Wie Ottersberg vor 70 Jahren das Kriegsende und die Befreiung vom Nationalsozialismus erlebt / Wümmebrücke gesprengt

Am 28. April 1945 rollen britische Panzer ein

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In seinem Bemühen, die Sprengung der ersten Wümmebrücke durch die Wehrmacht zu verhindern, wäre Heinrich von Bargen in den letzten Kriegstagen fast erfolgreich gewesen. Doch dann erfolgte die Detonation doch noch am 24. April 1945. Von Bargens Geschäftshaus, heute das Seniorenheim ProSenium, wurde stark in Mitleidenschaft gezogen.

Ottersberg - Am 28. April 1945 ging für Ottersberg der Zweite Weltkrieg zu Ende, als britische Panzer in den Ort rollten. Wie Ottersberg das Kriegsende und die Befreiung vom Nationalsozialismus erlebte, hat Friedrich Bartels von der Geschichtswerkstatt des Kulturvereins im Rektorhaus aus Anlass des 70. Jahrestages recherchiert.

„Seit der bewegenden Rede des jüngst verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 darf man aussprechen, was bis dahin vielen Menschen in unserem Land eine Ungeheuerlichkeit war: Das Kriegsende, der Einmarsch der alliierten Truppen war für uns Deutsche eine Befreiung. Das kann man mit Fug und Recht auch über den 28. April 1945 für Ottersberg sagen, als britische Panzer aus Richtung Sottrum über die Große Straße rollten, die damals Adolf-Hitler-Straße hieß“, berichtet Friedrich Bartels.

Endlich hörte der schwere Beschuss auf, dem der Flecken tagelang ausgesetzt gewesen war. Sattlermeister Heinrich von Bargen war es nicht gelungen, die Sprengung der Wümmebrücke durch Wehrmachtspioniere bei seinem Haus, dem heutigen ProSenium, zu verhindern. So waren am Ende zahlreiche Gebäude zerstört worden; vor allem aber mussten die Ottersberger zwölf Tote aus der Zivilbevölkerung beerdigen. „Diese Tage sind seit Kriegsende mehrfach geschildert und von den Zeitzeugen oft beklagt worden. Dabei dürfen wir niemals vergessen, dass Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg begonnen und teilweise in bestialischer Weise geführt hat“, erinnert Bartels.

Auch in Ottersberg war seit Anfang April fast allen Menschen klar, dass der Krieg verloren war. Hauptlehrer Gustav Wrede beendete den Schulunterricht, um die Kinder in dieser angespannten Atmosphäre nicht weiter zu belasten und die Räumlichkeiten für die geschundenen Wehrmachtssoldaten bereit zu halten. „In zerlumpten Uniformen, mit verstörtem Gesicht, so schlängeln sich die Soldaten durch die Straßen... Was da an Geschützen, Panzern und Spähwagen durch unseren Ort zieht, ist mehr als kläglich“, so beschrieb Wrede die Lage in der Schulchronik.

Und doch gab es Ottersberger, die in ihrer Verblendung noch immer an einen „Endsieg“ glaubten. So legt es eine Begebenheit aus den letzten Kriegstagen nahe, die laut Bartels noch heute unter Zeitzeugen kursiert: Der letzte Ortskommandant hatte in der heutigen Großen Straße zwei Panzersperren errichten lassen, obwohl klar war, dass die Briten sich den Weg mit ihren Panzerkanonen frei schießen würden, sollten sie auf irgendwelche Hindernisse treffen. Zwei Hauseigentümer in unmittelbarer Nähe des Hindernisses fürchteten um ihre Gebäude und begannen, die Panzersperre abzubauen. Ein besonders fanatischer Volksgenosse versuchte, sie bei dieser Arbeit zu behindern, und wandte sich an die Dienststelle der Polizei, welche die Festnahme der Hausbesitzer veranlasste. Beide wurden vorläufig in einem Keller am Alten Weg eingesperrt. Der Sohn eines der Inhaftierten erfuhr schließlich bei den letzten verbliebenen Wehrmachtsoffizieren in Kampe, dass sein Vater und der Mitgefangene vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollten und dass ihnen die Todesstrafe drohe.

Dies wird keine Übertreibung gewesen sein, denn am Tag zuvor waren gerade zwei jugendliche Soldaten wegen Fahnenflucht von einem Schnellgericht verurteilt, in Eckstever erschossen und auf einer Wiese verscharrt worden.

Zu dem Verfahren gegen die beiden „Wehrkraftzersetzer“ kam es zum Glück nicht mehr, denn am frühen Morgen des 28. April 1945 rückten die ersten britischen Verbände von Stuckenborstel aus in Ottersberg ein. Zehn Tage vor der eigentlichen Kapitulation war der Krieg hier nun vorbei. „Was blieb, waren Gefallene, zivile Opfer, Soldaten, die in den nächsten Jahren an den Folgen ihrer schweren Verletzungen verstarben, und mehrere getötete Zwangsarbeiter“, schildert Bartels. Insgesamt 200 Tote hatte der Flecken zu betrauern.

Und was geht uns das heute an? Als Antwort zitiert Bartels nochmal Richard von Weizsäcker: „Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“

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