Bürgermeister Horst Hofmann ist ab morgen im Ruhestand / Von Erfolgen und Niederlagen

„Wenn du Fehler machst, wirst du zerrissen“

Horst Hofmann hat heute seinen letzten Arbeitstag im Ottersberger Rathaus. Nach fast 14 Jahren als hauptamtlicher Bürgermeister geht er vorzeitig in Pension. 
Foto: Holthusen
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Horst Hofmann hat heute seinen letzten Arbeitstag im Ottersberger Rathaus. Nach fast 14 Jahren als hauptamtlicher Bürgermeister geht er vorzeitig in Pension. Foto: Holthusen

Ottersberg – Gut möglich, dass man Horst Hofmann demnächst öfter mal im künftigen Dorfladen Bergstedt trifft. Erst bei Maurerarbeiten, später vielleicht hinter dem Brötchentresen. Auf jeden Fall irgendwie bei der Arbeit, was anderes ist schwer vorstellbar. Ab morgen hat der Otterstedter viel Zeit für neue Dinge, die ihm am Herzen liegen: Mit seinem 65. Geburtstag geht Horst Hofmann als hauptamtlicher Bürgermeister des Fleckens Ottersberg in Pension – nach fast 14 ereignisreichen Jahren an der Spitze einer lebendigen, aber auch streitbaren Gemeinde. Dass Hofmann gut ein Jahr vor Ablauf seiner Amtswahlzeit vorzeitig aufhört, hat seinen Grund. „Ich bin jeden Tag gerne zur Arbeit ins Rathaus gefahren, aber das politische Drumherum kostet wahnsinnig Energie, und die habe ich nicht mehr“, sagt er.

Gefühlt sei man als Bürgermeister immer im Dienst: „Abschalten ist gleich null.“ Ruhig geschlafen hat Hofmann „seit Jahren nicht mehr“, insbesondere seit der Krise, die 2013/14 wegen buchhalterischer Misswirtschaft des damaligen Betriebsleiters das gemeindeeigene Elektrizitäts-Werk erschütterte. „Es konnte keiner erwarten, dass ich erkenne, was alle Wirtschafts- und Rechnungsprüfer übersehen haben“, sagt Hofmann. SPD, Grüne und die Bürgerliste FGBO nahmen den christdemokratischen Bürgermeister aber als obersten Verantwortlichen ins Visier; Anschuldigungen, Anzeige und Dienstaufsichtsbeschwerde inbegriffen.

„Das war eine hammerharte Zeit“, sagt Hofmann. Um das durchzustehen, nahm er psychologische Hilfe in Anspruch. Hinzuschmeißen, was politische Gegner gern gesehen hätten, kam für ihn jedoch nicht in Frage. Stattdessen: „Sehen, wie wir das wieder auf Kurs bringen.“ Es gelang, weil sich der neue E-Werksleiter Helge Dannat als „echter Glücksgriff“ herausstellte: „Klasse, was der auf die Beine stellt.“

Hofmann persönlich erholte sich von der Krise nicht mehr. Zugegebenermaßen sei seine Informationspolitik gegenüber dem Gemeinderat nicht die beste gewesen, aber „wenn du heute Fehler machst, wirst du zerrissen“. Vorwürfe und Unterstellungen seien oft schwer auszuhalten. Mit dem „Wegstecken“ tat und tut er sich schwer; Lust, Kraft und Energie haben gelitten – deshalb höre er vorzeitig auf. „Sich zusammen hinzusetzen, in die Augen zu gucken und einen gemeinsamen Nenner zu finden, haben wir nie hingekriegt“, beschreibt Hofmann sein Verhältnis zur Politik, „aber den Schuh ziehe ich mir nicht alleine an.“

Hofmann war 2006 erstmals zum hauptamtlichen Bürgermeister des Fleckens Ottersberg gewählt worden, der Chef der Kommunalverwaltung und oberster Repräsentant der Gemeinde ist. Zuvor war der Otterstedter als Bauingenieur beim Landkreis beschäftigt und als CDUler ehrenamtlich in der Kommunalpolitik tätig gewesen.

2014 wählten die Bürgerinnen und Bürger des Fleckens den Rathauschef in seine zweite Amtszeit, die bis 31. Oktober 2021 gegangen wäre. Nun scheidet Hofmann auf eigenen Wunsch an seinem 65. Geburtstag am 1. Juli 2020 aus, und mit Tim Willy Weber hat Ottersberg im April den Nachfolger gewählt. „Die Vielfalt der Aufgaben ist Wahnsinn, ich wünsche ihm, dass er gut zurechtkommt“, sagt Hofmann. Er hat Weber – viele Jahre sein schärfster Kritiker – schätzen gelernt: „Wenn er das Ideologische beiseite lässt, wird er ein guter Bürgermeister.“

Für Hofmann fällt wegen der Corona-Situation eine offizielle Verabschiedung flach. Darüber ist er nicht unbedingt böse – aber die Kollegen nicht noch mal einladen zu können, tut ihm leid. Mit den Beschäftigten des Fleckens, des E-Werks und der Breitbandgesellschaft, zusammen mehr als 200 an der Zahl, hat er gerne gearbeitet: „Im Rathaus habe ich mich immer wohlgefühlt.“

Stolz ist Hofmann auf die Entwicklung seiner Gemeinde in den vergangenen 14 Jahren: barrierefreier Bahnhof, breites schulisches Angebot, genügend Kinderbetreuungsplätze, Vorzeige-Breitbandnetz, auf den Weg gebrachte Otterbadsanierung und Feuerwehrhaus-Neubauten. Dass die Einwohnerzahl 2020 nicht wie prognostiziert bei 11 000, sondern bei 13 000 liege, spreche für sich. Als „große Enttäuschungen“ behält er das politische Scheitern von Buss-Biomasseheizkraftwerk und Brüning-Erweiterung in Fischerhude in Erinnerung: „Das waren die deftigsten Niederlagen.“

Seinem persönlichen Shutdown nach fast 14 Jahren als Chef im Rathaus sieht Hofmann nervös entgegen: „Mit einem Mal ist ein Zuhause weg. Ich weiß nicht, wie das so gehen wird ...“ Auf jeden Fall ist jetzt Zeit für Familie und Radfahren. Politik als Betätigungsfeld komme nicht in Frage, meint Hofmann. Wohl aber sein TSV Otterstedt und die St.-Martin-Stiftung. In beiden Organisationen hat er schon Ämter und nun auch richtig Luft, um sie auszufüllen. Und dann ist da ja noch der genossenschaftliche Dorfladen Bergstedt, ein Herzensprojekt von Hofmann. Wer ihn also treffen will, weiß, wo er demnächst öfter zu finden sein wird ...

Von Petra Holthusen

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