Offene Tür in Bertzbachs Porzellanwerkstatt mit eingeschränkter Besucherzahl

Was die nackten Alten erzählen

Keramikmeisterin Katharina Bertzbach öffnet ihre Fischerhuder Werkstatt nach einem speziellen Hygienekonzept.
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Keramikmeisterin Katharina Bertzbach öffnet ihre Fischerhuder Werkstatt nach einem speziellen Hygienekonzept.

Fischerhude – Den Porzellan-Alten von Katharina Bertzbach geht es augenscheinlich gut. Nackt sitzen sie auf Quadern an Wänden und sinnieren womöglich über Erlebtes und noch Kommendes. Ihre Körper sind entspannt und welk, ihre Gesichter jedoch offen und bereit, Geheimnisse untereinander und mit möglichst vielen Betrachtern zu teilen. Der Weg zu dieser skulpturalen Ausstrahlung war heiß. Zunächst wurden die Exponate von der Keramikmeisterin modelliert, dann bei hoher Ofentemperatur gebrannt. So sind sie präpariert für ein langes Leben.

Katharina Bertzbach hat sich in ihrer Porzellanwerkstatt in Fischerhude in diesem Jahr künstlerisch intensiv mit dem Thema „Menschen im Alter“ beschäftigt. Tieferer Beweggrund dafür war ihre eigene Lebenswirklichkeit. „In unserer Familie erreichen viele ein hohes Alter. Das trifft auch auf meine Eltern zu. Bisweilen benötigen sie jetzt meine Hilfe“, sagt die Künstlerin, die dabei den Alterungsprozess und seine körperlichen Auswirkungen hautnah erlebt. „Ich beobachte das mit einem liebevollen Blick“, sagt sie.

Die Betrachter der Bertzbachschen Kunst sind dazu längst nicht immer willens oder imstande. „Meine nackten Alten polarisieren. Entweder sind die Leute schockiert oder sie sind begeistert“, sagt Bertzbach. Das eine ist der Künstlerin so recht wie das andere: „Schlimm für mich wäre Desinteresse.“

Mit ihren Arbeiten weitet Katharina Bertzbach die Perspektive auf eine gewisse, aber vielleicht leidvolle Zukunft. Ihren Sinn für Schönheit und Ästhetik, der sich nicht an Lebensjahren orientiert, verliert sie dabei nicht. Noch wichtiger sind Bertzbachs Humor und ihr menschliches Mitgefühl. In Gesamtheit bringt das die Porzellanfiguren, die jeder Süßlichkeit entsagen, zum Leuchten.

Tage des offenen Ateliers veranstaltete Katharina Bertzbach in den vergangenen Jahren regelmäßig – mit Häppchen, Apfelpunsch, Konzerten und vielen Menschen. Diesmal ist wegen Corona alles anders. Die Beratungsstelle des Gesundheitsamtes Verden musste vorab kontaktiert, die Bewilligung eingeholt werden. Das war eine gute Erfahrung: „Die Leute dort waren freundlich.“ Gleichwohl bestanden sie auf ein Hygienekonzept.

Die Werkstatt von Katharina Bertzbach hat eine Fläche von 50 Quadratmetern. Gleichzeitig dürfen sich dort nur vier weitere Personen unter Einhaltung der Abstandsregelung aufhalten. Beim ersten Offene-Werkstatt-Wochenende dieses Jahr am vorigen Samstag und Sonntag wurde regelmäßig gelüftet, der Sanitärbereich mit Desinfektionsmitteln ausgestattet. Schon kurz nach Öffnung des Ateliers im Krummen Ort 10 kamen die ersten Gäste. Nur wenig später warteten weitere Interessierte geduldig auf Einlass. Abermals geöffnet ist die Bertzbach-Werkstatt am kommenden Samstag und Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr. Zu sehen gibt es neben den splitterfasernackt auf ihren Kissen sitzenden, gestikulierenden und klönenden Alten aus weißem Porzellan auch Bertzbachs farbenfroh bemalte Vasen, Tassen, Schüsseln und anderes mehr aus französischer Porzellanmasse. Wer möchte, kann sich unter der Telefonnummer 04293 / 787545 mit Katharina Bertzbach auch in der Woche zu einem Werkstattbesuch verabreden.

Von Bernd Hägermann

Drei Alte in Porzellan und regem Austausch.
Fröhlich gepunktete Vasen aus Bertzbachs Kollektion.

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