„Raus aus den starren Typen“

Sozialministerin Rundt diskutiert auf Parzival-Hof das Teilhabegesetz

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Die Niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt (2.v.li.) besuchte mit SPD-Landtagskandidat Jürgen Kuck (3.v.li.) den Parzival-Hof und bestaunte in der Weberei das Können der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre farbenfrohen Erzeugnisse.

Quelkhorn - Als das neue Bundesteilhabegesetz voriges Jahr in die Beratung ging und die Belange von Menschen mit geistiger Behinderung neben denen der Körperbehinderten zunächst mal komplett vergessen wurden, „konnte man sich ja nirgends mehr sehen lassen“, seufzt Cornelia Rundt noch heute beschämt. Das hat sich bis zur Verabschiedung des Gesetzes geändert.

Gut für die Betroffenen. Und gut auch für die Niedersächsische Sozialministerin, die sich wieder „sehen lassen“ kann. Und muss – schließlich ist gerade Landtagswahlkampf.

Informationsaustausch statt Wahlkampf

Am Montag besuchte Ministerin Rundt auf Initiative des hiesigen SPD-Landtagskandidaten Jürgen Kuck den Parzival-Hof der Stiftung Leben und Arbeiten am Quelkhorner Mühlenberg. Hauptgesprächsthema: die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes auf Landesebene.

Von Wahlkampf mit Getöse und markigen Worten hatte der Besuch gar nichts, dafür viel von gegenseitiger Information und sachlichem Austausch in kleiner Runde.

Stefan Bachmann, Heimleiter des Parzival-Hofs als Lebens- und Arbeitsort für fast 70 Menschen mit geistiger Behinderung, und Karsten Kahlert vom Vorstand der Stiftung Leben und Arbeiten führten die Gäste exemplarisch durch eine Werkstatt und ein Wohnhaus der Einrichtung. In der Handweberei ließ sich die Ministerin von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Webstuhl die Feinheiten ihrer Handwerkskunst erklären, in dem frisch und farbenfroh erweiterten Bauernhaus die Details des barrierefreien Ausbaus.

Bundesteilhabegesetz soll mehr Flexibilität bringen

Und dann hat der Parzival-Hof noch etwas Besonderes, „das uns umtreibt“, so Bachmann. Nämlich das im (Um-) Bau befindliche Haus für Menschen mit Doppeldiagnosen – für Menschen mit geistiger Behinderung und einer psychischen Erkrankung. Um stationäre Aufenthalte in der Psychiatrie zu verringern oder zu vermeiden, wird in der kleinen Wohngruppeneinheit mit fünf Plätzen im künftigen Avalon-Haus Raum und Rahmen geschaffen für Stabilisierung und Mobilisierung der Betroffenen. Der gewählte Hausname Avalon geht auf die Insel der Gesundung und Lebenshinwendung aus der Artus-Sage zurück und verweist auf das Ziel, geistig behinderten und psychisch erkrankten Menschen Brücken zurück ins (Arbeits-)Leben zu bauen. Diesen Menschen gerecht zu werden und gleichzeitig unter dem wirtschaftlichen Aspekt behördlich geforderte Heim- und Werkstattvorgaben zu erfüllen – „wie kriegt man das dargestellt?“, fragte Bachmann die Ministerin und gab ihr mit auf den Weg: „Da wünsche ich mir vom Landessozialamt mehr Gesprächsbereitschaft, mehr die Einstellung: Wie können wir's lösen? und nicht: Wie können wir's gemäß Leistungskatalog verhindern?“. Als jemand, der „was für diese Menschen machen will“, fühle man sich gegenüber dem Landesamt wie jemand, der mit Tempo 50 gegen die Wand fahre, so Bachmann.

Sozialministerin Rundt und SPD-Kollege Kuck erhoffen sich da einen erheblichen Zugewinn von Flexibilität durch die Umsetzung des neuen Bundesteilhabegesetzes. Da „sind wir raus aus den starren Leistungstypen“, so Rundt. Mit den künftig personenzentrierten Leistungen statt Einrichtungszentrierung „haben wir ganz andere Möglichkeiten.“ Es gehe jetzt darum, einheitliche Standards auf Landesebene zu setzen und die Ausgaben von zwei Milliarden Euro jährlich für Menschen mit Behinderung „auf neue Füße zu stellen“.

Podiumsdiskussion zur Landtagswahl

Am Mittwoch, 04.10., veranstaltet die Stiftung Leben und Arbeiten übrigens einen Infoabend mit Podiumsdiskussion in einfacher Sprache zur Landtagswahl, die in Niedersachsen am 15. Oktober ansteht. Menschen mit und ohne Behinderung sind dazu heute von 19 bis 21 Uhr ins Quelkhorner „Bergwerk“ eingeladen. Auf dem Podium sitzen die Direktkandidaten für den Wahlkreis 60 MdL Axel Miesner (CDU), Jürgen Kuck (SPD), Torsten Staffeldt (FDP), MdB Herbert Behrens (Die Linke) und Benjamin Meyer (Bündnis 90/Die Grünen). 

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