Wie klimafreundlich ist Erdgas?

Ikeo-Themenabend: „Nicht besser als die verdammte Kohle“

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Energiegewinnung aus Erdgas ist alles andere als klimafreundlich, machten Heinrich Wessel (rechts) und Wolfgang Marschhausen (daneben) als Referenten beim Ikeo-Themenabend deutlich, den Erich von Hofe (stehend) moderierte.

Fischerhude - Von Petra Holthusen. „Erdgas ist keine Energieart, die auch nur ansatzweise geeignet wäre, die Rolle der Brückenenergie zu übernehmen.“ Mit diesem „Märchen“ wollte Wolfgang Marschhausen von der Bürgerinitiative „Langwedel gegen Gasbohren“ gründlich aufräumen beim Themenabend des Ottersberger Klimaschutz-Vereins Ikeo.

Der beschäftigte sich am Dienstag im Fischerhuder Haus Berkelmann mit der Frage „Ist Erdgas klimafreundlich?“. Das vor dem Hintergrund, dass Energieversorger und politisch Verantwortliche Erdgas im Vergleich zu Kohle und Öl als relativ sauberen Brennstoff propagieren, der als „Brückentechnologie“ auf dem Weg zum Ausstieg aus Atomenergie und Kohleverstromung unverzichtbar sei. „Unsinn“, sagte Referent Marschhausen, „Erdgas ist im Hinblick auf Klimaschädlichkeit nicht besser als die verdammte Kohle - im Gegenteil.“

Gut 30 Interessierte, darunter viele Aktive der Bürgerinitiative „NoMoorGas“ sowie auch Olaf Mager von der Kommunikationsabteilung der im Landkreis nach Erdgas bohrenden DEA, fanden sich zu der von Ikeo-Akteur Erich von Hofe moderierten Diskussionsrunde ein.

Als erster Referent des Abends vertrat Heinrich Wessel, pensionierter Berufsschullehrer und Bauingenieur aus Verden, die Auffassung, dass Erdgas für den Übergang noch gebraucht werde, langfristig aber von Wasserstoffnutzung abgelöst werden müsse. Erdgas sei Methan und damit Klimakiller; unverbrannt in die Luft entweichend wirke es schlimmer als CO2. Wasserstoff könnte heute schon mit Strom aus Windkraft hergestellt und zu zehn Prozent ohne weiteres dem Gas zugesetzt werden. 

Für eine Zumischung bis 100 Prozent könne aus Biogasanlagen herausgefiltertes CO2 zugesetzt werden. Das so hergestellte synthetische Gas könne bei ausgereifter Infrastruktur wie Erdgas zum Heizen und als Fahrzeugtreibstoff genutzt werden. „Die Technologie gibt es schon“, betonte Wessel, aber die am maximalen Profit ausgerichtete Wirtschaft habe kein Interesse an einer Wende zur Wasserstoffnutzung. Immerhin gebe es mit „Greenpeace Energy“ einen Energieversorger, der überschüssigen Windstrom in sauberen Wasserstoff umwandele, der als erneuerbares Gas ins Netz eingespeist und Klimabewussten zum Windgastarif verkauft werde.

Gasbohrgegner Marschhausen sagte: „Dass die heimische Erdgasförderung für unsere Energiesicherheit notwendig ist, ist ein Märchen“ - der Anteil von in Deutschland gefördertem Erdgas am Energieverbrauch hier betrage nur 1,7 Prozent.

„Das ist locker durch erneuerbare Energien zu ersetzen - man will nur nicht“, so Marschhausen. Es gebe viele gute Gründe, die Erdgasförderung einzustellen - neben Erdbeben, Lagerstättenwasserproblematik und gesundheitlichen Bedrohungen eben auch die klimatischen. Richtig sei, dass bei der Verbrennung von Erdgas weniger CO2-Emissionen entstünden als bei anderen fossilen Energien - „aber das ist nur die halbe Wahrheit“: Betrachte man die lange Prozesskette von der Förderung über die Aufbereitung, Verflüssigung, Lagerung bis zum Transport zum Empfänger, werde an allen Stationen Methan freigesetzt - laut einer US-Studie allein vier bis zwölf Prozent an den Bohrstellen. 

Diese Methan-Emissionen einbeziehend, habe Erdgas einen größeren Treibhaus-Fußabdruck als Kohle oder Öl: „Methan ist ein Klimakiller ersten Grades und wirkt auf 20 Jahre gesehen 86-fach schädlicher als CO2.“ Die Hochrechnung auf 100 Jahre könne außer Acht gelassen werden: „So viel Zeit haben wir nicht mehr, dann sitzen wir hier auf der Erde in der Hölle.“ Die einzige Lösung liege darin, so Marschhausen, „dass endlich mit aller Kraft den erneuerbaren Energien Vorfahrt gewährt wird, um kurzfristig den kompletten Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energien zu ermöglichen“. Leider fehle der Politik dazu der Wille.

Dezentrale lokale Lösungen für eine klimafreundliche Energieversorgung zu finden, sei eine gesellschaftliche Aufgabe - aber auch die jedes Einzelnen, hieß es aus Reihen der Zuhörer: „Jeder von uns kann seinen ökologischen Fußabdruck verbessern.“ An vielen Stellen werde Energie regelrecht verprasst, aber „man muss nicht Laub von hier nach da pusten oder fünfmal im Jahr nach Mallorca fliegen“.

DEA-Vertreter Olaf Mager forderte, in der Diskussion ums Erdgas nicht nur den klima-, sondern auch den arbeitsmarktpolitischen Aspekt zu bedenken. Was die DEA-Aktivitäten in der Region angeht, so sagte Mager: „Wir wollen hier weiter tätig sein, solange es rechtlich und politisch möglich ist.“

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