Nase voll vom bloßen Gemecker

Astrid Enger macht sich im Mentoring-Programm auf den Weg in die Kommunalpolitik

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Unter den Augen ehemaliger Bundespräsidenten unterschreiben FGBO-Routinier Wilfried Mittendorf und die interessierte Nachwuchspolitikerin Astrid Enger im Ottersberger Rathaus ihre Mentoring-Vereinbarung.

Ottersberg - Vom allgemeinen Gemecker über „die da oben“ hatte Astrid Enger die Nase voll. „Man kann ja nichts machen? Stimmt nicht!“, sagt die Ottersbergerin. „Jeder kann was tun“, und wenn es der Kauf von Fairtrade-Kaffee sei. Astrid Enger will aber deutlich mehr Einfluss nehmen und informiert sich gerade aus erster Hand, wie Politik funktioniert, vor allem Kommunalpolitik vor der eigenen Haustür: Sie nimmt am niedersächsischen Mentoring-Programm „Frau.Macht.Demokratie.“ teil. Als Mentor nimmt sie Wilfried Mittendorf von der Freien Grünen Bürgerliste Ottersberg (FGBO) in seinem Alltag als Ratsmitglied an die Hand.

Ziel des vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung geförderten Mentoring-Programms ist es, Frauen für ein Mandat in der Politik zu begeistern; sie darin zu bestärken, sich politisch einzubringen und an der Weichenstellung in der Gesellschaft mitzuwirken.

Der Blick richtet sich dabei auf die Kommunalwahlen 2021 und das Bestreben, den Anteil weiblicher Abgeordneter in den Ortsparlamenten deutlich zu erhöhen. Der ist landauf, landab bescheiden. Im Ottersberger Gemeinderat sind derzeit sechs von 29 Stimmberechtigten Frauen.

Um Frauen zu unterstützen, die sich politisch engagieren wollen, aber erstmal genauer wissen möchten, was an Möglichkeiten, aber auch an Aufwand auf sie zukommt, nutzt das Mentoring-Programm „Frau.Macht.Demokratie.“ das Erfahrungswissen von routinierten Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern: Eine Mentorin oder ein Mentor lässt die Mentee ein Jahr lang an der eigenen Ratsarbeit und am kommunalpolitischen Alltag teilhaben, nimmt sie mit zu Sitzungen, bezieht sie ganz praktisch in die Prozesse vor Ort ein – und begleitet sie nach Möglichkeit auf dem Weg zu einem eigenen politischen Mandat.

Ob eine Kandidatur 2021 für sie am Ende des Mentorings in Frage kommt, lässt Astrid Enger sich offen: „Ich setze mich da nicht unter Druck.“ Ihr großes Ziel sei, den GWÖ-Gedanken in der Gemeinde zu verankern. Die Gemeinwohl-Ökonomie – kurz GWÖ – ist ein ethisches Wirtschaftsmodell, das das Wohl von Mensch und Umwelt zum obersten Ziel allen Wirtschaftens erklärt. „Ob die Kommunalpolitik einen Weg dahin bietet – mal sehen“, sagt Astrid Enger.

Vor sechs Jahren war die gebürtige Dresdenerin in den Flecken gezogen, um an der Ottersberger Hochschule Kunsttherapie zu studieren. Zurzeit unterrichtet sie an einer Schule in Achim Deutsch als Zweitsprache. In Ottersberg hatte sie sich zunächst der örtlichen GWÖ-Initiative angeschlossen – um eben mehr zu tun, als besagten Fairtrade-Kaffee zu kaufen. „Ich bin jetzt Anfang 50, meine Kinder sind aus dem Haus, da ist also Platz und Luft“ –zum Beispiel für das Mentoring-Projekt, weil „mich interessiert, wie Kommunalpolitik funktioniert“. Und welche Möglichkeiten der Mitgestaltung sie ihr bieten kann.

In eine Partei eintreten will Astrid Enger aber nicht: „Ich glaube nicht, dass unsere Demokratie über Parteipolitik zu erhalten ist.“ Sie will unabhängig bleiben, und als sie sich bei der Gleichstellungsbeauftragten Marlies Meyer nach dem Mentoring-Programm erkundigte, empfahl diese ihr deshalb die Freie Grüne Bürgerliste Ottersberg (FGBO). Deren „alter Hase“ Wilfried Mittendorf bot sich als Mentor an – und das passt für Astrid Enger: „Er ist sehr engagiert. Ich begleite ihn zu Sitzungen und kriege einen guten Eindruck. Gerade geht es viel um den Haushalt 2020, das ist ganz schön spannend.“ Außerdem wichtig für die Mentee: „Man hat das Gefühl, willkommen zu sein.“

Wilfried Mittendorf, Fischerhuder Ortsbürgermeister und langjähriges FGBO-Gemeinderatsmitglied, unterstützt Astrid Enger gerne: „Wir wollen Frauen in der Politik, und es ist grundsätzlich schön, wenn sich Leute freiwillig interessieren.“

Neben dem praktischen „Lernen am Vorbild“ beinhaltet das Mentoring-Programm Weiterbildungsveranstaltungen für die Mentees in verschiedenen Gemeinden des Landkreises. Da geht's dann um Kommunalrecht in der Praxis, Strukturen und Wege der Entscheidungsfindung, Bürgernähe, aber auch um persönliche Aspekte politischer Teilhabe – wie authentisches Auftreten und überzeugende Körpersprache.

In Ottersberg ist übrigens neben Mentor Mittendorf und seiner Mentee Enger noch ein zweites Mentoring-Gespann am Start: Linken-Ratsherr Jürgen Baumgartner und seine Ehefrau Susanne.

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