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Platz vor Gemeindebücherei Ottersberg trägt Namen von Widerstandskämpfer August Siegesmund

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Von: Lisa Duncan

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Friedrich Bartels (li.) beobachtet den Moment, als Enkel Helmut Siegesmund und Bürgermeister Tim Willy Weber (v.l.) das Schild enthüllen, das den Vorplatz der Bücherei als August-Siegesmund-Platz kennzeichnet.
Friedrich Bartels (li.) beobachtet den Moment, als Enkel Helmut Siegesmund und Bürgermeister Tim Willy Weber (v.l.) das Schild enthüllen, das den Vorplatz der Bücherei als August-Siegesmund-Platz kennzeichnet. © Duncan

Ottersberg – Lange war die Nazizeit ein dunkler Fleck für Lokalhistoriker: Über die Jahre zwischen 1933 bis 1945 war wenig dokumentiert. Um dieses Manko aufzuarbeiten, waren intensive Recherchen notwendig. Das zeigt nicht nur das Beispiel der 1943 in Plötzensee hingerichteten Fischerhuder Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek. Auch der Ottersberger Sozialdemokrat und Kommunalpolitiker August Siegesmund leistete Widerstand. Seit Freitag trägt der Platz vor der Gemeindebücherei mitten im Ortskern seinen Namen.

„Wir sind stolz auf ihn. Obwohl er weder wichtige Ämter noch Macht hatte, war er ein Beispiel für Menschlichkeit“, sagte Fritz Bartels, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt des Ottersberger Kulturvereins im Rektorhaus, bei der feierlichen Einweihung.

Dass der lebendige Platz in der Ortsmitte, wo freitags Wochenmarkt ist, nun August-Siegesmund-Platz heißt, geht auf Friedrich Bartels’ Initiative zurück. Er hatte dies im Ortsrat beantragt, nachdem die Geschichtswerkstatt vor zwei Jahren Siegesmunds Wirken in einem ihrer Hefte aufgegriffen hatte. Bei der Recherche erhielten die Ehrenamtlichen laut Bartels Unterstützung von dem Verdener Historiker Dr. Joachim Woock. Zur Enthüllung des Straßenschilds kam auch August Siegesmunds Enkel Helmut Siegesmund.

„Eine bittere und traurige Zeit“ nannte Bürgermeister Tim Willy Weber die Nazi-Herrschaft. Wer mit der Regierung nicht einverstanden war, hatte wenig Optionen. „Manche reagierten mit Anpassung oder innerer Migration, aber es gab auch Mutige“, so der Bürgermeister. Nicht nur die Tätergeschichten, auch der Widerstand sei in der Geschichtsschreibung verdrängt worden. Dass es sie doch gab, zeige die Geschichte von August Siegesmund: „Er war ein Mensch, der den aufrechten Gang geübt hat.“

Die SPD-Fraktions- und Ortsvereinsvorsitzende Gabriele Könnecke dankte der Geschichtswerkstatt für ihr Engagement. Wenn sie an ihre Schulzeit zurückdenke, erinnere sie sich deutlich an den Sozialdemokraten Otto Wels und seine Reichstagsrede gegen das Naitonalistische Ermächtigungsgesetz 1933. „Vielleicht haben wir hier einen Otto Wels von Ottersberg?“

Friedrich Bartels warf die Frage auf, warum man an einen vor 72 Jahren verstorbenen Ottersberger erinnern solle. „Grabe, wo du stehst“, laute seit Langem das Motto der Ottersberger Geschichtswerkstatt. Denn wie solle man sich die Vergangenheit sonst vorstellen, bevor sie für immer verschwunden ist?

Als die Lokalhistoriker für ihre Chronik Informationen über Ottersberg in den letzten 200 Jahren zusammentrugen, sollte den 1930er-Jahre eine besondere Rolle zukommen. Man sei mitgelaufen – „richtige Nazis gab es hier nicht“, habe es von „Hiesigen“ geheißen. Die habe es natürlich doch gegeben – auch in Ottersberg. In Siegesmund stießen die Mitglieder der Geschichtswerkstatt auf ein wichtiges Gegenbeispiel.

„Ottersberger Kämpfer gegen den Faschismus“ und die Jahreszahlen 1882-1950 sind auf dem Schild zu lesen.
„Ottersberger Kämpfer gegen den Faschismus“ und die Jahreszahlen 1882-1950 sind auf dem Schild zu lesen. © -

August Siegesmund, der Schiffszimmermann von Beruf war, wurde 1882 im heutigen Wilhelmshaven geboren. Gewohnt hatte er bis zu seinem Tod an der Großen Straße 185, die damals im Sinne der Nazi-Ideologie „Adolf-Hitler-Straße“ hieß. 1928 ging er für die SPD in den Gemeinderat. Er kritisierte, dass die Fahnenmasten auf dem Platz im Ortskern schwarz-weiß-rot, und nicht, wie seit 1919 üblich Schwarz-Rot-Gold gestrichen waren. 1933 wurde er erneut in den Rat gewählt – und bei Sitzungen waren hinter ihm ein Polizist und ein SA-Führer postiert, „um Druck auf ihn auszuüben“. Kinder rannten im Dorf hinter ihm her und bedrängten ihn mit „Heil-Hitler“-Rufen, was er stoisch ertrug.

Im Juli 1945 verfasste er für die Zeitschrift „Der Aufbau“ einen Artikel über vom Nazi-Regime ermordete Zivilisten. Er nahm Anteil am Schicksal zweier Deserteure, die nur zwei Tage vor Kriegsende erschossen wurden. So schrieb er „auf einfühlende Weise“ Briefe an die Angehörigen und beantragte die Umbettung der getöteten Kriegsverweigerer auf einen Friedhof in Ottersberg.

Zu Lebzeiten erhielt er kaum Anerkennung für diese Taten: Sowohl seine Kandidatur für den Kreistag als auch für das Bürgermeisteramt scheiterten. Vor seinem Tod erhielt er zwar das Bundesverdienstkreuz, aber er wurde Bartels zufolge weiter von Halbstarken verhöhnt, die auch sein Haus beschmierten. „Die Geschichtswerkstatt will sein ehrenvolles Andenken erhalten. Wir wollen nicht nur das Gedächtnis, sondern auch das gute Gewissen bewahren“, schloss Bartels.

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