Organspende: Torben Mammen steht für eine neue Niere auf der Transplantationsliste

Vom Warten auf den Tod eines anderen

Torben Mammen ist Dialyse-Patient und wartet dringend auf eine Spenderniere. Foto: Holthusen

Posthausen - Von Petra Holthusen. Samstags kann er mal eine Einladung annehmen, mit seiner Frau ein Eis essen gehen oder selber das Abendbrot machen – samstags hat Torben Mammen immer frei. Frei von den Schläuchen seines Dialyse-Geräts, an das er die anderen sechs Tage der Woche von nachmittags bis nachts angeschlossen ist.

Zehn Liter Spülflüssigkeit pumpen dann durch seinen Körper und entgiften die Organe. Seine Nieren können das nicht mehr leisten. Insuffizienz-Stadium 5, Restleistung 4 %, Endstufe: „Schlimmer geht's nicht.“ Seit Jahresbeginn steht Mammen auf der Transplantationsliste der Medizinischen Hochschule Hannover. Er wartet dringend auf eine Spenderniere.

Organspende: Vom Warten auf den Tod eines anderen

Der 63-Jährige aus Posthausen ist vorbereitet. Alle medizinischen Checks zur Transplantationsfähigkeit sind absolviert, sein Name auf der Liste ist „scharf geschaltet“, die Tasche gepackt. Für den Fall, dass die Nachricht von einer passenden Spenderniere kommt, ist Mammen startklar und kann binnen zwei Stunden auf dem OP-Tisch liegen. Das Handy hat er Tag und Nacht am Mann. Bis der ersehnte Anruf aus Hannover kommt, können jedoch Jahre vergehen – es gibt so viel weniger Spenderorgane als Menschen, die für ihr eigenes Überleben darauf warten.

Das Warten, das Hoffen und Bangen schildert Mammen als große seelische Belastung. „Kaum zu ertragen“ ist deshalb für ihn die politische Diskussion um die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung. Mit einer solchen gesetzlichen Regelung könnte, anders als jetzt, jeder im Fall seines Hirntods zum Organspender werden, wenn er dem nicht zu Lebzeiten widersprochen hat.

Organspende: Hoffen und Bangen

„Am schwersten auszuhalten“ sind für Mammen Gegenargumente von Politikern, „von denen keiner in der Lage ist zu begreifen, wie das ist, so schwer krank zu sein“. Wie sich das innerlich anfühlt, „wenn man darauf wartet, dass jemand anderes stirbt, damit man mit dessen Organ weiterleben kann“. Was das im Alltag bedeutet, „wenn man am Schlauch hängt wie ein Hund an der Leine“, stark eingeschränkt sowohl körperlich als auch in sozialen Kontakten. Fast 80 000 Dialyse-Patienten in Deutschland seien wie er von Maschinen abhängig, so Mammen, und „jeden Tag sterben Menschen von der Transplantationsliste, die mit einem Spenderorgan überleben könnten“.

Um die Zahl dringend benötigter Spenderorgane zu erhöhen, hofft Mammen, dass die Widerspruchslösung vom Bundestag beschlossen wird. Entscheide sich ein Mensch bewusst dagegen, Organspender zu sein, sei das selbstverständlich zu respektieren. „Aber es gibt viele Menschen, die als Organspender für das Überleben anderer gut geeignet sind, die aber nichts darüber wissen oder sich einfach nicht darum kümmern.“ Für Mammen ist „die Widerspruchslösung das einzig Richtige“: „Ich würde allen Politikern empfehlen, mal einen Tag in einer Dialysestation mitzulaufen und zu sehen, welche Schicksale da zu finden sind.“

Organspende: Torben Mammen ist Dialyse-Patient

Torben Mammen ist seit fast drei Jahren Dialyse-Patient. Was er aufgrund wochenlanger Schlappheit für eine verschleppte Grippe hielt, diagnostizierte sein Hausarzt als lebensbedrohliches Nierenversagen. Morgens war Mammen beim Arzt, mittags hing er an der Dialyse – von jetzt auf gleich „war ich ein Schwerkranker“. Das musste er erstmal verdauen. Statt mehrmals wöchentlich stationär zur Blutwäsche an eine künstliche Niere angeschlossen zu werden, entschied sich Mammen alternativ für die Peritoneal-Dialyse, die er mit Hilfe seiner Frau zu Hause machen kann. Bis auf samstags schließt er sich jeden Tag nachmittags um drei an die Maschine an und verbindet die Schläuche mit dem implantierten Zugang in seinem Bauch – bis nachts gegen zwei. Über das Bauchfell wird sein Körper mit reinigenden, medikamentös versetzten Flüssigkeiten gespült. „Spüli für die Organe“, witzelt Mammen, „das, was sonst die Nieren machen.“

Das Angebot seiner Frau, ihm eine ihrer gesunden Nieren zu spenden, hat Mammen abgelehnt: Das Risiko, dass seine Frau danach selbst nierenkrank wird, konnte und wollte er nicht eingehen.

Die Dialyse zu Hause gibt ihm zumindest die Freiheit, mit der Maschine auf dem Wägelchen zwischen Küche, Wohn- und Schlafzimmer hin und her zu pendeln. Zusätzliche Medikamente und ein extrem viel Disziplin erfordernder Ernährungsplan sind unabdingbar, um gegen die Krankheit und körperliche Schwächung anzukämpfen: „Ich entscheide mich jeden Tag, weiter zu leben.“

Organspende: Warten auf die Spenderniere

Mit der Nieren-Insuffizienz ist der 63-Jährige zu 100 % schwerbehindert und könnte längst in Rente sein. Wollte er aber nicht: „Die Arbeit gibt mir einen Wert; die Bestätigung, dass ich noch gebraucht werde.“ Mammen, studierter Sozialwissenschaftler, arbeitet seit 30 Jahren beim Statistischen Landesamt in Bremen und ist Spezialist für den Seeverkehr: Alles, was in Bremer Häfen umgeschlagen wird, geht über den Tisch des Statistikers. Er liebt seine Arbeit, und seiner schweren Krankheit zum Trotz „will ich selbst bestimmen, wann ich in Rente gehe“, sagt er. Ende der Jahres will er nun aufhören. Bis dahin steht Mammen weiter nachts um 4.15 Uhr auf, fährt mit dem Zug nach Bremen und arbeitet von 6 bis 12 Uhr im Landesamt. „Mehr schaffe ich körperlich nicht.“ Die restlichen zwei Stunden hängt er zu Hause im „Home Office“ dran. Bis die Dialyse wieder dran ist.

Ob als Suchtkrankenhelfer oder Schwerbehindertenbeauftragter in der Behörde: „Mein Leben lang“, so Mammen, „habe ich versucht, Leuten zu helfen, die sich nicht selbst helfen können.“ Und deshalb hat er als Ruheständler ab Januar schon einen neuen – ehrenamtlichen – Job: als gerichtlich bestellter gesetzlicher Betreuer für Menschen, die nicht für sich allein entscheiden können.

Das Handy wird er auch dann immer am Mann haben – falls die sehnsüchtig erhoffte Spenderniere gefunden ist.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bremen Olé: Der Party-Tag auf der Bürgerweide

Bremen Olé: Der Party-Tag auf der Bürgerweide

US-Amerikaner gedenken Mondlandung vor 50 Jahren

US-Amerikaner gedenken Mondlandung vor 50 Jahren

Großbritannien droht dem Iran in Tankerkrise

Großbritannien droht dem Iran in Tankerkrise

Fotostrecke: Enttäuschung gegen Osnabrück, Jubel gegen Köln

Fotostrecke: Enttäuschung gegen Osnabrück, Jubel gegen Köln

Meistgelesene Artikel

A1 nach Unfall bei Oyten zeitweise gesperrt: Spezialfirma im Einsatz

A1 nach Unfall bei Oyten zeitweise gesperrt: Spezialfirma im Einsatz

Frau kracht in Auto ihres Partners - dann geht im Supermarkt das Licht aus

Frau kracht in Auto ihres Partners - dann geht im Supermarkt das Licht aus

Projekt zum Schutz der Bodenbrüter: Fallen in Heins schnappen zu

Projekt zum Schutz der Bodenbrüter: Fallen in Heins schnappen zu

Pferde-Krematorium: Gewerbeaufsicht erteilt Genehmigung für Betrieb

Pferde-Krematorium: Gewerbeaufsicht erteilt Genehmigung für Betrieb

Kommentare