Otterstedter Ehepaar entgeht Betrugsmasche am Telefon nur knapp

Bei Anruf Schock

Ältere Frau am Telefon
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Ältere Menschen sind bevorzugte Opfer von skrupellosen Betrügern am Telefon. Fünf Schockanrufe wurden zuletzt bei der Ottersberger Polizei angezeigt. In keinem der Fälle kamen die Täter zum Erfolg – der Schreck aber sitzt tief.

Otterstedt – Um die Mittagszeit klingelte am Dienstag voriger Woche bei Freses in Otterstedt das Telefon. Am anderen Ende eine hysterisch verzerrte Frauenstimme: „Mama, Mama...“, schluchzte die scheinbar verzweifelte Anruferin in den Hörer. „Lena, bist du das?“, rief Renate Frese erschrocken ins Telefon. „Ja, ja...“, kam es zittrig zurück. Geschockt drückte die 65-Jährige ihrem Mann den Hörer in die Hand. Was folgte, waren die schlimmsten 25 Minuten seines Lebens, sagt Heino Frese (65), immer noch mitgenommen.

Ein angeblicher Staatsanwalt hatte den Hörer von der angeblichen Tochter übernommen, gaukelte Frese detailreich eine dramatische Lage vor und wollte ihn zur Übergabe von 27 000 Euro Kaution für seine Tochter bewegen. „Das war schlimm. Man glaubt in dem Moment erstmal alles“, wundert sich der Otterstedter im Nachhinein über sich selbst. Am Ende wurde Frese jedoch stutzig und entging um ein Haar dem Versuch der betrügerischen Geldabzocke durch einen sogenannten Schockanruf, der auf mieseste Art mit der Angst der Opfer spielt.

Bei Freses wendeten die kriminellen Schockanrufer folgende Masche an: Die Tochter habe bei einem Verkehrsunfall in Quelkhorn den Tod einer 28-jährigen Radfahrerin und Familienmutter verschuldet, erklärte der angebliche Staatsanwalt dem Vater. Wenn er 27 000 Euro in bar als Kaution zum Gericht nach Achim bringe, dürfe die Tochter nach Hause – ansonsten käme sie in Untersuchungshaft.

Das ließ Heino Frese das erste Mal kurz stutzen: „Da ging in meinem Kopf eine kleine rote Lampe an.“ Aber die vom Anrufer beabsichtigte Schockwirkung war stärker. „Natürlich weiß ich, dass man in Deutschland nach so einem Verkehrsunfall nicht in U-Haft kommt...“ – doch die Angst um die Tochter blendete die Vernunft aus: „Kein Problem, mach’ ich“, sagte Frese die Geldübergabe zu. Dann legte der Anrufer nochmal nach: Wenn er gleich 85 000 Euro im Geldkoffer mitbringe, würde keine Anklage gegen seine Tochter erhoben und die Sache wäre vom Tisch. „Ich soll meine Tochter freikaufen?“ – in dem Moment lockerte sich die Schockstarre und Frese dämmerte langsam, „dass das alles völliger Quatsch ist: Eine Straftat wird bei uns doch nicht gegen Geld unter den Teppich gekehrt“.

Je länger das Telefonat dauerte, umso misstrauischer wurde der Otterstedter – und ließ sich schließlich nicht länger unter Druck setzen. Als er dem Anrufer erklärte, das sei ihm alles zu suspekt und er würde jetzt erstmal mit seinem Anwalt und der Versicherung sprechen, legte der Betrüger auf. Als Frese versuchte, die Nummer – laut Telefondisplay mit Ottersberger Vorwahl – zurückzurufen, wurde sie ihm als „nicht bekannt“ angesagt. Während er die Polizei informierte, rief seine Frau bei der Tochter an: „Sie saß fröhlich in ihrem Homeoffice am Computer.“ Später schaute sie bei ihren Eltern vorbei, und „wir waren einfach nur glücklich, dass wir sie in den Arm nehmen konnten“, sagt Frese.

Aber der Schock der 25 Minuten am Telefon und das Entsetzen, beinahe Opfer skrupelloser Verbrecher geworden zu sein, „stecken einem noch tagelang in den Knochen“. Im Nachhinein wisse er, was alles komisch gewesen sei an dem Anruf, „aber in dem Moment klang alles so plausibel“, schildert Heino Frese. Unter dem erzeugten Druck sei in seinem Kopf ein Albtraum angelaufen: „Das Leben, das wir bis jetzt hatten, war in meiner Vorstellung auf einen Schlag zu Ende.“ Dieses Erlebnis muss er erstmal verdauen. Und: „Ich hätte ja auch mit einem Herzinfarkt tot umfallen können – das wäre denen völlig egal gewesen.“

Auch die Annahme, auf solche Betrugsmaschen, von denen man sonst nur in der Zeitung über andere lese, würde man selbst niemals hereinfallen, musste Frese revidieren: „Diese Täter sind psychologisch so gut geschult...“.

Fünf Strafanzeigen nach Schockanrufen

Neben Heino Frese haben im gleichen Zeitraum vier weitere Opfer aus Otterstedt und Ottersberg einen Schockanruf dieser Art bei der Polizei angezeigt. In keinem der Fälle kam es zu einer Geldübergabe, weil die Angerufenen den Tätern nicht in die Falle gingen. Das berichtet Imke Burhop, Pressesprecherin der Polizeiinspektion Verden/Osterholz, auf Nachfrage. In den gemeldeten Fällen habe die Polizei Strafanzeigen wegen des Versuchs einer Straftat gefertigt. Vermutlich haben die Täter noch weitere Nummern aus dem Ottersberger Telefonbuch angerufen. Die Ermittlungsansätze der Polizei sind Burhop zufolge sehr begrenzt – vor allem, weil die Täter unter technisch manipulierten, vorgetäuschten Nummern anrufen. Im Fall eines Schockanrufs rät die Polizei, trotz des emotional erzeugten riesigen Drucks möglichst schnell aufzulegen und die Beamten zu informieren. „Polizei oder Staatsanwaltschaft würden niemals am Telefon dazu auffordern, Geld oder Wertgegenstände zu überbringen oder zu hinterlegen“, betont Burhop.

Von Petra Holthusen

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