Zustand und Zukunft der Landwirtschaft

Ottersberg: Podiumsdebatte mit Bundestagskandidaten

Auf seinem Hof in Quelkhorn begrüßte Dirk Gieschen (links) vor beeindruckender Baumkulisse die an der Podiumsdiskussion Teilnehmenden. Von links: Moderator Cornelius Traupe von der Landwirte-Initiative „Land schafft Verbindung“, CDU-Bundestagsmitglied Andreas Mattfeldt, Moderator Stephan Warnken vom niedersächsischen Landvolk-Vorstand, Moderator Jörn Ehlers, Vorsitzender des Landvolk-Verbands Rotenburg/Verden, Grünen-Bundestagskandidatin Lena Gumnior, Linke-Kandidat Mizgin Ciftci, FDP-Bundestagsmitglied Gero Hocker und SPD-Kandidat Michael Harjes.
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Auf seinem Hof in Quelkhorn begrüßte Dirk Gieschen vor beeindruckender Baumkulisse die an der Podiumsdiskussion Teilnehmenden. Von links: Moderator Cornelius Traupe von der Landwirte-Initiative „Land schafft Verbindung“, CDU-Bundestagsmitglied Andreas Mattfeldt, Moderator Stephan Warnken vom niedersächsischen Landvolk-Vorstand, Moderator Jörn Ehlers, Vorsitzender des Landvolk-Verbands Rotenburg/Verden, Grünen-Bundestagskandidatin Lena Gumnior, Linke-Kandidat Mizgin Ciftci, FDP-Bundestagsmitglied Gero Hocker und SPD-Kandidat Michael Harjes.

Quelkhorn – Bei 100 Prozent lag der Grad landwirtschaftlicher Selbstversorgung in Deutschland 1990 und nahm seitdem um zehn Prozent ab. Erfreulicher: Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung sank seit 2001 um rund 50 Prozent. Um 50 000 Hektar wuchsen dagegen die Waldflächen in den vergangenen zehn Jahren. Und an den CO2-Emissionen ist die Landwirtschaft mit etwa acht Prozent beteiligt.

So lauteten richtige Antworten auf Fragen eines kleinen Quiz, das Cornelius Traupe von der Landwirte-Initiative „Land schafft Verbindung“ (LsV) zum Auftakt der politischen Podiumsrunde über die aktuelle Lage und Zukunft der Landwirtschaft auf dem Quelkhorner Hof Gie-schen mit Bundestagskandidaten und der einen Kandidatin veranstaltete.

Manche hatten sich mehr, andere weniger verschätzt, und die Zahlen sind angesichts der Berichterstattung in vielen Medien auch überraschend. Viel zu häufig kämen Landwirte dort als Tierquäler, Wasser- und Luftverschmutzer vor, kritisierte der FDP-Bundestagsabgeordnete Gero Hocker aus Achim. Es gebe eine zunehmende Kluft zwischen bestimmten „städtischen Milieus“ mit geringen Einblicken in tatsächliche landwirtschaftliche Produktion und den Menschen in ländlichen Gebieten selbst. Das erschwere den nötigen Dialog.

„Gute Landwirtschaftspolitik geht nur im Dialog“, gab Grünen-Bundestagskandidatin Lena Gumnior im letzteren Punkt Hocker ausnahmsweise recht. Natur- und Klimaschutz seien eine große gesellschaftliche Aufgabe, die eben nur gemeinsam bewältigt werden könne. Wenn die immensen Umgestaltungen Einschränkungen für die Landwirtschaft erforderten, müsse dies möglichst finanziell entsprechend ausgeglichen werden.

Konkret verdeutlichte SPD-Bundestagskandidat Michael Harjes aus Ritterhude das Dilemma. Das Wiedervernässen von Mooren etwa im riesigen Teufelsmoorgebiet sei umweltpolitisch absolut geboten, weil dadurch große Mengen von CO2 gebunden würden. Auf der anderen Seite fielen damit wertvolle Flächen für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung weg. Sie waren vor rund 270 Jahren extra zu diesem Zweck mühevoll kultiviert worden. Bisher fehle weitgehend der Dialog über das Handhaben der Renaturierungen, und natürlich müsse rechtzeitig vorher über Ausgleichsgelder entschieden werden. Harjes wies generell auf die große gesellschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft auch für die dörfliche Gemeinschaft hin.

Die Open-Air-Veranstaltung hatte zahlreiche Interessierte aus dem Ort und der weiteren Umgebung angelockt. Im Hintergrund der große Traktor für die Fluthilfe-Aktion, in der sich zurzeit viele Landwirte engagieren. Der nächste Hilfstransport nach Ahrweiler startet demnächst.

„Demnächst werden wir acht Milliarden Menschen auf dieser Erde ernähren müssen“, mahnte der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt aus Langwedel. Schon aus diesem Grund sei ein weiterhin hoher Selbstversorgungsgrad zu sichern. Er wies auf jüngste Berichte über Engpässe bei Lebensmitteln in Großbritannien hin, weil unter anderem internationale Lieferketten unterbrochen sind. Es werde nicht einfach, den hohen Standard der Versorgung in der Bundesrepublik zu sichern.

Den Landwirten riet Mattfeldt, sich beim Kampf um wirtschaftliche Existenzsicherung nicht auseinanderdividieren zu lassen und „mit einer Zunge zu sprechen“.

Als Hauptursache des Verfalls der Erzeugerpreise sah Linken-Kandidat Mizgin Ciftci die marktbeherrschende Stellung der vier großen hiesigen Nahrungsmittelkonzerne, die 80 Prozent des gesamten Lebensmittelhandels in der Hand hätten. Deren Macht müsse durch ein neues Kartellrecht beschränkt werden. Und obwohl die Branche zu den Gewinnern der Corona-Krise gehöre, würden bei Lidl und Aldi immer noch nicht Tariflöhne bezahlt – „wussten Sie das?“

Unerwartet stimmte sogar Mattfeldt zu, der noch einen kleinen Fleischereibetrieb führt. „Mit Lidl oder Aldi zu verhandeln, ist kein Spaß“, stellte er fest. Um angemessene Preise für die Erzeuger zu sichern, gehe es wahrscheinlich nicht ohne klare Begrenzungen für die Konzerne.

Auflagen zur Tierhaltung – nach Mattfeldts Meinung eine „große Erfolgsstory“ – und abgestufte Tierwohl-Labels für Produkte waren weitere Diskussionsthemen. Obwohl sich die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher ökologisch wertvolle Lebensmittel wünschen, seien die in der Spitzenstufe zu teuer für viele und fänden so kaum Abnehmer, wurde kritisiert. Auf der anderen Seite dürften Verbraucher aber auch nicht erwarten, einen Mercedes zum Dacia-Preis zu erhalten, so Gero Hocker.

Einheitliche Mindest-Standards auf EU-Ebene bei der Tierhaltung und in weiteren Bereichen sprach der Kreis-Landvolk-Vorsitzende Jan Ehlers noch an, damit es beim Wirtschaften gleiche Voraussetzungen für alle gebe. Das stieß auf allgemeine Zustimmung. Ebenso unumstritten war, dass Landwirte von dem was sie erzeugen, ohne Existenzängste leben können müssen, so Lena Gumnior von den Grünen. Ob das eher durch Ausgleichszahlungen oder aber durch bessere Rahmenbedingungen für selbstständiges Wirtschaften ermöglicht wird, war aber umstritten.

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