„Da ist nicht so ein Konkurrenzdenken“

Joni Nienaber aus Otterstedt berichtet von ihrem Freiwilligendienst in Kamerun

Sport und Spiel gehörte zu den Nachmittagsaktivitäten.

Ottersberg / Baham - Erst mal weg und in eine gänzlich unbekannte Welt eintauchen – das war Joni Nienabers Ziel nach dem Abitur. „Ich wollte aber nicht nur als Tourist reisen, sondern richtig in eine andere Kultur eintauchen“, sagt sie. Daher nahm die Otterstedterin schon früh Kontakt auf zur Hilfsorganisation „Freunde der Erziehungskunst“, die Freiwilligendienste, unter anderem in Senegal und Kamerun, organisiert und begleitet. Eine Wahl, die nach dem Abschluss an der Waldorfschule Ottersberg nahelag. Der Verein, der sich über Spenden aus Deutschland und den Niederlanden finanziert, übernimmt die Formalitäten und einen Teil der Kosten, allerdings erwartet er von seinen Bewerbern, dass sie selbst auch finanzielle Mittel einwerben.

Die 20-Jährige entschied sich für Kamerun, „weil mir die Einsatzstelle dort so gut gefallen hat“. Es handelte sich um eine Einrichtung für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in Baham, dem Hauptort des Bezirks Hauts-Plateaux im Westen Kameruns. Waisenkinder und Menschen mit Behinderung im Alter von sechs bis 33 Jahre leben und lernen dort zusammen. Ende August 2018 ging die Reise los.

Während ihres Freiwilligendienstes gehörte es zu Joni Nienabers Aufgaben, Alphabetisierungskurse zu geben. Vor Kurzem noch selbst Schülerin, unterrichtete sie nun eine sechsköpfige Gruppe im Alter von sechs bis 23 Jahren mit und ohne Behinderung. Und zwar auf Französisch, das in Kamerun Amtssprache ist. Darüber hinaus sprechen die Menschen dort noch viele andere Sprachen (etwa die des indigenen Volks der Bamileke) und Dialekte. „Drei der Schüler saßen im Rollstuhl, zwei hatten Sprachschwierigkeiten und einige konnten nicht lesen und schreiben.“ Daher bestand der Unterricht auch oft darin, gemeinsam zu basteln oder zu spielen. Auch außerhalb der schulischen Aktivitäten waren die Anforderungen breit gefächert, erzählt Nienaber. „Man sieht das aber nicht als Arbeit, sondern das war dort mein Alltag.“

„Der Abschied fiel mir unheimlich schwer“, sagt Joni Nienaber. Sieht man dieses Foto, lässt sich erahnen, warum.

Um sechs Uhr morgens begann für die junge Frau der Tag. Zunächst half sie einigen Kindern beim Waschen und Anziehen. Denn das Personal der Einrichtung war nur von 8 bis 16 Uhr anwesend – „einen Nachtdienst gab es nicht“. Wer nicht auf den Rollstuhl angewiesen war, schob die anderen zum Klassenzimmer. „Das war morgens immer wie ein Wettlauf, alle wollten mitmachen“, schildert Nienaber. Mit Barrierefreiheit war es aufgrund des schlechten Straßenzustands ansonsten nicht weit her. Nach dem Unterricht, der von Frühstücks- und Mittagspause unterbrochen war, stand am Nachmittag Musik und Sport auf dem Programm. Alternativ konnten sich die Kinder und Jugendlichen in Ateliers mit Wachs, Perlen oder Bast kreativ ausdrücken. Ab 18 Uhr boten Nienaber und ihr Kollege, ein Freiwilligendienstler aus Stuttgart, noch Hausaufgabenbetreuung an. Danach habe man oft noch zu einer gemeinsamen Mahlzeit in der Küche zusammengesessen.

Allgemein seien die Lebensverhältnisse in Kamerun sehr viel einfacher: „Mir ist klar geworden, wie sehr wir hier im Luxus leben“, sagt Joni Nienaber. Zum Beispiel Freizeitangebote, die in Deutschland gang und gäbe sind, wie ein Besuch im Schwimmbad, sind dort nicht vorhanden. Auch fließend Wasser gab es am Einsatzort nicht, was sich vor allem in der Dürrezeit bemerkbar machte. „Dann haben wir morgens zu zehnt 20-Liter-Kanister geholt. Wenn sich alle damit gewaschen hatten, damit gekocht und das Geschirr gespült worden war, war es in kürzester Zeit verbraucht.“ In der Regenzeit halfen Sammelkanister vor dem Haus. „Wenn ich jetzt hier Wasser nutze und sehe, wie das flöten geht, ist das ein komisches Gefühl“, sagt Nienaber.

Beeindruckend fand die Otterstedterin an dem westafrikanischen Land, wie solidarisch die Menschen miteinander umgehen. „Das ist nicht so ein Konkurrenzdenken.“ Taschengeld, das nicht alle zur Verfügung hatten, teilten die Kinder untereinander. „Wer laufen konnte, hat beim Wasserholen geholfen, dafür haben die Kinder im Rollstuhl ganz selbstverständlich den Boden gefegt oder das Geschirr gespült“, nennt Nienaber ein anderes Beispiel.

Am Ende ihres einjährigen Aufenthalts hatte Joni Nienaber anderthalb Monate, um das Land zu erkunden. Auch die Einrichtung hatte in dieser Zeit geschlossen. „Wir haben die Kinder dann zu Hause besucht. Die Menschen sind sehr gastfreundlich, man wird immer mit einem Haufen Essen empfangen.“ Die Schere zwischen Arm und Reich klaffe weit auseinander, eine Mittelschicht sei kaum vorhanden. „Die Menschen leben generell mehr von Tag zu Tag – anders als hier, wo die Leute sparen.“ Viele seien zum Teil Selbstversorger und pflegten ihren Gemüsegarten hinterm Haus Als persönlich bereichernde Erfahrung würde Joni Nienaber jedem Abiturienten ein Auslandsjahr empfehlen. „Man lernt unheimlich viel“, betont sie, merkt aber kritisch an: „Ein Jahr ist eigentlich zu wenig. Der Abschied von den Kindern, die sich dann auch auf eine neue Bezugsperson einstellen müssen, fiel mir unheimlich schwer.“ Bei der Berufswahl half der Freiwilligendienst ebenfalls: Joni Nienaber fängt im Herbst an, Deutsch und Französisch auf Lehramt in Göttingen zu studieren. Und sofern sie in den Semesterferien genug Geld und wenigstens einen Monat Zeit hat, möchte sie Kamerun gern wieder besuchen.

Erlebnisbericht über ein Jahr in Afrika

Nach einem Jahr Freiwilligendienst ist Joni Nienaber nun wieder zu Hause in Otterstedt. Am Sonntag, 1. September, wird sie im Dorfgemeinschaftshaus in Narthauen davon berichten und ihre Bilder zeigen. „Wir beginnen ab 15 Uhr, da wollen wir bei Kaffee und Kuchen ein bisschen Klönschnack halten und uns einstimmen auf Afrika, und um 16 Uhr beginnt Joni dann mit ihrem Bericht. Es ist sicherlich spannend und interessant, zu hören und zu sehen wie anders ihr Leben ein Jahr lang war“, schreibt die Dorfgemeinschaft Narthauen in einer Pressemitteilung.

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