Lesung aus Gefängnisbriefen zum Gedenken an Cato Bontjes van Beek

Der 5. August war ihr Schicksalstag

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Schauspielerin Christine Mattner las am Todestag von Cato Bontjes van Beek aus Gefängnisbriefen.

Fischerhude - Von Elke Keppler. „Ich will nur eins sein und das ist ein Mensch“, formulierte Cato Bontjes van Beek in einem ihrer Briefe, die sie aus Berliner Gefängnissen an ihre Mutter Olga nach Fischerhude schrieb. Sie sind zusammengefasst in einem Buch des Autors Hermann Vinke und dokumentieren die Haftzeit der Fischerhuder Widerstandskämpferin, die wegen Beihilfe zum Hochverrat von Nazi-Schergen zum Tode verurteilt und nach monatelanger Inhaftierung schließlich am 5. August 1943 hingerichtet wurde.

An ihrem Todestag vergangenen Mittwoch organisierte der Fischerhuder Kunstverein im Buthmanns Hof eine szenische Lesung aus diesen Briefen mit der Schauspielerin Christine Mattner im Foyer des Buthmanns Hof, zu der sich zahlreiche Zuhörer eingefunden hatten.

Christine Mattner, von Wolf-Dietmar Stock, Vorsitzender des Kunstvereins, begrüßt und vorgestellt, stammt gebürtig aus Lüdingworth, lebt in Bremen und auf Formentera. Mit einfühlsamer Stimme, fein akzentuiert in der Betonung, las sie aus den Anfängen der Haftzeit, in der Cato noch nicht im Ansatz daran dachte, dass ihr Todesurteil in die Tat umgesetzt werden würde.

Die junge Frau hoffte auf Gnadengesuche und war voller Zuversicht. Tapfer ertrug sie die Umstände der Haft und den Verzicht auf kleine, angenehme Dinge des Alltags. Warme Hausschuhe für den kalten Zellenboden, eine Keramik ihres Vaters und Bleistifte waren bescheidene Wünsche, die sie nach Fischerhude schrieb.

Sie hinterfragte das Urteil der Beihilfe zum Hochverrat, das dehnbar gewesen wäre, wenn nicht eine scharfe Gesetzesänderung in Kraft getreten wäre und schließlich das unabwendbare Todesurteil bedeutete. Das Ausmaß dieser Änderung nahm sie ungläubig zur Kenntnis, äußerte sich dazu in Briefen, die aber zensiert wurden. Ebenso wurden auch die Antwortbriefe zensiert, was Cato sehr wohl bewusst war. Und so schrieb sie von den täglich wiederkehrenden Begebenheiten, von kleinen Freuden, wie einem Stückchen blauer Himmel. Sie beschrieb das Interieur der Zelle, zuerst im berüchtigten Alex, dann im Charlottenburger Gefängnis und schließlich in Plötzensee, in dem sich die Hinrichtungsstätte befand.

Mit aller Kraft klammerte sie sich an Dinge, die ihr etwas bedeuteten. Christine Mattner las von Drucken an den Wänden von Otto Modersohn, an die Cato per Zufall geraten war und die ihr ein Stückchen Fischerhude in die düstere Zelle brachten. Sie beschrieb ihren Tagesablauf, das Essen und das strenge Reglement, dem sie sich in der Haft zu unterwerfen hatte.

Besuche waren die Höhepunkte, von denen Cato lange zehrte. Sofort nach dem Urteil wäre sie bereit gewesen, zu sterben, so schrieb die einst so lebenslustige Cato. Jetzt aber, nach Monaten der Haft erwachte mehr und mehr ein starker Lebenswille, der immer wieder mit der Hoffnung auf ein Überleben einherging und Gedanken an das Ende als unwirklich vorkommen ließ.

Vor den Augen des Publikums entstand eine bizarre Welt voller politischer Willkür, gegen die Betroffene und ihre Angehörigen machtlos waren. Auszüge aus Briefen an ihre Geschwister, an ihren Cousin Ulrich Modersohn, den sie sehr mochte, was auf Gegenseitigkeit beruhte und immer wieder zu Herzen gehende Zeilen an ihre „geliebte Mama“, worin sie sich aber vordergründig bemühte Haltung zu bewahren. Nach und nach reduzierte Cato ihr ganzes Leben auf ihr Empfinden bis zum 5. August, als ihr die Hinrichtungszeit mitgeteilt wurde.

Anstelle des Geburtstagsbriefes für ihre Mutter schrieb sie ihr dann den Abschiedsbrief, bei dessen Worten sich einige Zuhörer Tränen aus den Augenwinkeln wischten. Wolf-Dietmar Stock lud das Publikum im Anschluss an die Lesung zu einem Rundgang durch die Cato-Gedächtnisausstellung ein, die im ersten Stock des Buthmannschen Hofes ihr künstlerisches Umfeld zeigt.

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