stuben tapezierten, Dächer zimmerten, Körbe flochten und der Damenwelt zum Schützenball neue Kleider schneiderten, erzählt das Geschichtsheft No. 8. Alte Handwerksbetriebe in Ottersberg sind das Schwerpunktthema der neuesten Ausgabe der Schriftenreihe der Geschichtswerkstatt des Kulturvereins im Rektorhaus.

Zum Preis von drei Euro ist das in 350er-Auflage gedruckte Heft an den kommenden Samstagen, 7. und 14. Dezember, von 9 bis 12 Uhr am Stand des Kulturvereins im Ottersberger Rewe-Markt erhältlich, außerdem in der Gemeindebücherei sowie bei Vorstandsmitglied Jochen Mahnke (Tel. 04205 / 779998).

„Das ist unser drittes Heft in Serie über Ottersberger Berufsgruppen“, erzählt Friedrich Bartels, Leiter der Geschichtswerkstatt. Nach alten Gaststätten und Geschäften rückt Autorin Ute Fetkenhauer jetzt Handwerksbetriebe in den Blickpunkt, die zumeist nicht mehr existieren. Teils sind ganze Berufszweige wie Stellmacher, Müller, Korbflechter oder Mollenhauer ausgestorben: Ihre Erzeugnisse wurden entweder nicht mehr im Alltag gebraucht oder werden längst industriell in Massen produziert. Andere Handwerksbetriebe waren zu klein, um sich gegen Firmenriesen etwa im Bau- oder Schlachtgewerbe behaupten zu können, oder sie fielen der Wegwerfgesellschaft zum Opfer, die Schuhe billig neu kauft statt sie reparieren zu lassen.

„Wer will fleißige Handwerker seh'n“ – mit dem Refrain eines alten Kinderlieds lädt Fetkenhauer die Leser auf eine Reise durch die Arbeitswelt früherer Ottersberger Handwerksbetriebe ein, die sich mit hölzernen Karren und Fahrrädern auf den Weg zur Kundschaft machten, die mangels Telefon zur Warenbestellung selbst nach Bremen fuhren und in den Zeiten des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Blütezeit erlebten. Überall wurde gebaut und repariert, und ein Hausbau wurde da auch mal mit einem Pferd entlohnt. Der mutmaßlich älteste Handwerksbetrieb war die Schlosserei Jäger am Vie, deren Geschichte von 1708 bis 1956 überliefert ist.

Mit alten Ottersberger Handwerksbetrieben beschäftigt sich das Geschichtsheft No. 8, das Autorin Ute Fetkenhauer und Friedrich Bartels als Leiter der Geschichtswerkstatt im Rektorhaus vorstellten. Ab Samstag gibt's das Heft zu kaufen.

An manche Betriebe hat Ute Fetkenhauer noch Kindheitserinnerungen. Etwa an die Wohnstube der Schneiderin Tine Müller am Mühlenweg, in der sich Ottersberger Mädchen und Frauen zum Maßnehmen und Anprobieren drängten. „Nach dem Krieg kosteten die Kleider von der Stange viel Geld, Stoffe dagegen konnte man recht preisgünstig kaufen. Darum ließen die Frauen alles nähen, vom Mantel bis zum Ballkleid“, erinnert sich Fetkenhauer. Die Kundinnen brachten den Stoff mit zu Tine Müller und suchten sich bei ihr in den Modezeitschriften mit Schnittmusterbögen ein passendes Modell aus.

Für die ehrenamtliche Geschichtsheft-Autorin war es mühselig, noch Zeitzeugen mit Erinnerungen an alte Handwerksbetriebe im Ortskern zu finden. Und für ein historisches Foto aus einem privaten Album „kann man schon mal ganze Vormittage vertelefonieren“, erzählt sie. Mit einigen Bildern half der Posthausener Heimatverein der Hobby-Heimatforscherin aus. Außerdem griff Fetkenhauer – neben Zeitzeugen-Interviews und Privatfotos – auf die Archive von Günther Wiggers und der Gemeinde zurück.

Die Motivation, Menschen und ihren Alltag im vergangenen Jahrhundert lebendig werden zu lassen, fasst die Autorin prägnant zusammen: „Weil es unsere Geschichte ist. Und weil man Respekt bekommt vor der Arbeit, die unsere Vorfahren hier mit ihren Händen geleistet haben.“ Damals, als Fünf-Tage-Woche oder Acht-Stunde-Tage Fremdworte waren und erleichternde technische Hilfsmittel noch rar.

Auch im Geschichtsheft No. 8 wird in einem Extra-Kapitel die Serie „Bedeutende Ottersberger“ fortgesetzt: Friedrich Bartels stellt die Biografie von Walter Bertram vor, der nach dem Krieg an der Grünen Straße ein Radio- und Fernsehgeschäft betrieb und zeitlebens politisch engagiert war. Bertram hatte das Konzentrationslager Esterwegen, in das die Nazis den Regime-Gegner deportiert hatten, überlebt und nach dem Krieg einen privaten und politischen Neuanfang in Ottersberg versucht. „Aber das lange Leiden in KZ und Krieg holten ihn bald ein“, schildert Bartels.

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