Ottersberger Geschichtsheft No. 4 ist fast druckfertig / Autorin Ute Fetkenhauer sucht noch Fotos von der „Rattenburg“

Wie der Bahnhof einen neuen Ortsteil schuf

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Ute Fetkenhauer sichtet für das nächste Geschichtsheft historische Fotos aus „ihrem“ Ortsteil Bahnhof.

Ottersberg - Von Petra Holthusen. Der Zug sollte nicht an Ottersberg vorbeifahren: Als 1868 der Bau der Eisenbahnlinie von Hamburg nach Bremen startete, beantragten weitsichtige Gemeindeväter sogleich einen Haltepunkt im Wümmeort. Mit Erfolg. Im Ortskern allerdings war die Station nicht erwünscht: „Ein Bahnhof zieht auch allerlei Gesindel an“, naserümpften rechtschaffene Bürger. Also wurde der Bahnhof nicht am Wiestebruch, sondern zwei Kilometer abseits gebaut; dort, wo an der Straße nach Verden schon ein Hotel stand. Und so begründete der 1874 eröffnete Bahnhof einen neuen Ortsteil: Ottersberg-Bahnhof. Um 1900 gab’s hier 12 Häuser, 1945 schon 55 – und heute zählt der Ortsteil Bahnhof fast 2500 Einwohner.

Zusammengetragen hat die Geschichte des Ortsteils Autorin Ute Fetkenhauer (72), selbst ein „Kind vom Bahnhof“, seit ihre Familie 1944 in Bremen ausgebombt wurde und sie mit ihren Eltern in Ottersberg-Bahnhof zuzog, wie so viele andere Kriegsflüchtlinge auch. In verschiedenen Belangen sah und sieht sie ihren Ortsteil („Das ist meine Heimat hier“) stiefmütterlich behandelt – zuletzt in der Ottersberger Chronik, Teil II. Getreu ihrem Motto „Nicht meckern, sondern ändern“ trat Fetkenhauer der Geschichtswerkstatt im Ottersberger Kulturverein im Rektorhaus bei, und als dessen vierte Ausgabe der „Ottersberger Geschichtshefte“ den Bahnhof zum Thema haben sollte, war klar: „Ute, das kannst du ja machen!“

Vorigen Herbst begann sie mit der Planung, im Winter mit intensiven Recherchen, jetzt ist das Manuskript fertig. Zum Herbstmarkt Ende September wird das „Ottersberger Geschichtsheft No. 4“ erscheinen. Gefragt sind noch letzte alte Fotos aus dem Ortsteil – insbesondere von der sogenannten „Rattenburg“ am Wümmeweg 4. Wer etwas beisteuern kann, erreicht die Autorin unter Telefon 04205-7347.

Die bisher eingeplanten Fotos stammen aus den Archiven von Günther Wiggers und Karl-Heinz Dörl vom Kulturverein sowie aus dem Privatfundus von Ute Fetkenhauer selbst. Was den Titel des Geschichtshefts zieren wird, ist für die Autorin keine Frage: „Der Bahnhof! Ein schöneres Gebäude haben wir nicht!“

Und ein bedeutsameres auch nicht. Die Chancen, die der Bahnhof bot, erkannte als erster Hermann Heinrich Thies (1883-1939). Er baute Häuser am Bahnhof, einen Tanzsaal und einen Schießstand am Hotel, einen Park, in dem sich mit dem Dampfzug anreisende Bremer verlustieren konnten – und ein Schweineverladezentrum.

Durch den Viehhandel boten sich gute Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten – weitere Zuzüge ließen nicht auf sich warten. Der Ortsteil Bahnhof entwickelte sich.

Teil II des Geschichtshefts ist wie immer einem bedeutenden Ottersberger gewidmet – diesmal dem Pionier am Bahnhof, Hermann Heinrich Thies.

Teil I behandelt die Kapitel: Entstehung der Eisenbahnlinie, der Ottersberger Bahnhof, Entwicklung des Ortsteils Bahnhof, die Moorsiedlung, Geschäfte und Vereine, die Schützengilde von 1911, Hochwasser und Kaufmann Reysen.

Als Quellen nutzte Ute Fetkenhauer Unterlagen aus dem Kreis- und aus dem Landesarchiv Stade, Aufzeichnungen und Chroniken wie die der Historiker Schwarzwälder und Schröder sowie Gespräche mit Zeitzeugen im Ort. „Und vieles habe ich auch selbst im Kopf“, sagt die Autorin.

Etwa die Hochwasserkatastrophe 1956, als nicht nur wie so oft an der Wümme Wiesen, Weiden und Äcker geflutet waren, sondern das Wasser in den Häusern stand. „Der Ortsbrandmeister fuhr mit dem Feuerwehrboot von Haus zu Haus und sammelte die Frauen zum Einkaufen ein“, erinnert sich Fetkenhauer.

Einige Gebäude in dem Ortsteil schrieben Geschichte: die Lemmermann’sche Mühle und Dampfsägerei, die Kohleanzünderfabrik, die Molkerei – „alles, was aus einem Wohngebiet einen Wirtschaftsstandort machte“ –, aber auch Uffelmanns Schweinestall gegenüber vom Bahnhof, wo die Nazis russische, polnische und französische Kriegsgefangene inhaftiert hatten.

„Auch die Einwohner schrieben Geschichte, weil sie mutig und entschlossen eine neue Heimat für sich geschaffen haben“, betont Ute Fetkenhauer. Der Zusammenhalt war groß, das gesellschaftliche Leben legendär. Die Tanzabende, für die man bei Schnackenbergs im Bahnhofshotel früh einen Tisch bestellen musste, wenn man dabei sein wollte, sind ihr gut im Gedächtnis. Ebenso die beliebte Antwort auf eine Standardfrage in den 50er Jahren: „Was machst du denn so heute Abend?“ – „Ich? Na, fernsehgucken – im Bahnhof.“

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