Ottersberger Kirchengemeinde fertigt gemeinsam biblische Erzählfiguren

Visuelles Geschichtenerzählen mal anders

Gemeinsam mit Ehrenamtlichen stellt Pastorin Wiebke Ridderskamp (rechts) die Erzählfiguren selbst her. Foto: Kjara von Staden

Ottersberg - Von Kjara Von Staden. Brutal geht es am Wochenende im Ottersberger Gemeindehaus zu, mit Josef wird rigoros kurzer Prozess gemacht: Erst sticht man ihm mit einer Schere in den Hinterkopf und dann bekommt er schwungvoll eine Plastiktüte über den Kopf gesteckt. Und das alles nur, damit die Haare später schön liegen. 14 Mitglieder der Kirchengemeinde inklusive Pastorin Wiebke Ridderskamp schauen diesem Prozedere interessiert, schamlos und lachend zu. Natürlich wird hier nicht der echte Josef malträtiert, sondern eine sogenannte LEA-Figur, eine biblische Erzählfigur. Das Initialwort steht dabei für „lebendig, erzählen, ausdrücken“.

Erzählkraft wohnt den insgesamt 15 Figuren, die unter fachkundiger Aufsicht und Anleitung der ausgebildeten LEA-Figuren-Herstellerin Maria Böckmann gefertigt werden, in jedem Fall inne. „Wir leben heutzutage in einer visuell geprägten Gesellschaft“, sagt Ridderskamp, „aber vielen Andachten fehlt eine gewisse Bildhaftigkeit der Geschichten. Die LEA-Figuren können durch ihre Gestik und Körperhaltung die Aussagen der Geschichte unterstützen.“

Schon seit dem Beginn ihrer Amtszeit in der Ottersberger Kirche wünscht sich die Pastorin eine Krippe für die Christophorus-Gemeinde, mit der sie biblische Erzählungen illustrieren kann. Die LEA-Figuren hat sie schon öfters in anderen Kirchen gesehen, aber noch nie damit gearbeitet. Nachdem Ridderskamp den Einsatz dieser Figuren dem Kirchenvorstand vorgeschlagen hatte, kam schnell die Idee auf, diese selbst herzustellen. Doch ganz ohne Hilfe geht das natürlich nicht. Mit der finanziellen Unterstützung des Kirchenfördervereins engagierte Ridderskamp die Cloppenburgerin Maria Böckmann, die seit 2017 das Anfertigen der LEA-Figuren unterrichtet und begleitet.

Tatsächlich erfordert Geduld, Fingerfertigkeit und ein bisschen Zeit. „Man kann die LEA-Figuren nur mit Hilfe einer Kursleiterin wie mir herstellen, so kompliziert ist der Prozess“, erklärt Böckmann. Die 20 bis 30 Zentimeter großen Figuren erhalten Schritt für Schritt Biegsamkeit, Stabilität und Individualität. Die Körper werden akribisch mit unterschiedlich farbigem Veloursstoff überzogen, die Gesichter bekommen mit Fimo-Masse eine individuelle Form, Bäuche werden mit Füllwatte dünn oder dick gestaltet. Bärte, Haare und Kleidung komplettieren den Look. Die Figuren bleiben allerdings gesichtslos, damit mehr Interpretationsspielraum bleibt. „Ich habe eigentlich gedacht, dass ich gut im Basteln bin, aber das ist schon knifflig hier: Ein Fehler und ich kann noch mal von vorne anfangen“, sagt Ridderskamp und lacht. Auch die anderen Ehrenamtlichen, die zum Teil aus dem Kirchenvorstand und dem Andachtskreis kommen, arbeiten mit konzentriertem Gesichtsausdruck an Josef, Maria, Jesus und Co. Der Leistungsdruck ist hoch, schließlich sollen die Figuren am Sonntagabend fertig sein, damit Ridderskamp sie im Gottesdienst vorstellen kann. „Die Motivation ist deshalb aber auch umso höher“, hebt Birgit Würz, Mitglied des Kirchenvorstands, hervor. „Wir sind ja bisher schon gerne in die Kirche gekommen, aber jetzt sogar noch lieber. Wo wir doch jedes Mal unsere Figuren bewundern können“, fügt sie stolz hinzu.

Mit den Figuren will Ridderskamp zunächst Geschichten von Menschen erzählen, die eine Krise durchlebt haben und sich deshalb auf den Weg machen: Eliah in der Wüste, Jakob und die Himmelsleiter. „Aber ich möchte die Figuren auch für viele andere Geschichten verwenden“, betont sie. „Das Besondere an ihnen ist nämlich, dass sie zwar statisch, aber biegsam sind. Ich kann ihre Armhaltung so verändern, dass ich mit einer Figur gleich mehrere Situationen nachstellen kann.“ Diese Beweglichkeit will Ridderskamp sich auch in Kindergottesdiensten zunutze machen: Sie kann die Kinder in die Geschichte integrieren, indem sie sie fragt, ob die Gestik und die Körperhaltung zu der Gefühlswelt der Figuren passt. Somit fördert sie auch die Kreativität der Kinder und deren Verständnis für das Geschichtenerzählen.

Von der Arbeit mit den LEA-Figuren erhofft sich die Pastorin ein tieferes Abtauchen der Zuhörer in die biblischen Geschichten. In jedem Fall knüpft Ridderskamp damit an den Trend der heutigen Gesellschaft an, Geschichten vermehrt mit Bildern zu erzählen. In der Zeit von Instagram, Netflix und Co. eine überaus zeitgemäße und wirkungsvolle Idee.

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